{"id":4639,"date":"2015-11-05T13:24:25","date_gmt":"2015-11-05T12:24:25","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=4639"},"modified":"2016-11-23T08:47:24","modified_gmt":"2016-11-23T07:47:24","slug":"kaempfen-scheitern-leiden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=4639","title":{"rendered":"k\u00e4mpfen, scheitern, leiden."},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/gedankentraeger.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Tr\u00e4umen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-4647\" src=\"http:\/\/gedankentraeger.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Tr\u00e4umen-200x300.jpg\" alt=\"Tr\u00e4umen\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/gedankentraeger.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Tr\u00e4umen-200x300.jpg 200w, https:\/\/gedankentraeger.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Tr\u00e4umen.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Karl Ove Knausg\u00e5rds sechsteiliger autobiographischer Romanzyklus wird vor allem als schonungslose Offenbarung wahrgenommen, f\u00fcr seine radikale Ehrlichkeit ist der norwegische Autor mittlerweile international bekannt. Tats\u00e4chlich machte genau dies die ersten drei B\u00e4nde &#8222;Sterben&#8220;, &#8222;Lieben&#8220; und &#8222;Spielen&#8220; wirklich aus. Sie waren fesselnd, ein bisschen grausam und unangenehm, aber man erkannte sich selbst in diesen B\u00e4nden ebenso wieder wie die Welt, in der wir leben.<\/p>\n<p>Die ersten drei B\u00e4nde wurden in Norwegen alle im Jahr 2009 ver\u00f6ffentlicht und sorgten f\u00fcr viel Aufsehen, unter anderem auch deshalb, weil Knausg\u00e5rd nicht nur mit sich selbst schonungslos umging, sondern auch mit seinem Vater, seiner Gro\u00dfmutter, seiner Frau, also seinem Umfeld und seinen engsten Bezugspersonen. Verwandte wollten Knausg\u00e5rd wegen der Darstellung der Gro\u00dfmutter sogar verklagen.<\/p>\n<p>Im nun erschienenen f\u00fcnften Band &#8222;Tr\u00e4umen&#8220; vollzieht sich ein deutlicher Bruch in der Kontinuit\u00e4t. Dieser l\u00e4sst sich durch die heftigen Reaktionen auf die ersten drei Teile erkl\u00e4ren. Mit sich selbst ist Knausg\u00e5rd zwar weiterhin gewohnt radikal, aber schon im vierten Band &#8222;Leben&#8220; ging es im Blick auf die Menschen in seinem Umfeld deutlich zahmer zu. Im f\u00fcnften Band nun kann von einer schonungslosen Offenbarung keine Rede mehr sein.<\/p>\n<p>~<\/p>\n<p>Wir treffen auf Karl Ove Knausg\u00e5rd mit Anfang Zwanzig, der in Bergen lebt und studiert, der zun\u00e4chst ungl\u00fccklich in Ingvild verliebt ist, die ihm von seinem Bruder Yngve wegschnappt wird, und dann endlich hat er seine erste feste Freundin, Gunvor, sp\u00e4ter heiratet er seine erste Frau Tonje.<\/p>\n<p>Die Beziehungen zu den Frauen \u2013 wie auch die Frauen selbst \u2013 bleiben seltsam schemenhaft. Man lernt sie gar nicht kennen, sie scheinen alle fast gleich. Das Scheitern der Beziehungen schreibt sich Knausg\u00e5rd immer selbst zu, die Frauen sind alle wunderbar, fast engelsgleich, er verliert kein kritisches Wort \u00fcber sie. Es ist ein auff\u00e4lliger, um nicht zu sagen krasser Gegensatz zu den ersten drei B\u00e4nden und beispielsweise der ganz anderen Darstellung seiner zweiten Ehe mit Linda in &#8222;Lieben.