{"id":4948,"date":"2016-06-06T20:12:21","date_gmt":"2016-06-06T19:12:21","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=4948"},"modified":"2017-04-13T10:25:32","modified_gmt":"2017-04-13T09:25:32","slug":"drei-monate","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=4948","title":{"rendered":"drei monate."},"content":{"rendered":"<p>Wir hatten selbstgebackenes Brot dabei, Mineralwasser und Bananen. Letztere waren uns vom Hausarzt empfohlen worden. Da unser Gehirn momentan auf Hochtouren arbeite, brauche es viel Energie, Bananen seien da sehr zu empfehlen, hatte er gesagt. [Mein Kind ist tot und Du empfiehlst uns Bananen, hatte ich kurz gedacht, dann aber doch welche gekauft.]<\/p>\n<p>Der Plan war, mit dem Fahrrad zuerst zum Friedhof und dann zur Krummen Lanke zu fahren, 45 km Strecke insgesamt, eine Tagestour im Gedenken an John. Den Proviant hatten wir vor allem dabei, um nicht in ein Caf\u00e9 einkehren zu m\u00fcssen, Sitzen im Caf\u00e9, das hat sowas Angenehmes, das mutet nach Unternehmung an, und unternehmen wollten wir definitiv \u00fcberhaupt nichts, und schon gar nichts Angenehmes. Mit Menschen sprechen am besten auch nicht. Der Plan ging insofern nicht auf, als uns am Friedhof eine Frau gleich als Kenner der Lokalit\u00e4t ausmachte und fragte, wie lange am Sonntag denn die Friedhofsg\u00e4rtnerei ge\u00f6ffnet sei. Da musste also ein bisschen gesprochen werden, aber ihre Frage konnte schnell gekl\u00e4rt werden und wir verzogen uns \u00fcber den ehemaligen Weinberg zu Johns Grab, wo wir seit ein paar Tagen in einem nahen Geb\u00fcsch zwei Klappst\u00fchle versteckt haben, so dass wir dort gut und gerne 1-2 Stunden am Tag herumsitzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich las wieder PANIKHERZ von Benjamin von Stuckrad-Barre. Bei einer verungl\u00fcckten Autismusmetapher hatte es mich vor ein paar Wochen rausgehauen, stattdessen hatte ich mir dann in der Amerika-Gedenkbibliothek eine ganze Reihe von Trauerb\u00fcchern ausgeliehen und war danach zunehmend an der Ratgeberliteratur verzweifelt.<\/p>\n<p>&#8222;Trauer braucht viel Zeit!&#8220; Lauter so Allgemeinpl\u00e4tze, die einem schon vorher klar waren. In jedem Buch stand: &#8222;Jede Trauer ist individuell&#8220;, aber dann folgten dennoch meistens allerlei Typisierungen, die genau dieser Grunderkenntnis entgegenliefen. Ein Buch hie\u00df &#8222;Damit aus Trauer Liebe wird&#8220;, eigentlich ein ganz guter Gedanke: sich nicht so sehr auf das Loslassen zu konzentrieren, sondern auf die Liebe, die immer bleibt, und wie sie nun neu geformt wird. Aber dass die Liebe immer bleibt, das schien mir auch wiederum so v\u00f6llig klar. Nur weil jemand stirbt, h\u00f6re ich doch nicht auf, ihn zu lieben.<\/p>\n<p>Lauter B\u00fccher mit \u2013 wenn es gut lief \u2013 ein paar hilfreichen Ideen, die aber irgendwie auch so selbstverst\u00e4ndlich waren und dann aufgeblasen wurden, \u00fcberhaupt ein Wahnsinn, wie redundant die Trauerb\u00fccher durchweg waren, ewige Wiederholungen. Als Mantra oder schlicht nur, damit aus 20 Seiten 200 werden?<\/p>\n<p>Inhaltlich war f\u00fcr mich auch vieles eher unpassend. Gerade bei Eltern, deren Kind gestorben war, ging es in den Erfahrungsberichten oft um nun unerf\u00fcllt bleibende Erwartungen an die Zukunft (&#8222;auf dem Abiball des Kindes tanzen&#8220;, &#8222;Enkelkinder bekommen&#8220;). Solche Erwartungen hatten wir mit John sowieso nicht gehabt. Das hatten wir alles schon seit 13 Jahren durch. Dazu kam viel Wut, oft verbunden mit der Frage nach dem Warum (&#8222;Warum musste ausgerechnet uns das passieren?&#8220;). Nach dem Warum frage ich auch schon lange nicht mehr.<\/p>\n<p>Immer wieder: Das Hadern damit, dass man das gemeinsame Leben nicht genug gesch\u00e4tzt hat. Auch damit konnte ich wenig anfangen. Seit John im Alter von anderthalb Jahren so krank geworden war und wir zwei Jahre in Kliniken verbracht hatten, und zwischendrin auch nicht so klar gewesen war, ob John das \u00fcberleben wird, also auch seit etwa 13 Jahren, war uns ganz bewusst, wie zerbrechlich das Leben ist, und besonders seines, und wir haben es jeden Tag wertgesch\u00e4tzt. Uns war immer klar, wie kostbar unsere Zeit mit John ist.