{"id":508,"date":"2008-12-16T14:22:57","date_gmt":"2008-12-16T12:22:57","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=508"},"modified":"2008-12-16T15:14:50","modified_gmt":"2008-12-16T13:14:50","slug":"nachrichten-aus-den-usa-kollektive-lethargie-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=508","title":{"rendered":"nachrichten aus den usa &#038; kollektive lethargie in deutschland."},"content":{"rendered":"<p><!--[endif]--><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">M. und L. sind gerade beide entlassen worden, weil die Firma, bei der beide arbeiteten und sich auch kennengelernt hatten, von Chicago nach Belfast verlegt wird. Man hat ihnen angeboten, mit nach Nordirland zu ziehen, zu guten Konditionen. Aber M. hat aus erster Ehe einen zehnj\u00e4hrigen Sohn, und teilt sich das Sorgerecht mit seiner Exfrau. Da kann er nicht einfach alles einpacken, nach Belfast gehen und seinen \u00e4ltesten Sohn alleine lassen. So sind M. und L. nun beide arbeitslos. Sie haben ein Haus mit mortgage payments, zwei Autos, einen einj\u00e4hrigen Sohn, das volle Programm.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\n<p class=\"MsoNormal\">S. arbeitet f\u00fcr ein Computerunternehmen, zu gro\u00dfen Teilen leider am Account von General Motors. Ob sie noch lange einen Job hat, ist unklar. Wenigstens hat sie das Haus schon abbezahlt, in dem sie wohnt.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\n<p class=\"MsoNormal\">C. hat eine eigene Firma und steht kurz vor der Insolvenz. Gerade vor der Krise hat er seine Exfrau im Zuge der Scheidung ausbezahlt, um die Firma alleine behalten zu k\u00f6nnen. Es war noch keine Krise in Sicht, darum hat er es seinerzeit getan, aber sitzt nun auf Krediten und Hypotheken, kann seine Objekte nicht loswerden und steht kurz vor der Aufgabe.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\n<p class=\"MsoNormal\">G., M. und J. betreiben gemeinsam seit vielen Jahren eine Firma, der es nie so richtig superblendend ging, aber die beiden Familien kamen mit dem Verdienst immer \u00fcber die Runden. Auch hier das gleiche Spiel: Auftr\u00e4ge werden storniert, schon geleistete Arbeit wird nicht bezahlt. Um sich aus den ersten Schwierigkeiten zu retten, haben sie zun\u00e4chst eine Hypothek aufgenommen, aber die Lage bessert sich nicht. Als Ergebnis stehen sie nun nicht nur kurz vor der Insolvenz, sondern verlieren dabei wegen der Hypothek vielleicht sogar noch das Haus, in dem sie wohnen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\n<p class=\"MsoNormal\">Kollegin H. schreibt, dass die Firma, f\u00fcr die ich in Chicago gearbeitet habe, am Freitag auf einen Schlag 14 Leute entlassen hat. Die Stimmung sei wie nach dem 11. September 2001 \u2013 ich erinnere mich noch zu genau, wie wir damals jeden Tag zur Arbeit gekrochen sind, nachdem 25 Leute auf einmal entlassen worden waren.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\n<p class=\"MsoNormal\">(Mails aus den USA w\u00fcrde ich am liebsten bald gar nicht mehr \u00f6ffnen.)<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\n<p class=\"MsoNormal\">[Hier kommt es allerdings auch schon an. F. erz\u00e4hlte mir, dass die Firma, f\u00fcr die sie arbeitet, Insolvenz angemeldet hat, hier in Berlin. Bei mir wird f\u00fcr das n\u00e4chste Fr\u00fchjahr im Moment nur noch storniert, am Verreisen sparen die Menschen nunmal zuerst. Die Aussichten werden bei mir von Woche zu Woche schlimmer, immer mehr durchgestrichene Termine im Planer. 2009: in meinem Kalender schon jetzt das durchgestrichene Jahr. Ich werde mir ein neues Arbeitsfeld erschlie\u00dfen m\u00fcssen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\n<p class=\"MsoNormal\">Es scheint \u00fcberhaupt, als seien alle in Lethargie verfallen. Letzten Freitag wollte ich bei meiner Haus\u00e4rztin ein Rezept holen und musste feststellen, dass die Praxis geschlossen hat: vom 15. Dezember bis 5. Januar. Eine Arztpraxis, die einfach drei Wochen schlie\u00dft. Hat sicher auch mit dem Quartalsende zu tun, es gibt schlie\u00dflich immer mehr Praxen, die zum Ende des Quartals zwei Wochen schlie\u00dfen, weil sie ihr Kontingent schon ausgegeben haben, und quasi umsonst arbeiten m\u00fcssten, da w\u00fcrde ich auch lieber Urlaub machen. Von der Praxis aus ging ich zur Reinigung, da hing auch ein Schild, dass bis 5. Januar geschlossen sei. Dann also ohne Medikamente und mit dreckigen Sachen ins Fest. In Berlin klappt man die B\u00fcrgersteige hoch und tut erstmal nichts mehr. Das hat nat\u00fcrlich mit Weihnachten zu tun, aber es ist so extrem dieses Jahr, dass ich es schon auch f\u00fcr einen Ausdruck einer um sich greifenden Motivationslosigkeit halte.<\/p>\n<p>Mein Cousin arbeitet am Potsdamer Platz und erz\u00e4hlte am Samstag vom Baugewerbe. Fr\u00fcher h\u00e4tten die Leute alle Auftr\u00e4ge angenommen, die sie bekommen konnten, aber jetzt hat er schon mehrfach mitbekommen, dass neue Auftr\u00e4ge abgelehnt wurden: &#8222;Nee, im Moment machen wir erstmal nicht mehr gro\u00df was. Wer wei\u00df, was mit der Krise auf uns zukommt, und ob wir dann \u00fcberhaupt noch bezahlt werden k\u00f6nnen, nachher haben wir gearbeitet und bekommen kein Geld, weil die auftraggebende Firma pleite geht.&#8220;<\/p>\n<p>Jetzt sitzen alle auf ihren Sofas, wollen nicht mehr verreisen, wollen nicht mehr arbeiten, wollen nur warten, warten, warten. Wenigstens kommt Weihnachten a.k.a. <em>das Fest des Wartens<\/em> da gerade passend.]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M. und L. sind gerade beide entlassen worden, weil die Firma, bei der beide arbeiteten und sich auch kennengelernt hatten, von Chicago nach Belfast verlegt wird. Man hat ihnen angeboten, mit nach Nordirland zu ziehen, zu guten Konditionen. Aber M. hat aus erster Ehe einen zehnj\u00e4hrigen Sohn, und teilt sich das Sorgerecht mit seiner Exfrau. 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