&#8220;<\/p>\n<p>Das z\u00f6gerliche Darstellen der anderen scheint wiederum die Schonungslosigkeit gegen\u00fcber sich selbst nur anzukurbeln. Wir begleiten einen arroganten, selbstherrlichen, aber auch tief verzweifelten jungen Mann zwischen Selbstzerst\u00f6rung und Gr\u00f6\u00dfenwahn. An einer Stelle hei\u00dft es: &#8222;Es kam mir vor, als h\u00e4tte ich recht und als h\u00e4tten alle anderen unrecht, als sei ich frei und als seien alle anderen an ihre Tage gefesselt.&#8220; Dann aber: &#8222;Das Wenige, was ich sagte, kam wie aus der Tiefe eines Brunnens, dumpf und irgendwie quakend.&#8220;<\/p>\n<p>Knausg\u00e5rd nennt sich selbst einen Sekund\u00e4rmenschen, der nicht schreiben kann und dennoch um jeden Preis versucht, in der literarischen Welt Fu\u00df zu fassen. Er will schreiben und dabei erfolgreich sein, das ist das zentrale Thema dieses Bandes. Dabei ist er enorm ehrgeizig (&#8222;Ich wollte mindestens der Beste meines Jahrgangs sein&#8220;) und sieht sich selbst zu seinen besten Freunden immer in einem Konkurrenzverh\u00e4ltnis. Doch er braucht ewig f\u00fcr sein erstes Buch, und kaum ist es erschienen, beginnt eine jahrelange neue Agonie, weil er mit dem zweiten Buch nicht weiter kommt. Knausg\u00e5rd verletzt sich selbst, er rastet immer \u00f6fter betrunken aus, er leidet, er k\u00e4mpft, er scheitert.<\/p>\n<p>In bereits gewohnter, aber fast noch deutlicherer Selbstdemontage als zuvor, stellt er seine Gef\u00fchllosigkeit dar: &#8222;Ich hatte immer gewusst, dass ich mich von allem abwenden und einfach fortgehen k\u00f6nnte, ohne es jemals zu bereuen. Selbst Tonje konnte ich zur\u00fccklassen. Wenn sie nicht da war, vermisste ich sie nicht. Ich vermisste niemanden und hatte es nie getan. Ich vermisste Mutter genauso wenig wie Yngve. Ich vermisste Espen nie und niemals Tore [beides enge Freunde]. Ich hatte Gunvor nicht vermisst, als ich mit ihr zusammen gewesen war, und heute vermisste ich Tonje nicht. Ich w\u00fcrde von Zeit zu Zeit mit W\u00e4rme an sie denken, aber nicht mit Sehnsucht. Es war eine meiner Schw\u00e4chen, eine Unzul\u00e4nglichkeit, eine K\u00e4lte des Herzens. [\u2026] Diese K\u00e4lte des Herzens war schrecklich, und manchmal dachte ich, dass ich nicht menschlich, sondern eine Art Dracula war, der sich von den Gef\u00fchlen anderer Menschen ern\u00e4hrte, selbst jedoch keine hatte.&#8220;<\/p>\n<p>~<\/p>\n<p>Durch die neue Vorsicht im Umgang mit seiner Umwelt und seinen Bezugspersonen bemerken wir die K\u00e4lte des Herzens kaum noch in den Erz\u00e4hlungen selbst. Aber bei einer Adressatengruppe bricht diese K\u00e4lte dann doch wieder hervor.<\/p>\n<p>Knausg\u00e5rd braucht Geld und nimmt \u2013 nicht aus Eigeninitiative, sondern vermittelt durch seine Freundin Gunvor \u2013 einen Ferienjob in einer Anstalt f\u00fcr geistig Behinderte an. Zu ihnen findet er keinen Zugang, und er lebt mit ihnen sogar auch ein komisches, fast schon kindisches Konkurrenzverh\u00e4ltnis aus. So m\u00f6chte er beispielsweise dem einen Bewohner keinen Kaffee geben, einfach aus Sturheit, und auf einem Spaziergang m\u00f6chte er einem anderen Bewohner unbedingt die Richtung aufzwingen, nur um sich gegen ihn durchzusetzen. Knausg\u00e5rd kommt nicht mit den Bewohnern zurecht, so schreibt er zum Beispiel ver\u00e4rgert \u00fcber \u00d8rnulf: &#8222;Er war der Unterste der Unteren, der Schw\u00e4chste unter den Schwachen, und hier sa\u00df ich und war voller Verachtung f\u00fcr ihn. Ich war hier der Unmensch. Aber ich kam nicht dagegen an. Seine Dummheit machte mich rasend.