{"id":4842,"date":"2016-03-26T19:18:07","date_gmt":"2016-03-26T18:18:07","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=4842"},"modified":"2019-01-03T17:35:18","modified_gmt":"2019-01-03T16:35:18","slug":"unser-abschied-von-john","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=4842","title":{"rendered":"unser abschied von john."},"content":{"rendered":"<p><strong>John Frederick Knight | <\/strong><strong>7. September 2000 &#8211; 5. M\u00e4rz 2016<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/gedankentraeger\/25982124531\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/live.staticflickr.com\/1673\/25982124531_23f5824a94_z.jpg\" alt=\"Karte und Kerze\" width=\"640\" height=\"427\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/gedankentraeger\/25955978962\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/live.staticflickr.com\/1472\/25955978962_a77e3440df_z.jpg\" alt=\"Trauerkarte\" width=\"640\" height=\"427\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Freitag bis Sonntag<\/strong><\/p>\n<p>Heute ist es drei Wochen her, dass John im Schlaf gestorben ist. Die \u00c4rzte denken, dass er wahrscheinlich einen Krampfanfall hatte, der zu einem Herzversagen gef\u00fchrt hat. SUDEP, das steht f\u00fcr <em>sudden unexpected death from epilepsy<\/em>. Pl\u00f6tzlich und unerwartet.<\/p>\n<p>Ich war nicht Zuhause, ich war gerade f\u00fcr den Bundestag in Erfurt. Als Scott mich anrief, setzte ich mich sofort in ein Taxi nach Berlin, kam aber nicht mehr rechtzeitig an, um John noch sehen zu k\u00f6nnen. Ein Polizist sagte mir am Telefon, sie d\u00fcrften Johns Leichnam nicht alleine lassen und w\u00fcrden dann solange in unserer Wohnung warten m\u00fcssen, bis ich ankomme. Ich war laut Navigationsger\u00e4t eine Stunde und 15 Minuten entfernt. Der Polizist sagte, er k\u00f6nne eine solche Wartezeit nicht rechtfertigen.<\/p>\n<p>Johns Leichnam wurde beschlagnahmt und abtransportiert. Normale Routine, wie man uns sagte, wenn jemand Zuhause stirbt. In der Zwischenzeit hatte die Polizei zum Gl\u00fcck die Seelsorge angerufen und es waren zwei Seelsorger gekommen, die solange bei Scott blieben, bis ich ankam. Zwei sehr nette Menschen, die uns auch erste Tipps f\u00fcr das gaben, was nun kommen w\u00fcrde. Sehr wertvoll zum Beispiel war der Hinweis auf ein Netzwerk f\u00fcr Abschiedskultur, PortaDora.<\/p>\n<p>Die Polizei hatte uns die Nummer des Bestattungsinstituts gegeben, welches John mitgenommen hatte. Am Morgen rief ich dort gleich an und sagte, dass wir John gerne sehen w\u00fcrden. Uns wurde mitgeteilt, dass das auf gar keinen Fall m\u00f6glich sei. Solange die Staatsanwaltschaft den Leichnam nicht freigegeben habe, d\u00fcrften wir John nicht sehen. Das erschien uns kolossal unmenschlich. &#8222;Wie lange k\u00f6nnte das dauern?&#8220;, fragten wir nach. Man sagte uns, wahrscheinlich zwischen Mittwoch und Freitag der folgenden Woche. In der Zwischenzeit wussten wir nur, dass unser totes Kind irgendwo in Berlin in einer Gerichtsmedizin liegt und dass wir nicht zu ihm d\u00fcrfen. Wie soll man das aushalten? Die Wohnung war ganz leer und ganz still. Wir im totalen Schockzustand.