{"id":5410,"date":"2017-08-11T11:14:26","date_gmt":"2017-08-11T10:14:26","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=5410"},"modified":"2020-02-19T12:43:54","modified_gmt":"2020-02-19T11:43:54","slug":"75-wochen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=5410","title":{"rendered":"75 wochen."},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcnf Ampeln sind es zwischen unserer Wohnung und dem Alten Luisenst\u00e4dtischen Friedhof. Wenn wir in Berlin sind, fahren wir noch immer jeden Tag dorthin, am liebsten mit dem Fahrrad.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/gedankentraeger\/36313179772\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/live.staticflickr.com\/4384\/36313179772_cee1310584_c.jpg\" alt=\"Johns Grabstein\" width=\"624\" height=\"800\" \/><\/a><\/p>\n<p>Lange konnten wir uns nicht entscheiden, was f\u00fcr einen Stein wir auf Johns Grab haben m\u00f6chten. Ich tendierte eher zu einer Naturstele, aber dann kam alles anders. Als Scott n\u00e4mlich diesen Stein entdeckte, ein Unikat aus Muschelkalkstein, sagte er spontan: &#8222;Der sieht aus, als habe John mit Fingerfarbe drauf gemalt.&#8220; Nachdem wir diese Vorstellung erstmal im Kopf hatten, brauchten wir nicht mehr weiter zu gucken.<\/p>\n<p>Das Aufstellen des Steins war ganz sch\u00f6n aufregend. Dieser Moment, als wir das erste Mal davor standen, den eingemei\u00dfelten Namen sahen, das hatte noch einmal so etwas Endg\u00fcltiges, besonders nat\u00fcrlich auch die Daten. Und die Fotofliese, die extra in Bayern gebrannt worden ist, sie hat 100 Jahre Garantie (wir werden es nicht \u00fcberpr\u00fcfen k\u00f6nnen). Es ist schlimm, den Namen des eigenen Kindes mitsamt Geburts- und Sterbedatum in einen Stein eingemei\u00dfelt zu sehen. Ein weiterer Schritt des Abschlie\u00dfens und gleichzeitig des \u00dcbergebens an die Ewigkeit. Da braucht man schon wieder ein paar Wochen, um sich davon zu erholen, zumal auch noch dazukam, dass die Krankenkasse Johns geliebtes Dreirad abgeholt hat. Der Moment, als es auf der Ladefl\u00e4che festgezurrt wurde, wird mir auch in Erinnerung bleiben. Manchmal kommt mir die Zeit vor wie ein Puzzle aus Endmomenten. Wir sind aber sehr froh \u00fcber unseren Stein.<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz brach unser zweites Jahr auf dem Friedhof an. Wir kennen nun schon die Bl\u00fcte des Magnolienbaums im Fr\u00fchling, die Rhythmen der Pflanzen. Der kleine Rosenbusch, den wir letztes Jahr im Fr\u00fchling gepflanzt haben, ist in seinem zweiten Jahr deutlich kr\u00e4ftiger und gr\u00f6\u00dfer geworden. Er hat den Winter gut \u00fcberstanden. Scott mausert sich zum G\u00e4rtner, er liest st\u00e4ndig \u00fcber Pflanzen, hat dem neuen Rosenbusch eine Clematis an die Seite gepflanzt. Den Friedhof k\u00f6nnten wir eigentlich schon als unseren Zweitwohnsitz eintragen lassen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/gedankentraeger\/36481771595\/in\/photostream\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/live.staticflickr.com\/4335\/36481771595_ddcb906110_z.jpg\" alt=\"Magnolie\" width=\"640\" height=\"480\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/gedankentraeger\/36481560295\/in\/photostream\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/live.staticflickr.com\/4356\/36481560295_136b2becb2_z.jpg\" alt=\"Unsere Rosen im zweiten Jahr\" width=\"640\" height=\"424\" \/><\/a><\/p>\n<p>Neben uns ist pl\u00f6tzlich der Sohn von Ilse, Johns Grabnachbarin, aufgetaucht. Wir hatten ihn noch nie getroffen, er war der einzige Nachbar, den wir noch nicht kannten. Er hat das Grab seiner Mutter neu gestaltet und wollte erst den Ginkgo herausnehmen. Er ist der Meinung, B\u00e4ume brauchen immer mindestens ein Exemplar der gleichen Sorte in Sichtweite, um sich wohl zu f\u00fchlen. Als wir ihm sagten, dass es in der N\u00e4he aber doch noch einen Ginkgo gebe, war er ganz aufgeregt. Scott lief mit ihm hin und zeigte den kleinen Baum. Da kam er zur\u00fcck und sagte: &#8222;Nun steht es fest, der Ginkgo bleibt. Er hat ja einen Kollegen, jetzt muss er bleiben.&#8220; Wir freuen uns dr\u00fcber.<\/p>\n<p>Ich wollte einfach mal wieder was schreiben. Ich habe immer das Gef\u00fchl, es gibt nichts zu sagen. Fast anderthalb Jahre seit Johns Tod, das scheint irgendwie lang, aber f\u00fcr uns ist es ganz kurz. Wir haben uns innerlich nicht bewegt, wir stehen immer noch ratlos in der Ecke, wir kommen aus dem puren Aushalten-Modus nicht raus, denn der ist schon schwer genug zu bew\u00e4ltigen. Das Einzige, was mich effektiv und zugleich wohltuend ablenkt, ist die Arbeit. Je mehr ich arbeite, desto besser, und deshalb arbeite ich gerne und viel.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/gedankentraeger\/36481866335\/in\/photostream\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/live.staticflickr.com\/4390\/36481866335_a19284cf54_z.jpg\" alt=\"Johns Grab\" width=\"640\" height=\"504\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>Choose between numbness and pain<\/em><br \/>\n<em>While looking at the beauty of roses and stones<\/em><\/p>\n<p>Das muss ich oft denken, wenn wir da sitzen. Mal sehen, ob sich da irgendwann noch irgendwas bewegt. Wir haben es nicht eilig, wir haben alle Zeit der Welt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcnf Ampeln sind es zwischen unserer Wohnung und dem Alten Luisenst\u00e4dtischen Friedhof. Wenn wir in Berlin sind, fahren wir noch immer jeden Tag dorthin, am liebsten mit dem Fahrrad. Lange konnten wir uns nicht entscheiden, was f\u00fcr einen Stein wir auf Johns Grab haben m\u00f6chten. 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