{"id":4776,"date":"2016-01-15T15:48:28","date_gmt":"2016-01-15T14:48:28","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=4776"},"modified":"2016-01-15T15:52:40","modified_gmt":"2016-01-15T14:52:40","slug":"disconnect-gesamtkunstwerk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=4776","title":{"rendered":"disconnect [gesamtkunstwerk]."},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr die Verl\u00e4ngerung von Johns Schwerbehindertenausweis ist in Berlin das Landesamt f\u00fcr Gesundheit und Soziales zust\u00e4ndig. Momentan haben sie daf\u00fcr keine Zeit, das verstehe ich. Statt einer wirklichen Bearbeitung wurde also Johns auslaufender Schwerbehindertenausweis einfach ohne weitere Pr\u00fcfung verl\u00e4ngert, daf\u00fcr aber nur f\u00fcr ein Jahr \u2013 mit dem Ziel, dass die tats\u00e4chliche Bearbeitung dann in einem Jahr stattfinden soll.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns brachte das allerlei Unannehmlichkeiten mit sich, zum Beispiel konnte die Stra\u00dfenverkehrsbeh\u00f6rde unseren Parkausweis und unseren Parkplatz daraufhin auch nur jeweils f\u00fcr ein Jahr verl\u00e4ngern, weil sie auf der Grundlage der Dokumente aus dem LaGeSo arbeiten. Wir hatten allerlei Rennerei, die wir nun schon in einem Jahr wieder haben werden, und John muss dann auch wieder mitkommen, obwohl ihm diese Beh\u00f6rdeng\u00e4nge schwerfallen etc. Aber auch das ist okay. Die Berliner Verwaltung ist \u00fcberfordert, das ist klar, da kann man nichts machen.<\/p>\n<p>Das Problem ergab sich ganz anders. Bisher hatten wir n\u00e4mlich noch den alten Schwerbehindertenausweis, ein etwas merkw\u00fcrdig gr\u00fcn-rotes, gro\u00dfformatiges Papierdokument. Die neuen Ausweise haben ein festes Kreditkartenformat. Wir kamen also mit John zum Amt, zogen eine Nummer, warteten brav, und als wir an der Reihe waren, \u00fcbergaben wir der Sachbearbeiterin den ausgef\u00fcllten Antrag, unseren alten Ausweis und ein neues Passfoto. Sie nahm alles sofort an sich.<\/p>\n<p>Ich fragte: &#8222;Wenn Sie fertig sind, k\u00f6nnten Sie den alten Ausweis dann entwerten und mir zur\u00fcckgeben?&#8220;<br \/>\nSie sagte: &#8222;Nein, das geht nicht. Die alten Ausweise behalten wir hier, die werden ordnungsgem\u00e4\u00df vernichtet.&#8220;<br \/>\nIch: &#8222;Es ist nur so, ich w\u00fcrde ihn gerne behalten. Als Erinnerung. Wenn man ihn entwertet, kann ich ja auch sonst nichts mehr damit machen.&#8220;<br \/>\nSie: &#8222;Ich kann ja versuchen, das Foto abzuziehen, das k\u00f6nnen sie dann haben.&#8220;<br \/>\nIch: &#8222;Hm, einen Ausdruck von dem Foto habe ich Zuhause sowieso noch. Ich meinte eher den Ausweis als Ganzes.&#8220; [Ich konnte mich gerade noch stoppen, nicht Gesamtkunstwerk zu sagen.]<br \/>\nSie (emp\u00f6rt): &#8222;Na, so ein Ausweis ist ja nicht gerade etwas, worauf man stolz sein k\u00f6nnte!&#8220;<br \/>\nIch: &#8222;Um Stolz geht es mir auch nicht. Mir geht es um die Erinnerung.&#8220;<br \/>\nSie (mittlerweile richtig ungeduldig): &#8222;Als ob man sich daran gerne erinnert! Ich sage doch: Nein, das geht nicht.&#8220;<br \/>\nIch: &#8222;Schade. Wenn ich das gewusst h\u00e4tte, h\u00e4tte ich den Ausweis vorher wenigstens noch fotografiert.&#8220; [Ich traute mich an dieser Stelle schon nicht mehr, direkt danach zu fragen, den Ausweis noch einmal zum Abfotografieren zur\u00fcckzubekommen.]<\/p>\n<p>Die Sachbearbeiterin tat dann, als ob sie mich nicht geh\u00f6rt h\u00e4tte, widmete sich schnell wieder der Bearbeitung und schickte uns in ein anderes Zimmer, in dem wir den neuen Ausweis abholen konnten. Meine Erkl\u00e4rung hatte offensichtlich weder zeitlich noch philosophisch in ihren Rahmen gepasst.<\/p>\n<p>Dieser alte Schwerbehindertenausweis hat uns 12 Jahre lang begleitet. Ihm war auf der R\u00fcckseite irgendwann in einer anderen Farbe das zus\u00e4tzliche Merkmal &#8222;aG&#8220; aufgestempelt worden. Vorne drauf waren die verschiedenen Stempel des Versorgungsamtes Oldenburg und der ersten Verl\u00e4ngerung aus Berlin. Der Ausweis war als Fahrkartenersatz mit uns Bus, Zug, U- und S-Bahn gefahren und sah auch danach aus. Er war in verschiedenen Taschen, Rucks\u00e4cken und Koffern mit uns durch ganz Europa gereist. Der Ausweis war ein mehrfach angepasstes und gebrauchtes Dokument im besten Sinn, ja, es hat sich ein Teil unseres Lebens in ihm gespiegelt. (So weit die Ode an den Schwerbehindertenausweis.)<\/p>\n<p>Ich h\u00e4nge nicht nur an Sachen, &#8222;auf die man stolz sein kann.&#8220; Ich h\u00e4tte den Ausweis sehr gerne gemeinsam mit Johns Fotos und anderen Dingen aufbewahrt. Auch wenn er nicht im klassischen Sinn sch\u00f6n war und sehr benutzt aussah, so hatte er dennoch \u2013 oder gerade deshalb \u2013 ganz sch\u00f6n viel Charme. Ich erinnere mich gerne an ihn. [Und warum sollte mir eine Dame vom Amt vorschreiben k\u00f6nnen, woran ich mich gerne erinnere?]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr die Verl\u00e4ngerung von Johns Schwerbehindertenausweis ist in Berlin das Landesamt f\u00fcr Gesundheit und Soziales zust\u00e4ndig. Momentan haben sie daf\u00fcr keine Zeit, das verstehe ich. 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