{"id":4906,"date":"2016-05-03T17:37:13","date_gmt":"2016-05-03T16:37:13","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=4906"},"modified":"2017-01-07T11:11:14","modified_gmt":"2017-01-07T10:11:14","slug":"fragtwarum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=4906","title":{"rendered":"#FragtWarum"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr autistische Kinder gibt es eine Fr\u00fchintervention, die schon vor dem f\u00fcnften Lebensjahr einsetzt: eine verhaltenstherapeutische F\u00f6rderung namens ABA (Applied Behavior Analysis). Die Methode wurde in den 1960er Jahren vom Psychologen Ivar Lovaas in Kalifornien entwickelt, sie basiert auf B. F. Skinners Behaviorismus. Im Grunde handelt es sich um eine operante Konditionierung. Die autistischen Kinder sollen durch intensive Fr\u00fchf\u00f6rderung dazu gebracht werden, erw\u00fcnschte Verhaltensweisen zu erlernen.<\/p>\n<p>Es steht f\u00fcr mich au\u00dfer Frage, dass das Ziel von ABA eine Anpassung der Autisten an die Welt der Nicht-Autisten ist. Eine ABA-Therapeutin sagte mir mal: &#8222;Wenn Dein Sohn im Alter von vier Jahren in der \u00d6ffentlichkeit am Daumen nuckelt, ist das vielleicht noch s\u00fc\u00df. Mit 15 ist es aber definitiv nicht mehr niedlich.&#8220;<\/p>\n<p>Zu Zeiten von Lovaas arbeitete man noch mit harten Strafen und Elektroschocks, seither wurde die Methode zwar in einer weniger gewaltt\u00e4tigen Form weiterentwickelt, aber sie ist immer noch sehr invasiv. Dies zeigt sich alleine schon daran, dass die Intervention f\u00fcr 30-40 Stunden pro Woche angewendet wird. Die Kinder befinden sich praktisch permanent in Therapie. Zudem gibt es keinen gesch\u00fctzten Raum, da die Therapie auch im eigenen Zuhause stattfindet und von den Eltern als Co-Therapeuten mit durchgef\u00fchrt wird, was wiederum auch problematisch f\u00fcr die Eltern-Kind-Beziehung ist.<\/p>\n<p>Dabei wird gerne behauptet, ABA sei die wirksamste Methode zur Behandlung von fr\u00fchkindlichem Autismus. Das ist zun\u00e4chst schon ein fragw\u00fcrdiges Statement, denn randomisierte kontrollierte Studien kann es gar nicht geben. Im Vorfeld kann man das Potential der verschiedenen Kinder nicht absch\u00e4tzen und so gibt es keine verl\u00e4ssliche Vergleichsgrundlage. Noch entscheidender ist f\u00fcr mich allerdings die grunds\u00e4tzliche Frage, ob fr\u00fchkindlicher Autismus denn \u00fcberhaupt zwingend einer \u2013 zudem so fr\u00fchen und so intensiven \u2013 Behandlung oder Therapie bedarf.<\/p>\n<p>W\u00fcrde man ein normales Kind 30-40 Stunden pro Woche trainieren? Ich glaube, man w\u00fcrde ein solches Pensum als \u00fcbergriffig empfinden. Warum ist dieses Empfinden bei ABA anders? Weil der Druck so gro\u00df ist, das Kind anzupassen?<\/p>\n<p>ABA hat in den USA eine lange Tradition, dort kommen mehrere Faktoren zusammen. Zun\u00e4chst einmal handelt es sich um eine Gesellschaft, die sehr auf Leistung fokussiert ist. Au\u00dferdem gibt es kein starkes Gesundheits- und Sozialsystem, die Eigenverantwortung ist hoch, und damit auch der Druck von Eltern, ihre Kinder irgendwie in das Leben einzupassen, gerade wenn beide Elternteile arbeiten.<\/p>\n<p>Man muss sich immer wieder vor Augen f\u00fchren, wo der Druck liegt und woher er kommt. Da kann man sogar bis zur Entwicklung des Begriffs Autismus als Diagnose zur\u00fcckgehen. Leo Kanner leitete die in den USA erste kinderpsychiatrische Klinik an der Johns Hopkins Universit\u00e4t und stand von Beginn an unter Druck, die Einrichtung dieser Spezialklinik durch Diagnosen und vor allem auch durch erfolgreiche Therapien zu rechtfertigen.