<\/p>\n<p>Wir konnten nicht essen und nicht schlafen. An die ersten beiden Tage, Samstag und Sonntag, habe ich fast keine Erinnerung mehr. Ich wei\u00df noch, dass wir einmal den Fernseher anschalteten, um Nachrichten zu sehen, und dass mir schon f\u00fcnf Minuten danach keine einzige Nachricht mehr in Erinnerung war. Mein Kopf war ein Sieb, durch das alles hindurch fiel, au\u00dfer die Buchstaben J-O-H-N. Ich h\u00e4tte nicht sagen k\u00f6nnen, was wir vor einer Stunde gemacht haben, geschweige denn am Tag zuvor. Wir sa\u00dfen nur da, K\u00f6rper und Geist waren sich in einer einzigen Sache einig: in der totalen Zur\u00fcckweisung dessen, was aber doch wahr war.<\/p>\n<p><strong>Montag bis Mittwoch<\/strong><\/p>\n<p>Am Montagmorgen beruhigte mich ein Telefonat mit dem verantwortlichen Kriminalpolizisten. Er versicherte uns, noch am selben Tag seinen Bericht fertig zu stellen und an die Staatsanwaltschaft zu leiten. Er hatte die Angaben des Notarztes vorliegen, hatte aus unserer Wohnung Johns letzte Arztbriefe aus dem Epilepsiezentrum im Januar mitgenommen, telefonierte zus\u00e4tzlich noch mit Johns \u00c4rzten und hatte in seinen Dienstjahren schon mehrere F\u00e4lle von SUDEP erlebt. Es war keine Frage von Fremdverschulden und der Kripobeamte stellte uns in Aussicht, John bald sehen zu k\u00f6nnen. Auch schlug er keine Obduktion vor.<\/p>\n<p>Ich war erleichtert, denn ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass man John aufschneiden w\u00fcrde. Nat\u00fcrlich waren Scott und ich auch auf der Suche nach Antworten. Was war blo\u00df geschehen? Aber eine Obduktion w\u00fcrde uns aller Wahrscheinlichkeit nach keine Antworten geben. Wir lasen von SUDEP, dass es medizinisch noch nicht erkl\u00e4rt werden kann. Und schon von Beginn an war Johns Krankengeschichte ein R\u00e4tsel gewesen, Experten auf zwei Kontinenten ratlos. Wir wussten im Grunde nichts, gar nichts. Das hatten wir in Johns Leben akzeptiert und das w\u00fcrden wir auch jetzt in seinem Tod akzeptieren m\u00fcssen. Kein Wissen, kein verstehen oder erkl\u00e4ren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Trotzdem hatten wir John bis jetzt immer helfen k\u00f6nnen und immer bemerkt, wenn etwas nicht stimmte. Warum hatten wir dieses Mal blo\u00df nichts bemerkt? Wir hatten die ganze Zeit das Lied &#8222;Pink Rabbits&#8220; von <em>The National<\/em> im Kopf, diese intensive Version des <em>tiny desk concerts<\/em>. So schlimm die Stelle: <em>You didn&#8217;t see me, I was falling apart<\/em>.<\/p>\n<p>Unser Verstand sagte: Wahrscheinlich konnten wir vorher gar nichts ahnen. Ich hatte noch am Freitagabend mit John telefoniert, er war gut gelaunt gewesen und als ich ihm sagte: &#8222;Montag kommt Mama wieder nach Hause&#8220;, hatte er gelacht und sich offensichtlich gefreut. John war auch in der ganzen vorigen Woche gut zufrieden gewesen. Trotzdem hatten wir immer dieses Lied im Ohr, weil wir John nicht vor dem Tod hatten besch\u00fctzen k\u00f6nnen. Scott zeigte mir ein anderes <em>tiny desk concert<\/em>, von <em>Wilco<\/em>. Es war das letzte, was John vor dem Zubettgehen angesehen hatte. Zu &#8222;I&#8217;m always in love&#8220; hatte er auf dem Sofa noch seinen <em>signature dance<\/em>, den rudernden Sitztanz vollf\u00fchrt, kurz bevor er starb.