{"id":5009,"date":"2016-11-10T14:15:26","date_gmt":"2016-11-10T13:15:26","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=5009"},"modified":"2017-04-13T10:23:53","modified_gmt":"2017-04-13T09:23:53","slug":"mutter-a-d","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=5009","title":{"rendered":"Mutter a.D."},"content":{"rendered":"<p>Kleine Fundst\u00fccke, wie diese Bildkarte von John:<\/p>\n<p><a title=\"Pause\" href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/44263469@N07\/30895503325\/\" rel=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Pause\" src=\"http:\/\/farm6.staticflickr.com\/5731\/30895503325_52dffe6165_n.jpg\" alt=\"Pause\" width=\"240\" height=\"320\" \/><\/a><\/p>\n<p>~<\/p>\n<p><em>Und ich wei\u00df schon:<\/em><br \/>\n<em>Solange meine Seele in mir wohnt,<\/em><br \/>\n<em>werd ich das Dunkel dieses Augenblicks<\/em><br \/>\n<em>sch\u00f6pfen und trinken und bluten<\/em><\/p>\n<p>(David Grossman: Aus der Zeit fallen)<\/p>\n<p>~<\/p>\n<p>Die gef\u00fchlt doppelte Schwerkraft in der Trauer. Man m\u00f6chte eigentlich nur noch liegen. Drau\u00dfen wird es immer ungem\u00fctlicher, w\u00e4hrend wir noch immer zu nichts anderem f\u00e4hig sind, als um John zu trauern. Und es f\u00fchlt sich immer noch unwirklich an, dass er nie mehr da sein wird. Ich muss mir wieder und wieder die zwei Wochen unseres Abschieds vergegenw\u00e4rtigen (was f\u00fcr ein treffendes Wort), um mich an die Wirklichkeit anzudocken. Wie gut, dass wir diesen Abschied hatten. Ich hatte es im M\u00e4rz geahnt und es best\u00e4tigt sich, wie wichtig das war und ist.<\/p>\n<p>Die Gedanken und Gef\u00fchle sind wie mit Helium gef\u00fcllte Luftballons, die ziellos unter der Decke schweben. W\u00fcrde man sie nach drau\u00dfen lassen, fl\u00f6gen sie auf Nimmerwiedersehen davon, was einer Selbstaufl\u00f6sung gleichk\u00e4me. Man kann f\u00fcr den Moment nur froh sein, wenn sie zumindest noch unter der Decke schweben. Und hier und da kann man sie f\u00fcr Momente zusammenfassen und herunterholen in den Raum der Wirklichkeit. In diesen Momenten dringt die Erkenntnis zum Bewusstsein vor, dass John wirklich nie mehr da sein wird. Und die Sehnsucht nach ihm wird so gro\u00df, je mehr Zeit vergeht.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns ist die Welt stehen geblieben, wir sind wie in einem Kokon, aber ich sehe nat\u00fcrlich, wie drau\u00dfen das Leben weitergeht, wie etwa die Engl\u00e4nder die EU verlassen, die T\u00fcrkei sich von der Demokratie verabschiedet und die Amerikaner sich Trump zum Pr\u00e4sidenten w\u00e4hlen. Ich h\u00e4tte fast erwartet, dass mir das alles nun egal sein k\u00f6nnte, aber eigentlich ist eher das Gegenteil der Fall. Das alles, wie auch jedes Schicksal, ber\u00fchrt mich.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher h\u00e4tte ich mich bei solchen Nachrichten mit John aufs Sofa gekuschelt und er h\u00e4tte mir seinen Kopf hingehalten f\u00fcr eine Massage, und danach h\u00e4tte er mich angestrahlt, wie nur John es konnte. So gl\u00fccklich zu sein \u00fcber eine Kopfmassage. Muttergef\u00fchle ohne Gegenwart und Zukunft. Alles nur noch R\u00fcckschau. Die Momente, die wieder hochkommen, vergessen geglaubt, aber dann eben doch nicht. Die Erinnerung ist einerseits etwas sehr Positives und macht andererseits manchmal auch von Herzen m\u00fcde, herzm\u00fcde.<\/p>\n<p>Das Weiterleben kostet viel Energie, und die will andererseits auch irgendwie \u00e4u\u00dferlich umgesetzt werden. Gestern habe ich aktenordnerweise Beh\u00f6rdenpapiere geschreddert. Etwa dreizehn Jahre von Antr\u00e4gen, Bewilligungen, Ablehnungen, Widerspr\u00fcchen. Ich war selbst erschrocken, was f\u00fcr ein administrativ wahnsinniges Leben wir da gef\u00fchrt haben. Aufbewahrt habe ich nur die Beh\u00f6rdendokumente, die auch etwas Pers\u00f6nliches hatten, wie zum Beispiel die j\u00e4hrlichen Berichte der Einzelfallhilfe. Die Unmengen an Klein-Klein sind nun weg. Das war nicht John, das waren unsere Hindernisse, und erinnern m\u00f6chte ich mich nicht daran, sondern an das Gute.<\/p>\n<p>Auf dem Friedhof ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass es John kalt sein muss und bin froh, dass wir ihm seine Decke mit in den Sarg gelegt haben. Wie irrational auch wieder. Das spielt nat\u00fcrlich in Wirklichkeit \u00fcberhaupt keine Rolle. Aber das sind so ins Leere laufende Instinkte. Eine Mutter, die K\u00e4lte sp\u00fcrt, zieht ihrem Kind auf dem Weg nach drau\u00dfen noch schnell eine w\u00e4rmere Jacke an. Diese Form der \u00dcbertragung ist ja auch ein gro\u00dfer Teil des Elternseins, vor allem nat\u00fcrlich in der Zeit, in der ein Kind noch nicht sprechen und seine Bed\u00fcrfnisse noch nicht ausdr\u00fccken kann. Und so war es bei uns in gewisser Weise ja eigentlich immer. Das kann man nicht so einfach abstellen.<\/p>\n<p>Gestern in der U-Bahn trug ein Junge die gleiche blaue Winterjacke, die John vor ein paar Wintern gehabt hat. Selbst mit der U-Bahn zu fahren, ist eine Herausforderung. Wie tief Leere fallen kann. Und ist es jetzt gut oder schlecht, dass sowohl das Wetter als auch die politische Gro\u00dfwetterlage so trefflich mit unserem Inneren korrespondieren? Im Fr\u00fchjahr hatten wir wenigstens noch den Magnolienbaum.<\/p>\n<p>~<\/p>\n<p>Winter is coming. Wir warten auf die sechste Staffel Game of Thrones auf DVD.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kleine Fundst\u00fccke, wie diese Bildkarte von John: ~ Und ich wei\u00df schon: Solange meine Seele in mir wohnt, werd ich das Dunkel dieses Augenblicks sch\u00f6pfen und trinken und bluten (David Grossman: Aus der Zeit fallen) ~ Die gef\u00fchlt doppelte Schwerkraft in der Trauer. Man m\u00f6chte eigentlich nur noch liegen. 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