{"id":4894,"date":"2016-04-18T09:22:21","date_gmt":"2016-04-18T08:22:21","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=4894"},"modified":"2017-04-13T10:26:21","modified_gmt":"2017-04-13T09:26:21","slug":"sechswochenamt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=4894","title":{"rendered":"sechswochenamt."},"content":{"rendered":"<p>Das Sechswochenamt markiert in der katholischen Kirche das Ende der ersten Trauerphase. Wir haben vorgestern zwar kein Sechswochenamt f\u00fcr John gefeiert, aber ich musste daran denken, was es bedeutet.<\/p>\n<p>Zuerst haben wir John noch \u00fcberall wahrgenommen. In den ersten Tagen nach seinem Tod war dies besonders stark. Zwei Tage lang hatte ich sogar das Gef\u00fchl, dass seine Seele wirklich noch bei uns ist.<\/p>\n<p>Weil John unser Lebensmittelpunkt war, gab es im akuten Vermissen keine Pause. \u00dcberall leere Stellen. Jeden Wochentag gegen vier hatten wir zum Beispiel das Gef\u00fchl, nach Hause zu m\u00fcssen, weil John um kurz vor f\u00fcnf aus der Schule kommt. Als wir abends Scotts Familie aus den USA trafen, hatten wir nachher im Auto das Gef\u00fchl, schnell nach Hause zu m\u00fcssen, um den Babysitter abzul\u00f6sen. In der K\u00fcche meinte ich immer, dass John jeden Moment reinkommt und mir auf den F\u00fc\u00dfen steht, weil er endlich essen m\u00f6chte. Um dann immer jeweils zu denken: &#8222;Nein, nicht mehr.&#8220;<\/p>\n<p>So ging das den ganzen Tag, in so vielen Kleinigkeiten, schlie\u00dflich hatten wir uns vollkommen auf John eingestellt. Nach sechs Wochen denke ich zwar immer noch die ganze Zeit an John, aber ich glaube, ich habe mittlerweile doch tiefer verstanden, dass er nicht mehr da ist. Von Tag zu Tag wurde es mir bewusster (dieser Verst\u00e4ndnisprozess durchl\u00e4uft erstaunlich viele Ebenen).<\/p>\n<p>Ein solch tieferes Verstehen wird vielleicht durch das Sechswochenamt symbolisiert. Es lindert allerdings die Traurigkeit nicht, fast im Gegenteil, weil es ein Erkennen bedeutet, welches auf dem Weg zum Anerkennen liegt und daher eng mit dem Loslassen verkn\u00fcpft ist, welches wiederum so schmerzhaft ist.<\/p>\n<p>Neben der Trauer der Seele ist dies auch eine k\u00f6rperliche Erfahrung. Einerseits ist da der Aspekt der Pflege. Wir haben John bis zum Schluss die Haare gewaschen, die Z\u00e4hne geputzt, ihn angezogen, gewickelt etc. Au\u00dferdem war John, weil er keine Sprache hatte, umso mehr ein besonders k\u00f6rperlicher Mensch. Seine ganze Kommunikation ging \u00fcber den K\u00f6rper. Und weil John zum Schluss schon 1,94 m gro\u00df war, hatte das nat\u00fcrlich auch eine enorme Kraft in sich.<\/p>\n<p>Weil er nicht verkehrssicher war, haben wir John drau\u00dfen immer an der Hand gehalten. Beim Gehen hat er sich gerne an meine Schulter geh\u00e4ngt. John hat noch immer gerne auf meinem Scho\u00df gesessen. Jetzt ist er nicht mehr da und wir gehen im Wortsinn unbeschwert durch den Tag. Keiner h\u00e4ngt an meinem Arm, keiner steht auf meinen F\u00fc\u00dfen, keiner muss gewaschen, angezogen und gewickelt werden. Diese Diskrepanz ist auch schwierig: Im Wortsinn unbeschwert, die Tage stehen offen, keine Verantwortung mehr, aber dennoch nie wieder unbeschwert, weil John f\u00fcr immer fehlt, seine Pers\u00f6nlichkeit, seine ungest\u00fcme Energie, sein Humor, seine unverwechselbare Sicht auf die Welt.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob es etwas damit zu tun hat, dass John sich so sehr \u00fcber den K\u00f6rper mitgeteilt und ausgedr\u00fcckt hat, aber zu seinem Grab zu fahren kann uns im Moment am ehesten etwas beruhigen. Ich wei\u00df, dass Johns K\u00f6rper nur noch eine H\u00fclle war. Als wir seinen Leichnam angezogen haben, sp\u00fcrten wir das auch ganz deutlich, das Anziehen ist ja etwas ganz anderes ohne jegliche K\u00f6rperspannung. Dennoch f\u00fchle ich eine Verbundenheit zu diesem Ort, an dem John begraben liegt. Mit dem Fahrrad sind wir in einer Viertelstunde dort und wir besuchen ihn im Moment noch jeden Tag zwei Mal. Bei sch\u00f6nem Wetter sitzen wir dort auch gerne l\u00e4nger auf der Bank.<\/p>\n<p>Am Eingang zum Friedhof bl\u00fcht gerade ein gro\u00dfer Magnolienbaum. Ich glaube, den h\u00e4tte John gemocht. Und ich denke, was unter anderem auch bleibt: John ist jetzt in allen sch\u00f6nen Dingen, die ich sehe.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/gedankentraeger\/25894221934\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/live.staticflickr.com\/1456\/25894221934_a77c771425_z.jpg\" alt=\"Magnolienbaum am Friedhof\" width=\"640\" height=\"480\" \/><\/a><\/p>\n<p><a title=\"Magnolienbaum am Friedhof\" href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/44263469@N07\/26226256820\/\" rel=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Magnolienbaum am Friedhof\" src=\"http:\/\/farm2.staticflickr.com\/1584\/26226256820_c7fb3a1c52_n.jpg\" alt=\"Magnolienbaum am Friedhof\" width=\"240\" height=\"320\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Sechswochenamt markiert in der katholischen Kirche das Ende der ersten Trauerphase. Wir haben vorgestern zwar kein Sechswochenamt f\u00fcr John gefeiert, aber ich musste daran denken, was es bedeutet. 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