<\/p>\n<p>Viele Eltern w\u00fcnschten sich, mehr Zeit mit der Familie verbracht zu haben. Auch da hatten wir schon vor langer Zeit die Weichen umgestellt, Scott hatte sich ja nur noch um John gek\u00fcmmert und ich war Freiberuflerin geworden, um mir alle Ferienzeiten freinehmen zu k\u00f6nnen. Beim Lesen der Trauerb\u00fccher f\u00fchlte ich mich irgendwie st\u00e4ndig wie in einem anderen Film und konnte wenig damit anfangen. Am schlimmsten waren die B\u00fccher von Jorgos Canakakis, \u00fcber die \u00e4rgerte ich mich richtig.<\/p>\n<p>Also hatte ich all diese B\u00fccher wieder zur AGB zur\u00fcckgebracht und war zu PANIKHERZ zur\u00fcckgekehrt. Alleine der Titel, was bitte k\u00f6nnte besser passen? Eine verungl\u00fcckte Autismusmetapher, das kann ja schonmal passieren. Und Drogensucht ist zwar etwas ganz anderes als der Tod des einzigen Kindes, aber beides zerr\u00fcttet die Existenz und beides f\u00fchrt zu einem Kampf ums \u00dcberleben, den man so nie gewollt hat, aber nun ja wohl oder \u00fcbel f\u00fchren muss.<\/p>\n<p>Das Ob und das Wie des Weiterlebens &#8222;danach&#8220;: keine Ahnung, das \u00c4u\u00dferste, was man erstmal verlangen kann, ist ein vor-sich-hin-Sein. Dem Horror mit offenen Augen begegnen, am Grab sitzen, gemeinsame Orte aufsuchen, erinnern, erinnern, erinnern, viel weinen, auch das, letzteres hilft aber nicht.<\/p>\n<p>Was hilft (bisher): Bewegung (daher das Radfahren), Besch\u00e4ftigung (daher das Brotbacken) und Wolfgang Herrndorfs Motto &#8222;Arbeit und Struktur.&#8220; Arbeiten lenkt ab und strukturierte Tage sorgen immerhin daf\u00fcr, dass man morgens einen Grund zum Aufstehen hat, auch wenn die Struktur extra zu diesem Zweck erfunden wurde, den Grund hat man also k\u00fcnstlich konstruiert, irgendwie ein sinnloser Zirkelschluss, aber funktioniert einigerma\u00dfen.<\/p>\n<p>Abends Seriengucken oder lesen, aber beides muss auf irgendeine Art hart sein, ganz unten, wo wir auch sind, Game of Thrones geht, True Detective und die erste Staffel von The Killing, wie da die Tochter stirbt und die zerst\u00f6rte Familie die ganze Zeit weiter begleitet wird, und ein Freund sagt: &#8222;Ich habe nur die ersten beiden Folgen gesehen, dann war mir das zu d\u00fcster, zu deprimierend, und ausgerechnet <em>ihr<\/em> guckt euch das <em>jetzt<\/em> an?&#8220; Nicht ausgerechnet, sondern gerade wir, und gerade jetzt. Unser gr\u00f6\u00dfter Feind ist im Moment alles, was irgendwie gef\u00e4llig ist, da geht gar nichts.<\/p>\n<p>Also gestern, Alter Luisenst\u00e4dtischer Friedhof statt Chateau Marmont, keine Zitronenb\u00e4ume sondern Johns Grab, aber PANIKHERZ, und dann weiter zur Krummen Lanke, und als wir uns nur kurz wegen eines Regenschauers an einer Bushaltestelle unterstellten, fragte uns ein \u00e4lterer Mann, wo wir denn hinfahren und wo wir herkommen, und aus dem Nichtsprechen mit anderen Menschen wurde zum zweiten Mal an unserem Gedenktag nichts. Aber ein netter Mann, woher soll er auch wissen, dass wir gerade unser Kind verloren haben.<\/p>\n<p>Klatschnass kamen wir an der Krummen Lanke an, wo mittlerweile wieder die Sonne schien und uns alles an John erinnerte, Kinder badeten, wie John dort oft gebadet hat, und wir merkten, dass jede neue Jahreszeit neue Herausforderungen bringt, denn an der Krummen Lanke waren wir seit Johns Tod schon ein paar Mal gewesen, hatten sie quasi schon als Erinnerungsort erobert, dachten wir, aber dann eben doch nur im Fr\u00fchling und nicht im Sommer, da mussten wir dann gestern wieder neu anfangen.<\/p>\n<p>[Das ist auch so ein Ding, dass es einen st\u00e4ndig unerwartet erwischt. Auch letzte Woche, nur mal Nachrichten gucken wollen und dann stehen Angela Merkel und Fran\u00e7ois Hollande zum hundertj\u00e4hrigen Jahrestag der Schlacht von Verdun am Beinhaus von Douaumont, und sofort der Flashback, dass wir da <a href=\"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=4301\">vor zwei Jahren mit John gewesen sind<\/a>, Erinnerungen und Tr\u00e4nen, nichts mit &#8222;eben Nachrichten gucken.&#8220;]<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sind wir dann noch einmal am Friedhof vorbeigefahren und haben noch einmal f\u00fcr eine Stunde an Johns Grab gesessen. So schnell sind da keine Fortschritte zu erwarten, das Handbuch &#8222;Wie verliert man sein Kind und lebt damit weiter&#8220; haben wir noch nicht gefunden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir hatten selbstgebackenes Brot dabei, Mineralwasser und Bananen. Letztere waren uns vom Hausarzt empfohlen worden. 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