&#8220;<\/p>\n<p>Die langen Passagen \u00fcber das Leben in der Anstalt sind dabei teils durchaus gut beobachtet, so schmerzhaft sich das auch lesen mag. Hier ein Beispiel:<\/p>\n<p>&#8222;Der Gedanke an die Anstalt, also an all die Tage, die mir dort bevorstanden, war schlimmer und unertr\u00e4glicher als die Tage selbst, die ja zuverl\u00e4ssig irgendwann vorbei waren. Wenn ich dort unterwegs war, zwischen K\u00fcche und Pausenraum, Waschraum und den Zimmern, kam es mir vor, als verschw\u00e4nde alles andere, die Abteilung mit ihrem grellen Licht und dem Linoleumfu\u00dfboden, ihren strengen Ger\u00fcchen und der geballten Frustration und einer Vielzahl zwanghafter Verhaltensweisen, war ein eigenes Dasein, in dem ich versank, es umschloss mich gewisserma\u00dfen, die Schwelle zu ihrem Dasein zu \u00fcberschreiten, war wie das Betreten einer Zone. Das war nicht unproblematisch, aber die Probleme waren mit dem Leben dort und den Menschen dort, den Pflegern und Bewohnern verbunden. Es hing irgendwie damit zusammen, dass wir eingeschlossen waren, dass wir uns in einem begrenzten Raum bewegten, in dem jede noch so kleine Verschiebung in die eine oder andere Richtung ein schier unglaubliches Gewicht bekam, w\u00e4hrend das langsame Fortschreiten der Zeit und das Fehlen von etwas, was einen Weg hinaus wies, das Leben dort in eine bestimmte Art von Ruhe einlullten, einen fast vollkommenen Stillstand.&#8220;<\/p>\n<p>Das war die Zeit vor der Deinstitutionalisierung, wohl lange vor jedem Gedanken an Inklusion. Allerdings offenbaren Knausg\u00e5rds Schlussfolgerungen aus dem Beobachteten dann immer wieder sein mangelndes Verstehen:<\/p>\n<p>&#8222;Dass die Zeit dort langsamer verstrich, war nicht weiter verwunderlich, es war ein Ort, an dem nichts passierte, an dem keine Entwicklung m\u00f6glich war, das merkte man sofort, wenn man durch die T\u00fcr trat, es war eine Aufbewahrungsstelle, ein Lager f\u00fcr unerw\u00fcnschte Menschen, und diese Vorstellung war so grauenvoll, dass man alles tat, um den Eindruck zu erwecken, es w\u00e4re nicht so. Die Bewohner hatten ihre eigenen Zimmer mit ihren eigenen Sachen, die den Zimmern und Sachen der Menschen drau\u00dfen zum Verwechseln \u00e4hnlich sahen, sie nahmen ihre Mahlzeiten mit ihren Mitbewohnern und den Pflegern zu sich, die ihre Familie darstellen sollten, und gingen t\u00e4glich zur &#8218;Arbeit.&#8216; Was sie dort herstellten, war wertlos, der Wert bestand allein darin, dass die Arbeit ihrem Leben die Vorspiegelung von Sinn verlieh, den die Lebensl\u00e4ufe drau\u00dfen hatten. Und so verhielt es sich mit allem in ihrem Leben. Was sie umgab, glich etwas, und in dieser \u00c4hnlichkeit bestand der Wert.&#8220;<\/p>\n<p>Was er nicht versteht: dass die &#8218;Arbeit&#8216; nicht der Vorspiegelung von Sinn dient, sondern neben der Besch\u00e4ftigung (als Wert an sich) auch der Abwechslung, die jeder Mensch braucht.