{"id":5446,"date":"2018-01-12T17:03:25","date_gmt":"2018-01-12T16:03:25","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=5446"},"modified":"2018-02-20T10:32:57","modified_gmt":"2018-02-20T09:32:57","slug":"97-wochen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=5446","title":{"rendered":"97 wochen."},"content":{"rendered":"<p>Irgendwie muss dieses Weblog auch im Jahr 2018 ankommen, also nun. Wir haben ein Bild gekauft, das ist die gro\u00dfe Nachricht zu Beginn des Jahres. Ein Bild der K\u00fcnstlerin <a href=\"https:\/\/katiakelm.de\/\">Katia Kelm<\/a>, von der ich auf Anhieb 3-10 weitere Bilder kaufen k\u00f6nnte, weil mir so viele ihrer Bilder so sehr gefallen. Unser Bild hei\u00dft &#8222;Der Aufstieg.&#8220; Schon als Katia es das erste Mal auf Instagram gepostet hatte, noch unfertig, habe ich mich sofort in dieses Bild verliebt. Nun also haben wir es gekauft und es h\u00e4ngt in unserem Wohnzimmer, wo es sich so schnell und geschmeidig eingelebt hat, dass es schon nach einer Stunde so war, als w\u00e4re das Bild schon immer da gewesen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/gedankentraeger.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Der-Aufstieg.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-5463\" src=\"http:\/\/gedankentraeger.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Der-Aufstieg-224x300.jpg\" alt=\"\" width=\"224\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/gedankentraeger.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Der-Aufstieg-224x300.jpg 224w, https:\/\/gedankentraeger.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Der-Aufstieg-768x1028.jpg 768w, https:\/\/gedankentraeger.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Der-Aufstieg-765x1024.jpg 765w, https:\/\/gedankentraeger.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Der-Aufstieg-486x650.jpg 486w, https:\/\/gedankentraeger.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Der-Aufstieg.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 224px) 100vw, 224px\" \/><\/a><\/p>\n<p>In gewisser Weise vervollst\u00e4ndigt es uns, nachdem wir letztes Jahr den Grabstein f\u00fcr Johns Grab gekauft haben. Seitdem freuen wir uns praktisch jeden Tag dar\u00fcber, dass wir den Stein gekauft haben. Auf dem Friedhof haben wir also den Stein und Zuhause jetzt das Bild. Nun haben wir an beiden Orten, die f\u00fcr uns Zuhause sind, einen John-Anker. Ich kann gar nicht so genau sagen, warum mich das Bild so anspricht, vielleicht, weil es dem Tod etwas Leichtes zuf\u00fcgt, definitiv etwas \u00dcberraschendes, oder weil es der offensichtlichen Schwere auch eine gewisse Normalit\u00e4t zugesteht, jedenfalls finde ich darin ganz vieles wieder, was mich bewegt und auch, was mir unerwartet begegnet ist in der Trauer. Das ist alles noch nicht zuende gedacht, ich denke st\u00e4ndig andere Sachen, wenn ich das Bild ansehe.<\/p>\n<p>Vielleicht gerade weil Johns pl\u00f6tzlicher und unerwarteter Tod so brutal und in jedem Sinne schwer war, haben wir das Bed\u00fcrfnis, ihm mit Ruhe und einer Form von Leichtigkeit zu begegnen. An Johns Grab zu sitzen hat etwas Sanftes, das Gegenteil dessen, was passiert ist. Nur dort auf dem Friedhof, am Grab, ist alles ganz klar. Wir haben nichts in der Hand als das. Wir k\u00f6nnen die Radikalit\u00e4t des Todes nur durch das Gegenteil aufzufangen versuchen. Ruhe und Geduld.