<\/p>\n<p>Freunde brachten uns Essen vorbei, was uns sehr half, denn an Dinge wie einkaufen oder kochen war gar nicht zu denken. Wir schliefen maximal zwei Stunden am St\u00fcck, sp\u00fcrten aber keine M\u00fcdigkeit. Wir bangten darum, ob die Staatsanwaltschaft dem Bericht der Kriminalpolizisten folgen und von einer Obduktion absehen w\u00fcrde. Ich merkte, wie wichtig es f\u00fcr mich war, dass John im Tod wenigstens noch ganz bleiben durfte. Ich wollte, dass sein Leichnam so wenig wie m\u00f6glich gest\u00f6rt wurde.<\/p>\n<p>Die Seelsorgerin hatte uns ein paar Kontaktdaten zu verschiedenen Bestattern gegeben. Wir sahen uns die Websites an und uns gefiel, was wir in einem Artikel \u00fcber Lea von Charon Bestattungen lasen. Sie wurde uns auch noch von anderer Seite empfohlen und schon das erste Gespr\u00e4ch mit ihr tat mir gut. Ich f\u00fchlte ja nur diese Leere und darunter einen unfassbaren, bodenlosen Schmerz. Sie erkl\u00e4rte mir, dass ich es mir vielleicht vorstellen k\u00f6nnte, wie wenn man im Winter aus der K\u00e4lte nach drinnen kommt und die verfrorene Hand in warmes Wasser legt. Das Wasser kommt einem dann ganz hei\u00df vor und man muss die Hand sofort wieder rausziehen. Dann legt man sie wieder hinein und jedes Mal kann man es ein bisschen l\u00e4nger aushalten, bis Hand und Wasser sich angepasst haben.<\/p>\n<p>So war es tats\u00e4chlich. Es ist wohl ein Schutzmechanismus der Psyche, dass man das Ausma\u00df der Katastrophe immer nur in kleinen Teilen weiter und weiter begreifen kann. In den ersten Tagen konnte ich mir kaum zwei oder drei Fotos von John ansehen. Dann ging es immer besser und nach ein paar Tagen sahen wir uns permanent Bilder von John an, aus allen Lebensjahren, und begannen damit, f\u00fcr die Trauerfeier eine gro\u00dfe Collage zu erstellen.<\/p>\n<p>Am Anfang war es auch unglaublich schwer, in Johns Zimmer zu gehen. Alles darin war John und es \u00fcberw\u00e4ltigte uns. Mit den Tagen aber gingen wir immer l\u00e4nger und immer lieber in sein Zimmer. An einem Abend setzten wir uns mit einer Flasche Sekt auf den Boden in Johns Zimmer, erz\u00e4hlten uns Geschichten aus seinem Leben und es war, als ob wir mit ihm sprechen konnten.<\/p>\n<p>Wie sollten wir weiterleben, wenn uns das Liebste genommen worden war? Lea sch\u00e4tzte es so ein: Wir hatten mit John so viele schwere Situationen \u00fcberstanden, bestimmt h\u00e4tten wir die Kraft schon in uns, die wir nun brauchen w\u00fcrden. Wir waren uns nicht sicher, aber was wir wussten: So, wie wir John f\u00fcnfzehneinhalb Jahre lang gepflegt, umsorgt und bedingungslos geliebt haben, so wollten wir ihn auch bei jedem Schritt auf diesem letzten Weg begleiten. So viel wie m\u00f6glich wollten wir selbst machen.<\/p>\n<p>Am Mittwoch, den 9. M\u00e4rz kam die erl\u00f6sende Nachricht der Staatsanwaltschaft, dass Johns Leichnam ohne Obduktion freigegeben worden war. Wir konnten John endlich wieder sehen, vier lange Tage hatten wir gewartet. Ich war enorm aufgeregt und kann gar nicht beschreiben, wie gut es war, John endlich zu sehen und ber\u00fchren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auf seinem Brustkorb klebten noch die Pflaster von den Wiederbelebungsversuchen, sonst sah er ganz friedlich aus. Vorsichtig entfernten wir die Pflaster, wuschen John und zogen ihm die Kleidung an, die wir Zuhause f\u00fcr ihn ausgesucht hatten. Lea und ihr Vater waren dabei, sie gaben Scott und mir Tipps, wie man am besten die Jeanshose anzieht oder den Pullover. Sie fassten mit an, wenn es n\u00f6tig war, aber sonst lie\u00dfen sie es uns alleine machen. Gemeinsam hoben wir John in den Sarg. Scott und ich hatten von Zuhause Kissen, Decke, Johns Lieblings-Holzpuzzle und sein Lieblings-Wimmelbuch mitgebracht, die wir zu John legten.