<\/p>\n<p>Am Ende wird es schlimm: &#8222;Eins hatte ich begriffen, als ich in der ersten Anstalt gearbeitet hatte. Das Leben war nicht modern. Alle Abweichungen, alle Deformationen, alle Entstellungen, jegliche Geistesschw\u00e4che, jeglicher Wahnsinn, alle Verletzungen, alle Krankheiten existierten nach wie vor, sie waren genauso gegenw\u00e4rtig wie im Mittelalter, wir hielten sie nur verborgen, wir hatten sie in riesigen H\u00e4usern im Wald deponiert, eigene Lager f\u00fcr sie organisiert, sie konsequent aus unserem Blickfeld entfernt, wodurch man den Eindruck gewann, dass die Welt frisch und gesund war, aber das stimmte nicht, das Leben war auch grotesk und verzerrt, krank und schief, menschenunw\u00fcrdig und dem\u00fctigend. Das menschliche Geschlecht war voller Schwachk\u00f6pfe, Idioten, Missgeburten, ob sie nun so zur Welt gekommen waren oder dazu geworden waren\u2026&#8220;<\/p>\n<p>Menschenunw\u00fcrdiges Leben, Schwachk\u00f6pfe, Idioten und Missgeburten: Nur noch ein kleiner Schritt bis zur n\u00e4chsten Konsequenz aus solchem Denken, und diese Rhetorik wird leider nirgendwo relativiert oder eingeordnet, wir bekommen nur die 1:1-Perspektive des Autors mit Anfang Zwanzig. Da h\u00e4tte man sich wenigstens noch eine der essayistischen Passagen dazu gew\u00fcnscht, die besonders in den ersten beiden B\u00e4nden vieles dann doch wieder aufgefangen haben.<\/p>\n<p>Der f\u00fcnfte Band ist insofern ungl\u00fccklich, als er einerseits mit der Kontinuit\u00e4t der Schonungslosigkeit bricht, andererseits in Bezug auf eine einzige Adressatengruppe diese dann aber doch wieder praktiziert. Besonders traurig daran ist, dass sich Knausg\u00e5rd ausgerechnet die Schw\u00e4chsten f\u00fcr seine H\u00e4rte ausgesucht hat, w\u00e4hrend er alle anderen in seinem Umfeld sch\u00fctzt. Das ist nicht nur moralisch fragw\u00fcrdig, sondern auch schlicht und einfach feige: sich ausgerechnet die herauszupicken, die sich nicht wehren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>tl;dr: Ich habe den f\u00fcnften Band wieder verschlungen, er ist toll wie immer, aber er bereitet erstmals in der Serie auch einigen Kummer.<\/p>\n<p>~<\/p>\n<p>(Warum dieser Band den Titel &#8222;Tr\u00e4umen&#8220; tr\u00e4gt, verstehe ich nicht. Es kommen ein paar zentrale Tr\u00e4ume vor, allerdings handelt es sich dabei um Alptr\u00e4ume, die nichts mit dem sanft anmutenden Titel und dem unbeschwert wirkenden Titelbild der Schaukel zu tun haben. Ich verstehe schon, dass sich Titel wie &#8222;Leiden&#8220;, &#8222;K\u00e4mpfen&#8220; oder &#8222;Scheitern&#8220;, zum Beispiel mit dem Titelbild eines mit einer Scherbe zerkratzten Gesichts, vielleicht nicht so gut verkaufen w\u00fcrden, aber ich frage mich, ob man nicht doch einen Titel und ein Bild h\u00e4tte finden k\u00f6nnen, die dem Text nicht so entgegenlaufen.)<\/p>\n<p>[Und mindestens einer der Titel in der Reihe sollte bitte &#8222;K\u00e4mpfen&#8220; hei\u00dfen, denn das ist schlie\u00dflich der Originaltitel der ganzen Serie, ein Band bleibt ja noch daf\u00fcr.]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karl Ove Knausg\u00e5rds sechsteiliger autobiographischer Romanzyklus wird vor allem als schonungslose Offenbarung wahrgenommen, f\u00fcr seine radikale Ehrlichkeit ist der norwegische Autor mittlerweile international bekannt. 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