{"id":4748,"date":"2016-01-13T21:06:50","date_gmt":"2016-01-13T20:06:50","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=4748"},"modified":"2017-04-13T10:31:00","modified_gmt":"2017-04-13T09:31:00","slug":"just-another-day-in-paradise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=4748","title":{"rendered":"just another day in paradise."},"content":{"rendered":"<p>Ich verfolge ja begeistert Joachim Bessings <a href=\"http:\/\/www.waahr.de\/2016-the-year-punk-broke\">2016 \u2013 The Year Punk Broke<\/a>. Wenn dieses Jahr sonst nichts Gutes bringt, wird es immer noch ein gutes Jahr gewesen sein, alleine deswegen. Also gestern, <a href=\"http:\/\/www.waahr.de\/kolumnen\/joachim-bessing\/121\">Cremes<\/a>. Verstehe ich einerseits alles gut, aber andererseits regt sich in mir auch Widerspruch: Wie wird das, wenn M\u00e4nner die Zartheit der Augenlider anderer M\u00e4nner bef\u00fchlen?<\/p>\n<p>Ich liebe die M\u00e4nner genug, als dass ich ihnen g\u00f6nne, von diesem Frauenwahnsinn verschont zu bleiben. Nicht, dass ich selbst cremem\u00e4\u00dfig sehr <em>investiert<\/em> w\u00e4re. Ich benutze seit 13 Jahren nur eine einzige Creme, n\u00e4mlich die tats\u00e4chlich sehr tolle <em>Cien<\/em> Antifalten-Creme von Lidl.<\/p>\n<p>Auf einer Flusskreuzfahrt arbeitete ich k\u00fcrzlich mit vier internationalen Kolleginnen zusammen. Eine fing an, der anderen Komplimente zu machen:<\/p>\n<p>&#8222;<em>Your hair looks fantastic today!<\/em>&#8220;<br \/>\n&#8222;<em>I love your shirt!<\/em>&#8220;<br \/>\n&#8222;<em>Those shoes are gorgeous!<\/em>&#8220;<\/p>\n<p>Wie sozial \u00fcblich, erwiderte die Kollegin die Komplimente mit Gegenkomplimenten. Einmal losgetreten, ist so eine Welle potentiell endlos. Bald wurden wir anderen in den Strom hineingerissen. In den n\u00e4chsten Tagen ging es neben den \u00fcblichen Kleidungsst\u00fccken um Accessoires von der M\u00fctze und dem Schal bis zur Tasche, um Schmuck wie Armb\u00e4nder, Ringe und Halsketten und selbst um Dinge wie ein besonders sch\u00f6nes iPad-Cover.<\/p>\n<p>Ich pflege bei der Arbeit einen merkelhaften Kleiderzugang und kombiniere zwei schwarze Hosenanz\u00fcge, einen schwarzen Rock, eine graue Hose, einfarbige Shirts und drei T\u00fccher. Hauptsache, es passt in unseren <em>dress code<\/em> (wir haben ein Handbuch, in dem alles genau drinsteht, sogar, dass wir jeden Tag frisch geputzte Schuhe anziehen sollen) [aber als Freiberufler sind wir offiziell nat\u00fcrlich \u00fcberhaupt nicht weisungsgebunden, haha].<\/p>\n<p>Jedenfalls: Nicht viel Spielraum f\u00fcr die Komplimentspirale, in der wir uns befanden. Meine Kolleginnen waren mit ihrer Kleidung durchaus viel kreativer. Vielleicht so kam die eine Kollegin auf meine Haut: &#8222;<em>Your skin is so smooth! It makes you look so young!<\/em>&#8220; Da musste ich wirklich widersprechen: &#8222;<em>Listen, I&#8217;m the mother of a severely disabled child. I&#8217;m perfectly aware that I don&#8217;t look younger than I am. This is really taking it too far.<\/em>&#8220;<\/p>\n<p>Die Zur\u00fcckweisung des Kompliments aber kam gar nicht gut an. Die Frauen sahen mich alle vorwurfsvoll an. Also sagte ich schnell: &#8222;<em>Well, I can tell you one thing: My mom gave me an anti-wrinkle lotion when I turned 30. It took me by surprise, I thought I was too young, but <\/em><em>I did use it ever since.<\/em>&#8220; Die Kollegin erfreut: &#8222;<em>There you go!<\/em>&#8220; Frieden war wieder hergestellt, ich hatte die Dynamik so gerade eben nicht gekappt.<\/p>\n<p>Bald ging es dann auch immer \u00f6fter um unsere Arbeit und wir sagten uns Sachen wie:<\/p>\n<p>&#8222;<em>You did a great job today!<\/em>&#8220; und<br \/>\n&#8222;<em>You handled that situation beautifully!<\/em>&#8220;<\/p>\n<p>Manchmal sa\u00df zum Abendessen ein 19-j\u00e4hriger norwegischer Schiffspraktikant als einziger Mann an unserem Tisch und ich hatte ein bisschen Bedenken, dass es ziemlich schrecklich f\u00fcr ihn sein k\u00f6nnte, mit uns mittelalten Frauen so ein 5-G\u00e4nge-Men\u00fc auszuhalten. Sein Chef aber versicherte auf eine entsprechende Nachfrage (relativ \u00fcberzeugend): &#8222;<em>No, no! He tells me that it&#8217;s absolutely fascinating.<\/em>&#8220;<\/p>\n<p>Abends ging ich, nachdem der Wein das Momentum noch einmal angekurbelt hatte, irgendwann v\u00f6llig ersch\u00f6pft in meine Kabine und am n\u00e4chsten Morgen war mir vor dem Zusammentreffen beim Fr\u00fchst\u00fcck etwas mulmig zumute: Waren uns \u00fcber Nacht gen\u00fcgend neue Ideen gekommen? Ich wei\u00df gar nicht, was anstrengender war: die Arbeit oder das Sozialverhalten unter f\u00fcnf Frauen.<\/p>\n<p>Deshalb dachte ich bis jetzt immer, es sei besser, wenn man in geschlechtergemischten Teams arbeitet. Aber wenn nun ein Mann m\u00f6chte, dass man seine zarten Augenlider bef\u00fchlt, dann bringt die Geschlechtermischung wohl auch nichts mehr. Insofern, <em>anyway<\/em>, das war meine <em>cautionary<\/em> Cremestory.<em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>[Neben der Antifalten-Creme erhielt ich von meinem Eltern zum 30. Geburtstag noch 30 Packungen <em>Nic Nac&#8217;s<\/em>. Ich wohnte zu der Zeit schon \u00fcber vier Jahre in den USA, hatte die \u00fcblichen Sachen, die man aus Deutschland vermisst (gutes Brot!) l\u00e4ngst \u00fcberwunden, aber nicht die Sehnsucht nach <em>Nic Nac&#8217;s<\/em>, und so war das eins der besten Geschenke aller Zeiten.]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich verfolge ja begeistert Joachim Bessings 2016 \u2013 The Year Punk Broke. Wenn dieses Jahr sonst nichts Gutes bringt, wird es immer noch ein gutes Jahr gewesen sein, alleine deswegen. Also gestern, Cremes. 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