<\/p>\n<p>Wir verbrachten zwei Stunden mit John und es war irgendwie beruhigend. In der folgenden Nacht schlief ich das erste Mal seit Johns Tod sechs Stunden durch. Und wachte erschrocken auf: Wie konnte ich nur sechs Stunden schlafen, wenn mein Kind tot ist?<\/p>\n<p><strong>Donnerstag bis Dienstag<\/strong><\/p>\n<p>Zwei Tage nachdem wir John in den Sarg gelegt hatten, fuhren wir f\u00fcr eine erste Abschiednahme am offenen Sarg wieder zum Fuhrunternehmen Gustav Sch\u00f6ne am Richardplatz in Neuk\u00f6lln, wo Johns Leichnam aufbewahrt wurde. Leas Vater war da, wir dekorierten den Raum, zuerst waren Scott und ich eine Weile mit John alleine, dann kamen neben dem Pfarrer auch meine Eltern dazu, die am Donnerstag in Berlin angekommen waren, und schlie\u00dflich noch ein paar Freunde. Wieder tat es uns sehr gut, zwei Stunden mit John zu verbringen.<\/p>\n<p>In der Zwischenzeit hatten wir auch zwei ganz wichtige Fragen gel\u00f6st: Bestattungsart und Bestattungsort. Direkt nach Johns Tod hatten wir gedacht, dass wir eine Kremation w\u00fcnschen. Je mehr Zeit verging, umso unsicherer wurden wir uns aber. Wir lasen \u00fcber die verschiedenen Bestattungsarten und ich sprach mit Lea dar\u00fcber. Was eine Erdbestattung betrifft, hatte ich diese g\u00e4ngige Angst im Kopf, dass der K\u00f6rper unter der Erde von W\u00fcrmern angefressen wird. Es stellte sich heraus, dass dem gar nicht so ist. Der Sarg liegt so tief, dass es dort keine W\u00fcrmer mehr gibt.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber hatte ich eine viel zu harmlose Vorstellung von der Kremation gehabt. Ich hatte mir noch nie Gedanken dar\u00fcber gemacht, wie der K\u00f6rper bei h\u00f6chster Hitze verbrannt wird, und ich wusste nicht, dass dabei 95% der Materie in einem gasf\u00f6rmigen Zustand in die Luft gehen, aber 5% Mineralien \u00fcbrig bleiben, die Knochen, die in einer M\u00fchle zermahlen werden und das bilden, was wir Asche nennen, was aber in Wirklichkeit gemahlene Knochen, also eine Art Sand ist. Ich war erschrocken, wie wenig ich tats\u00e4chlich \u00fcber Feuer- und Erdbestattung wusste und uns fiel es schwer, eine Entscheidung zu treffen.<\/p>\n<p>Lea kam uns mit guten Denkanst\u00f6\u00dfen zu Hilfe. Sie sagte, man k\u00f6nne dar\u00fcber nachdenken, dass bei der Kremation der K\u00f6rper an die Elemente Feuer und Luft gegeben wird, bei der Erdbestattung an die Elemente Erde und Wasser. Welche Elemente passten denn eher zu John? Man konnte auch dar\u00fcber nachdenken, ob er eher ein schneller Typ war oder ob er sich seine Zeit genommen hat? Die Erdbestattung erlaubt den nat\u00fcrlichen Aufl\u00f6sungsprozess innerhalb von 20 Jahren, der bei der Kremation auf eine Dauer von 45 Minuten beschleunigt wird.