<\/p>\n<p>Wissenschaftler sagen, Trauernde brauchen Resilienz. Ich mag das Wort nicht. Hinter dem Fremdwort versteckt man das eigentliche Wort, Widerstandsf\u00e4higkeit, und im Widerstand schwingt ein k\u00e4mpferischer, antagonistischer Unterton mit, der mir unpassend scheint. Ich sage lieber: Ruhe und Geduld. Nicht etwa zu verwechseln mit Gelassenheit oder Zufriedenheit. Ich wei\u00df nicht, wohin mit mir ohne John. Selbstverst\u00e4ndlich bin ich weder gelassen noch zufrieden. Aber ich bin ruhig und geduldig. Ich wei\u00df, im Moment muss ich nur ertragen. Ich habe keine andere Aufgabe, denn diese ist schon riesig genug. Die ultimative Ambivalenz auszuhalten zwischen Liebe und Tod.<\/p>\n<p>Vor kurzem bin ich \u00fcber ein Zitat von Thomas Mann gestolpert: &#8222;Beherrscht dich ein Gedanke, so findest du ihn \u00fcberall ausgedr\u00fcckt, du riechst ihn sogar im Wind.&#8220; In der Trauer entsteht da eine Leerstelle, weil eine sichtbare Referenz fehlt. Ist man schwanger, sieht man pl\u00f6tzlich \u00fcberall Schwangere, Kinderwagen und Kleinkinder. Wir beziehen die Welt auf uns, deuten sie auf uns zu, das wei\u00df man alles. Aber den Tod sieht man nicht. Als verwaiste Mutter kann ich keine anderen verwaisten M\u00fctter sehen, es sei denn nat\u00fcrlich ich begebe mich explizit in eine Trauergruppe, die aber schon wieder eine abgeschiedene Welt darstellt. Im Alltag fehlen die sichtbaren Anhaltspunkte und so schwebt man weitgehend referenzlos durch die Gegend, kann seine Gef\u00fchle nicht st\u00e4ndig hier und da im Umfeld andocken.<\/p>\n<p>Trauer wird in der Gesellschaft eine Au\u00dfenseiterstellung zugesprochen. Jemand ist in Trauer: Wenn das gesagt wird, schwingt mit, der- oder diejenige sei im Grunde momentan nicht ganz zurechnungsf\u00e4hig. Das mag f\u00fcr die ersten Monate tats\u00e4chlich durchaus gelten, aber irgendwann ist man wieder zurechnungsf\u00e4hig, geht arbeiten und beim Griechen um die Ecke essen, lebt ein von au\u00dfen vielleicht nahezu normal scheinendes Leben. Dann wird angenommen, die Trauer sei vorbei. Mitnichten, sie ist immer noch da, gro\u00df und un\u00fcberwindbar. Sie hat sich ins Leben integriert, aber das hei\u00dft eben nicht, dass sie vor\u00fcber ist oder jemals vor\u00fcber sein wird. Dieser Sarg wird, wie im Bild, immer wieder aufspringen.<\/p>\n<p>Der einzige andere Gef\u00fchlszustand, dem man noch am ehesten zuschreibt, er mache tempor\u00e4r unzurechnungsf\u00e4hig, ist das Verliebtsein. Trauer ist dem Verliebtsein \u00fcberhaupt sehr \u00e4hnlich, denn Trauer ist pure Liebe zu dem Menschen, der gestorben ist. Und wie die Liebe im Gl\u00fccksfall bleibt, so auch die Trauer. Wie die Liebe sich nach der ersten Aufregung in das Leben integriert, so die Trauer. Ich wei\u00df nicht, warum mich diese Erkenntnis \u00fcberrascht hat. Aus der heutigen Warte kommt mir das wie eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit vor. Ich hatte das vorher einfach nicht begriffen, weil man immer von den Trauerphasen h\u00f6rt und liest und allgemein angenommen wird, es gebe so etwas wie ein Trauerjahr usw. Ich habe einfach in meinem Umfeld und in meinen Lekt\u00fcren nicht mitbekommen, dass die Trauer so ist: dass sie ein Teil des Lebens werden kann, dass sie bleibt und dass das nicht schlimm ist, weil sie n\u00e4mlich der letzte Teil