<\/p>\n<p>Ich finde es wichtig zu sehen, dass das alles einer systemimmanenten Logik unterliegt. Das Behandlungssystem entwickelte sich, dann wurde die Wissenschaft als Unterf\u00fctterung nachgeschoben. Ihr G\u00fctegrad ist nicht hoch (und kann eben gar nicht hoch sein, weil randomisierte doppelblinde Studien nicht m\u00f6glich sind). Aber irgendwann ist man an einem Punkt, an dem das System vor allem danach trachtet, sich selbst zu erhalten. Und Eltern gaben dem nach, weil innerhalb dieses Systems auch Ganztagseinrichtungen f\u00fcr die Kinder entstanden. Mit den Spezialeinrichtungen kam also auch eine Betreuung, die die Eltern brauchten, um arbeiten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In Deutschland war die Lage anders und ABA lange uninteressanter. Durch unser st\u00e4rkeres Sozialsystem (z.B. durch das Pflegegeld) haben wir mehr M\u00f6glichkeiten, dass ein Elternteil reduziert oder gar nicht erwerbst\u00e4tig ist. Dadurch haben wir einen geringeren Anpassungsdruck. Und w\u00e4hrend man ABA in den USA als Finanzierungsargument f\u00fcr Spezialeinrichtungen brauchte, hatten wir in Deutschland durch das heilp\u00e4dagogische System sowieso schon spezialisierte Einrichtungen. Dazu kommt, dass wir traditionell (seit 1945) keinen so gro\u00dfen Druck einer &#8222;erfolgreichen Therapierung&#8220; hatten, da die Heilp\u00e4dagogik als Folge unserer Geschichte philosophisch bewusst anders ausgerichtet war.<\/p>\n<p>Dass ABA sich in Deutschland in den letzten Jahren so verbreitet, ist kein gutes Zeichen f\u00fcr unsere Gesellschaft. Es deutet auf einen wachsenden Anpassungsdruck hin. Dabei bleibt: Die Intervention ist in ihrem Pensum wie in ihrer zugrunde liegenden Philosophie ethisch h\u00f6chst fragw\u00fcrdig.<\/p>\n<p>Warum ich das alles schreibe? Weil die Aktion Mensch <a href=\"http:\/\/www.ifa-bremen.de\/bet1.htm\">eine gro\u00dfe ABA-Studie mit 250.000 Euro f\u00f6rdert<\/a>.<\/p>\n<p>Dazu hei\u00dft es auf der Website: &#8222;Die Aktion Mensch f\u00f6rdert Projekte, um die Teilhabe von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft voranzutreiben. Das Bremer Projekt m\u00f6chte durch eine intensive F\u00f6rderung der zwei- bis f\u00fcnfj\u00e4hrigen Kinder mit fr\u00fchkindlichem Autismus genau das erreichen.&#8220; [<a href=\"https:\/\/www.aktion-mensch.de\/blog\/beitraege\/aba-diskussion.html\">#<\/a>]<\/p>\n<p>Im Namen der Teilhabe wird genau das Gegenteil gef\u00f6rdert. Es ist entmutigend und es macht mich in dieser Zeit ganz besonders traurig. John war ein fr\u00fchkindlicher Autist. Das war ein Teil seiner Pers\u00f6nlichkeit. Gestorben ist er an seiner Epilepsie. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr SUDEP sind medizinisch noch unbekannt. In Gro\u00dfbritannien gibt es gerade eine gro\u00dfe Aufmerksamkeitskampagne zum Thema &#8222;Fr\u00fchzeitiger Tod bei Autismus.&#8220; Der h\u00e4ngt in den meisten F\u00e4llen mit einer Epilepsie zusammen, die bei Autisten oft vorkommt. Es gibt also durchaus sehr wichtige medizinische Forschungsthemen zum Autismus. Umso schmerzhafter, dass die Aktion Mensch sich daf\u00fcr entscheidet, das Geld stattdessen f\u00fcr Konditionierung auszugeben.<\/p>\n<p>Was mir allerdings durch diesen \u00c4rger, der mitten in meine Trauer f\u00e4llt, auch ganz klar geworden ist: Ich bin so heilfroh, dass wir unsere f\u00fcnfzehneinhalb Jahre mit John ausgiebig genossen haben. Dass wir John so akzeptiert haben, wie er ist. Dass wir mit ihm verreist sind anstatt ihn therapieren zu wollen. Dass wir uns auf John eingestellt haben anstatt umgekehrt von ihm die Anpassung zu erwarten. Ich bin so froh, dass John immer \u2013 von seinem Anfang bis zu seinem Ende \u2013 so sein durfte, wie er war.<\/p>\n<p>(Und er hat seinen Schnuller im zugegeben hohen Alter von 12 Jahren ganz ohne ABA von alleine beiseite gelegt. Aber: Wir h\u00e4tten es auch noch l\u00e4nger ausgehalten, wenn er ihn h\u00e4tte behalten wollen.)<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche mir so sehr, dass ein Umdenken stattfindet und wir das Leben gemeinsam mit den Autisten genie\u00dfen \u2013 das ist f\u00fcr mich Teilhabe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr autistische Kinder gibt es eine Fr\u00fchintervention, die schon vor dem f\u00fcnften Lebensjahr einsetzt: eine verhaltenstherapeutische F\u00f6rderung namens ABA (Applied Behavior Analysis). Die Methode wurde in den 1960er Jahren vom Psychologen Ivar Lovaas in Kalifornien entwickelt, sie basiert auf B. F. Skinners Behaviorismus. 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