<\/p>\n<p>Wir dachten viel nach. John war eigentlich eher ein erdiger Typ gewesen und sein Element war zweifelsohne das Wasser. Er war gut darin gewesen, sich seine Zeit und seinen Raum zu nehmen. Er war sehr naturverbunden und nahm in der Natur immer wieder Dinge wahr, die uns entgingen. Und wir dachten: Wenn John schon so ein verk\u00fcrztes Leben hatte und nur 15 Jahre alt werden durfte, dann soll er doch wenigstens im Gehen alle Zeit der Welt haben. Erdbestattung also. So unsicher wir uns gewesen waren, nach ein paar Tagen war die Entscheidung f\u00fcr uns glasklar.<\/p>\n<p>In den Tagen nach Johns Tod besuchten und durchwanderten wir auch einige Friedh\u00f6fe. Lea hatte uns vorgeschlagen, hinzufahren und zu laufen, um ein Gef\u00fchl f\u00fcr die Orte zu bekommen. Ein weiterer wichtiger Hinweis f\u00fcr uns. Zun\u00e4chst hatten wir n\u00e4mlich an den Friedhof Alt-Stralau gedacht, weil wir dort h\u00e4ufiger mit John gewesen waren und weil der kleine Friedhof von Wasser umgeben ist. Als wir aber dort waren, merkten wir sofort, dass es nicht der richtige Ort ist. Auch der Friedhof an der Ackerstra\u00dfe in der N\u00e4he unserer ehemaligen Wohnung am Arkonaplatz schien uns nicht richtig. Wir hatten schon ein bisschen Angst, dass es sich nirgendwo passend anf\u00fchlen w\u00fcrde, doch als wir zum Alten Luisenst\u00e4dtischen Friedhof in Kreuzberg kamen, wussten wir sofort: Hier ist es. Ein wunderbarer Naturfriedhof.<\/p>\n<p><a title=\"Weg zu John\" href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/44263469@N07\/25445582153\/\" rel=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Weg zu John\" src=\"http:\/\/farm2.staticflickr.com\/1552\/25445582153_48ee59106c_n.jpg\" alt=\"Weg zu John\" width=\"213\" height=\"320\"><\/a><\/p>\n<p>Mehrfach suchten wir nach dem richtigen Platz und waren gl\u00fccklich, dass eine Wahlstelle genau da frei war, wo wir es schlie\u00dflich gerne wollten, eher im hinteren Teil des Friedhofs. Man geht \u00fcber einen kleinen H\u00fcgel (Wikipedia: ehemals ein unfruchtbarer Weinberg) an einer Engelstatue vorbei auf ein Mausoleum zu, und dann liegt rechts eine sch\u00f6ne Lichtung, auf die die Morgensonne scheint. Das war unser Ort, wir waren uns wieder ganz sicher.<\/p>\n<p>Erdbestattung und Platz auf dem Friedhof, mit diesen beiden wichtigen Entscheidungen im R\u00fccken fuhren wir am Dienstag, den 15. M\u00e4rz gemeinsam mit meinen Eltern nach F\u00fcrstenwalde, wo wir von Johns Schule zu einer Trauerfeier eingeladen waren. Es war gleichzeitig hart und sch\u00f6n, alle wieder zu sehen: Lehrer, Assistenten, Begleitender Dienst, Mitsch\u00fcler. Johns Tod hatte neben uns als Eltern noch so viele andere Menschen ersch\u00fcttert. Die Pastorin hielt eine ber\u00fchrende Ansprache, ebenso die Schulleiterin. Wir sahen Fotos von John aus den letzten sechs Schuljahren. W\u00e4hrend ein Lied gespielt wurde, brachten die Sch\u00fcler und Lehrer Dinge f\u00fcr John nach vorne, die sie in einen Korb legten: Kerzen, selbstgemalte Bilder, Texte, Briefe und ein Glas mit seinem geliebten &#8222;Rieselsand&#8220; beim Haus Martha, wo lange Johns Klasse gewesen war.<\/p>\n<p>Es war eine bewegende Feier und wir waren wieder so dankbar, dass John in der Burgdorf-Schule so einen guten Ort gefunden hatte. Den Korb durften wir am Ende der Feier mitnehmen. Eine von Johns Mitsch\u00fclerinnen schrieb in einem Brief an John: &#8222;Du gingst ganz leis, Seele aus Licht, schmetterlingsleicht, denken wir alle an Dich.