der Liebe ist, wenn man diese ganz zu Ende zu gehen gezwungen ist. Dieser letzte Teil bleibt, wie all die anderen davor, er geh\u00f6rt dazu. Trauer ist kein Au\u00dfenseiter, sondern wie die Liebe (und als Teil der Liebe) mitten unter uns. So wie der Tod mitten unter uns ist, was wir ja aber heutzutage auch eher verdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Als wir letzten Oktober meine Eltern und meinen Bruder besucht haben, waren wir in der landesgeschichtlichen Ausstellung im Schloss Oldenburg. In einem Raum kann man die Kleider ansehen, die Graf Anton G\u00fcnther im Sarg getragen hat. Gestorben im Juni 1667, fand die Beerdigung erst vier Monate sp\u00e4ter statt. Dazu wurde sein Leichnam in einen Sarg gebettet, der nach oben hin am Kopfende ein Sichtfenster hatte, zun\u00e4chst damit sich das Volk von ihm verabschieden konnte, aber danach wurde er im Keller der Lambertikirche auf einem Hochaltar ausgestellt und die Besucher konnten durch das Fenster den Prozess der Verwesung verfolgen. Laut Informationstafel besuchte 1753 der Cousin von Gotthold Ephraim Lessing, Christlob Mylius, Oldenburg und schrieb: &#8222;Ich stieg auch hinunter in das gr\u00e4fliche Begr\u00e4bni\u00df unter dem Altare, wo ich diesen Grafen, wiewohl sehr verweset, noch im Sarge liegen sah.&#8220;<\/p>\n<p>Mehr als 80 Jahre nach dem Tod konnte man also immer noch den Prozess der Verwesung mitverfolgen. Auf der Informationstafel steht, dass der Sarg schlie\u00dflich 1937 ge\u00f6ffnet wurde. Nur die Kleidung war noch erhalten. Heute sehen wir uns nicht nur gar keine Verwesung mehr an, heute wollen wir von Tod und Trauer allgemein m\u00f6glichst wenig reden und wissen. Nicht, dass ich durch das Sichtfenster eines 80 Jahre alten Sarges sehen m\u00f6chte, aber ein bisschen zu weit getrieben haben wir es mit der Verdr\u00e4ngung meiner Meinung nach schon.<\/p>\n<p>Da stimme ich Caitlin Doughty zu, deren Buch <a href=\"http:\/\/www.chbeck.de\/doughty-fragen-bestatter\/product\/15996487\">Fragen Sie Ihren Bestatter<\/a> ich k\u00fcrzlich gelesen habe. In dem Buch geht es um viele Dinge, die spezifisch amerikanisch sind (zum Beispiel um das sinnlose Einbalsamieren), und insofern l\u00e4sst sich der Bestseller nur bedingt nach Deutschland \u00fcbertragen. Aber der Grundbotschaft, dem Tod offener und neugieriger zu begegnen, stimme ich vollends zu. In den letzten Tagen haben wir uns auch einige ihrer Videos auf Youtube angesehen: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/channel\/UCi5iiEyLwSLvlqnMi02u5gQ\">Ask a mortician<\/a>.<\/p>\n<p>Ich schreibe das hier alles auch auf, weil ich gerne ein Buch \u00fcber den Tod schreiben w\u00fcrde, das mehr auf die Gegebenheiten in Deutschland zugeschnitten ist und die Perspektive der Trauer st\u00e4rker ber\u00fccksichtigt, die bei Doughty wegen ihrer professionellen Perspektive nahezu ganz fehlt. Die Frage ist allerdings, ob das \u00fcberhaupt jemanden interessieren w\u00fcrde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irgendwie muss dieses Weblog auch im Jahr 2018 ankommen, also nun. Wir haben ein Bild gekauft, das ist die gro\u00dfe Nachricht zu Beginn des Jahres. Ein Bild der K\u00fcnstlerin Katia Kelm, von der ich auf Anhieb 3-10 weitere Bilder kaufen k\u00f6nnte, weil mir so viele ihrer Bilder so sehr gefallen. 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