&#8220; Zuhause breiteten wir alles auf Johns Bett aus. Der Esszimmertisch war schon voll von Karten, wir hatten in der Zwischenzeit an die hundert Karten und Briefe erhalten. Die \u00fcberw\u00e4ltigende Anteilnahme und Unterst\u00fctzung machten uns sprachlos und halfen uns aber auch, wir waren nicht allein. Und ein kleiner Trost im noch immer Unbegreiflichen: John hat so viele Menschen ber\u00fchrt und bewegt, das bleibt f\u00fcr immer.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/gedankentraeger\/25982098491\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/live.staticflickr.com\/1512\/25982098491_abcc6f0c51_z.jpg\" alt=\"Schule\" width=\"640\" height=\"330\" \/><\/a><\/p>\n<p><a title=\"Rieselsand\" href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/44263469@N07\/25775909330\/\" rel=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Rieselsand\" src=\"http:\/\/farm2.staticflickr.com\/1632\/25775909330_1371fd0a4c_n.jpg\" alt=\"Rieselsand\" width=\"260\" height=\"320\"><\/a><\/p>\n<p><a title=\"Karten\" href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/44263469@N07\/25443646764\/\" rel=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Karten\" src=\"http:\/\/farm2.staticflickr.com\/1453\/25443646764_81610b3626_n.jpg\" alt=\"Karten\" width=\"213\" height=\"320\"><\/a><\/p>\n<p><strong>Mittwoch bis Freitag<\/strong><\/p>\n<p>Insgesamt sahen wir John zwischen der Freigabe seines Leichnams und der Beerdigung drei Mal und es gab zwei Abschiednahmen am offenen Sarg. Die letzte Abschiednahme fand am Tag vor der Beerdigung statt, am Donnerstag, den 17. M\u00e4rz. Am Vortag waren die Familienangeh\u00f6rigen aus den USA eingeflogen sowie mein Bruder mit Familie aus Norddeutschland eingetroffen und so hatten noch wieder mehr Menschen die Gelegenheit, sich auch von John zu verabschieden.<\/p>\n<p>John war schon knapp zwei Wochen tot, sah aber immer noch sehr friedlich aus. Sein K\u00f6rper hatte sich ein bisschen gem\u00fctlicher gebettet, der Kopf ruhte ein bisschen mehr zur linken Seite. Bei der Abschiednahme dekorierten wir gemeinsam mit den anderen Anwesenden den Sargdeckel mit Teilen von Johns geliebten Holzpuzzles und obenauf mit seinem Namen.<\/p>\n<p>Scott und ich bekamen noch einmal die M\u00f6glichkeit, mit John alleine zu sein, was uns auch sehr gut tat, um wirklich endg\u00fcltig Abschied zu nehmen. Wir legten zus\u00e4tzlich zu den anderen Dingen, die wir John schon mitgegeben hatten, noch zwei Briefe in seine Hand, die wir ihm geschrieben hatten. Am Ende hoben wir selbst den Deckel auf den Sarg und gemeinsam mit den Taufpaten und anderen Familienangeh\u00f6rigen drehten wir die sechs Schrauben ein.<\/p>\n<p><a title=\"Sarg\" href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/44263469@N07\/25775523060\/\" rel=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Sarg\" src=\"http:\/\/farm2.staticflickr.com\/1514\/25775523060_e6eb987349_n.jpg\" alt=\"Sarg\" width=\"240\" height=\"320\"><\/a><\/p>\n<p>Jeder Schritt in den zwei Wochen zwischen Tod und Beerdigung war wichtig f\u00fcr uns. Was mir vorher auch nicht so klar war: wie viele Entscheidungen man nach einem Tod treffen muss. Und diese Entscheidungen sind endg\u00fcltig, wir w\u00fcrden mit ihnen f\u00fcr den Rest unseres Lebens leben. Niemals k\u00f6nnten wir diese Zeit wiederbringen, deshalb brauchten wir diese zwei Wochen.<\/p>\n<p>Am Freitag, den 18. M\u00e4rz um 11 Uhr erfolgte dann die Trauerfeier mit der Beerdigung. Wir hatten bei einer Floristin aus dem PortaDora-Netzwerk, Frieda Schwarz, die Blumen bestellt. Sie sollten wiesenm\u00e4\u00dfig aussehen, das passte am besten zu John. Man h\u00e4tte es nicht sch\u00f6ner gestalten k\u00f6nnen. Auch die schlichten Efeuranken auf dem Sarg waren richtig passend f\u00fcr John. F\u00fcr unser Gesteck hatten wir Frieda die wichtigsten Bildkarten von John gegeben und sie hatte sie sehr sch\u00f6n in unsere Blumen eingearbeitet: Rausgehen, Einkaufen, Pause, Ausflug und nat\u00fcrlich Schwimmen.<\/p>\n<p><a title=\"Schwimmen\" href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/44263469@N07\/25981964761\/\" rel=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Schwimmen\" src=\"http:\/\/farm2.staticflickr.com\/1612\/25981964761_6d355e06d9_n.jpg\" alt=\"Schwimmen\" width=\"320\" height=\"213\"><\/a><\/p>\n<p><a title=\"Wiesengesteck\" href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/44263469@N07\/25775517240\/\" rel=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Wiesengesteck\" src=\"http:\/\/farm2.staticflickr.com\/1594\/25775517240_7ec2ffd548_n.jpg\" alt=\"Wiesengesteck\" width=\"213\" height=\"320\"><\/a><\/p>\n<p>Es waren viele Freunde und Familienangeh\u00f6rige aus ganz Deutschland und aus den USA gekommen. Wir hatten unsere Collage mitgebracht. Mein Bruder las die F\u00fcrbitten und der Pfarrer sprach sehr sch\u00f6n zu Johns Namenspatronen. In jedem von ihnen konnte man John ein St\u00fcck erkennen. Scott hielt eine Ansprache, die genau das ausdr\u00fcckte, was wir \u00fcber John sagen wollten. Es war absolut wunderbar, dass Scott diese Kraft hatte. Ich wei\u00df nicht, ob ich es geschafft h\u00e4tte. Auf dem Weg zum Grab sah ich, wie sich zwei Eichh\u00f6rnchen um einen Baum herum jagten.<\/p>\n<p>Im Anschluss an die Beerdigung hatten wir zwei R\u00e4ume im Caf\u00e9 Strauss gemietet, nicht weit vom Friedhof entfernt in der Bergmannstra\u00dfe. Auch daf\u00fcr waren wir in den beiden Wochen zuvor herumgelaufen, um den richtigen Ort zu finden. Das Caf\u00e9 Strauss war perfekt. So ein sch\u00f6nes Caf\u00e9. Wir hatten Schnittchen, Apfelstreusel- und K\u00e4sekuchen bestellt und verbrachten dort zwei Stunden gemeinsam mit unseren G\u00e4sten. Es war uns ein Bed\u00fcrfnis, John einen sch\u00f6nen Abschied zu geben und ich glaube, das ist uns auch gelungen.<\/p>\n<p>Seitdem geht der Schmerz weiter. Wir wissen, dass es lange, lange dauern wird. Wie findet man von Drei wieder zur\u00fcck zu Zwei? Wie kann man ohne sein Kind \u00fcberleben und leben? Nicht umsonst spricht man von Trauerarbeit. Wir haben gemerkt, dass es sogar k\u00f6rperlich anstrengend ist. An einem Tag tat mir alles weh, es f\u00fchlte sich an wie Muskelkater, dabei hatte ich gar nichts gemacht.<\/p>\n<p>Die Ersch\u00f6pfung wird sp\u00fcrbarer und der K\u00f6rper holt sich mehr und mehr Schlaf. Im Moment sind Scott und ich noch am liebsten alleine. Wir vermissen John so. Das Pl\u00f6tzliche und Unerwartete ist schwer zu verarbeiten. Wir sind aber in der Trauer auch dankbar f\u00fcr einen sch\u00f6nen Abschied, mit der wertvollen Hilfe unserer Bestatter Lea und Uller Gscheidel, und so dankbar auch f\u00fcr die beeindruckende Unterst\u00fctzung durch unsere Familie und Freunde, und vor allem dankbar f\u00fcr die Zeit, die wir mit John hatten. Auch wenn sie uns nat\u00fcrlich viel zu kurz vorkommt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/gedankentraeger\/25783401783\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/live.staticflickr.com\/1667\/25783401783_6aab4b8289_z.jpg\" alt=\"Johns Grab\" width=\"640\" height=\"591\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/gedankentraeger\/25775446530\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/live.staticflickr.com\/1616\/25775446530_3948327b2f_z.jpg\" alt=\"Johns Grab\" width=\"640\" height=\"428\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/gedankentraeger\/26048178285\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/live.staticflickr.com\/1446\/26048178285_a2494ce086_z.jpg\" alt=\"Alter Luisenst\u00e4dtischer Friedhof\" width=\"640\" height=\"427\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>Du gingst ganz leis, Seele aus Licht, schmetterlingsleicht, denken wir alle an Dich.<\/em><\/p>\n<p>~<\/p>\n<p>Links:<\/p>\n<p>PortaDora Abschiedskultur [<a href=\"http:\/\/www.portadora.de\">#<\/a>]<\/p>\n<p>The National: Pink Rabbits [<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=TdFCD3oXMZo\">#<\/a>]<\/p>\n<p>Wilco: I&#8217;m always in love [<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=KMQQqa21ZVs\">#<\/a>]<\/p>\n<p>Charon Bestattungen [<a href=\"http:\/\/www.charon.de\/\">#<\/a>]<\/p>\n<p>Frieda Schwarz [<a href=\"http:\/\/www.vergissnichtmein-floristik.de\/\">#<\/a>]<\/p>\n<p>Alter Luisenst\u00e4dtischer Friedhof [<a href=\"http:\/\/www.evfbs.de\/index.php?id=72\">#<\/a>]<\/p>\n<p>Caf\u00e9 Strauss [<a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/neueroeffnung-in-kreuzberg-wiener-cafe-auf-dem-friedhof\/8162974.html\">#<\/a>]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>John Frederick Knight | 7. September 2000 &#8211; 5. M\u00e4rz 2016 Freitag bis Sonntag Heute ist es drei Wochen her, dass John im Schlaf gestorben ist. Die \u00c4rzte denken, dass er wahrscheinlich einen Krampfanfall hatte, der zu einem Herzversagen gef\u00fchrt hat. SUDEP, das steht f\u00fcr sudden unexpected death from epilepsy. Pl\u00f6tzlich und unerwartet. Ich war [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[46],"tags":[],"class_list":["post-4842","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-trauer"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4842"}],"collection":[{"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4842"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4842\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5608,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4842\/revisions\/5608"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4842"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4842"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4842"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}