{"id":5509,"date":"2008-06-09T12:04:00","date_gmt":"2008-06-09T11:04:00","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=5509"},"modified":"2008-06-09T12:04:00","modified_gmt":"2008-06-09T11:04:00","slug":"man-lebt-nur-einmal-probiers-aus-4980812","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=5509","title":{"rendered":"Man lebt nur einmal \u2013 probiers aus!"},"content":{"rendered":"<p>Letzten Montag holte ich die f\u00fcr mich letzte Reisegruppe vor der Sommerpause vom Flughafen ab. Zwei Frauen hatten in Frankfurt einfach beschlossen, einen sp\u00e4teren Flug nach Berlin zu nehmen. Ich \u00fcberlegte, ob ich \u00fcberhaupt noch f\u00fcr ihren Transfer zum Hotel verantwortlich war, entschloss mich dann aber, nett zu sein und extra noch einmal nach Tegel rauszufahren. F\u00fcr die beiden Frauen schien es eine absolute Selbstverst\u00e4ndlichkeit zu sein, dass sie trotzdem noch abgeholt werden, jedenfalls sagten sie nichts, das anderes h\u00e4tte vermuten lassen, und zeigten sich auch keineswegs \u00fcberm\u00e4\u00dfig dankbar. Schon hatte ich ein schlechtes Gef\u00fchl, was diese letzte Gruppe betrifft: letzte Gruppen sind immer gef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>Dienstag gingen wir im &#8222;Zw\u00f6lf Apostel&#8220; in der Georgenstra\u00dfe essen und ich lernte den Rest der Gruppe kennen. Die \u00e4lteren Frauen neben mir redeten leidenschaftlich und ausf\u00fchrlich dar\u00fcber, dass die Berliner ja so schlecht angezogen seien, und dass in New York die M\u00fctter ihre Kinder erstens viel zu lange in Buggys herumschieben, und ihnen zweitens viel zu lange erlauben, Schnuller zu haben. Das schlechte Gef\u00fchl wuchs.<\/p>\n<p>Donnerstagmorgen ging ich mit der Gruppe zun\u00e4chst in den Weddinger Sprengelkiez, es ging um soziale Stadtplanung, wir sprachen mit der Leiterin des SprengelHauses, die Leute waren sehr interessiert, so weit lief dann ja doch alles gut. Anschlie\u00dfend fuhren wir mit Taxen nach Charlottenburg, zum Savoy Hotel in die Fasanenstra\u00dfe. Erst Wedding, dann Lunch im Savoy. Nunja. Bei der nachmitt\u00e4glichen F\u00fchrung &#8222;Hinter den Kulissen&#8220; der Deutschen Oper sahen wir schonmal das B\u00fchnenbild der gestrigen Premiere des Fliegenden Holl\u00e4nder. Die Dramaturgin erkl\u00e4rte der Gruppe die Opernlandschaft von Berlin, nat\u00fcrlich nicht ohne zu betonen, dass Berlin unbedingt drei Opernh\u00e4user braucht. Sp\u00e4ter a\u00dfen wir im Diekmann&#8217;s am Potsdamer Platz zu Abend, und spazierten dann hin\u00fcber ins Kulturforum, wo sich bis 22 Uhr eine F\u00fchrung durch die Gem\u00e4ldegalerie anschloss. Caravaggio, Canaletto, Rubens, Vermeer, Cranach. Ich habe dort schon mehrfach F\u00fchrungen mitgemacht und wanderte darum ein bisschen abseits, zu Bildern, die ich noch nicht genau angesehen habe. So entdeckte ich ein Gem\u00e4lde von Hendrick ter Brugghen aus dem fr\u00fchen 17. Jahrhundert, das einen musizierenden Jungen zeigt, dessen Mimik und Gestik sehr autistisch aussehen. Ich fragte mich, ob Hendrick ter Brugghen wohl tats\u00e4chlich einen autistischen Jungen gemalt hat, oder ob ich einfach unter Verfolgungswahn leide.<\/p>\n<p>Freitagmorgen: F\u00fchrung durch das Holocaust-Mahnmal und den darunterliegenden &#8222;Ort der Information.&#8220; Die F\u00fchrungen werden \u00fcber die Stiftung organisiert und sind eigentlich immer sehr gut. Der Ausnahme zu dieser Regel begegneten wir leider an diesem Morgen: der junge Mann sprach nur schlecht Englisch, holperte darum in weitschweifenden, nach Worten suchenden S\u00e4tzen durch die Entstehungsgeschichte, sagte fast nichts zu Eisenman &#8222;weil er selbst Historiker sei und kein Architekt&#8220;, und lie\u00df Degussa und die Diskussionen dar\u00fcber, ob man den ermordeten Juden alleine, oder aber auch get\u00f6teten Homosexuellen, Behinderten und Sinti\/Roma gedenken wolle, gleich ganz aus. Viele Fragen der Gruppe konnte er nicht beantworten, alles in allem war die F\u00fchrung wirklich schlecht, und ich hatte mit dem Nachtragen anschlie\u00dfend meine liebe M\u00fche.<\/p>\n<p>Abends gingen wir dann ins Konzerthaus am Gendarmenmarkt, gespielt wurden Mussorgsky, Chatschaturjan und Rimski-Korsakow. Zuvor hatte die Gruppe \u00fcber Hillary Clinton und Barack Obama diskutiert, war irgendwie auf das Gesundheitssystem zu sprechen gekommen, und ein Mann hatte gesagt, dass Eltern von behinderten Kindern viel zu viel f\u00fcr ihre Kinder wollen, es sei doch wirklich nicht wichtig, ob man deren IQ von 60 auf 65 bringt, wenn man daf\u00fcr 30.000 Dollar im Jahr in ihre Erziehung stecken muss. Eine Frau hatte ihm entr\u00fcstet beigepflichtet: &#8222;And then normal children&#8217;s music lessons have to reduced, because there&#8217;s not enough money for that anymore!&#8220; Sie hatten nat\u00fcrlich keine Ahnung von meiner Situation, innerlich kochte ich, Mussorgskys &#8222;Nacht auf dem Kahlen Berge&#8220; brachte mich dann aber ganz gut wieder runter. Auf der R\u00fcckseite der Eintrittskarte f\u00fcr das Konzerthaus \u00fcbrigens: Werbung f\u00fcr Gazprom.<\/p>\n<p>Samstagmorgen traf ich wieder p\u00fcnktlich im Hotel ein, drei der Reisenden sa\u00dfen schon zeitungslesend in der Lobby. Ich schritt auf sie zu und begr\u00fc\u00dfte sie mit einem fr\u00f6hlichen: &#8222;Good morning!&#8220;, worauf ich keine Reaktion erhielt. Alle drei lasen einfach weiter, und fingen dann nach eigenem Gusto irgendwann pl\u00f6tzlich an, mit mir zu sprechen. Die Service-Mentalit\u00e4t, dass sie f\u00fcr ihre Reise bezahlt haben, und man ihnen zur Verf\u00fcgung stehen soll, und andererseits aber keine gegenseitige H\u00f6flichkeit erwarten darf, ist so typisch f\u00fcr reiche Leute, vor allem auch f\u00fcr reiche Amerikaner: da kann man am fr\u00fchen Morgen schon mal einen kleinen Klassenhass kultivieren.<\/p>\n<p>Samstagmorgen also. F\u00fchrung durch die Sammlung Hoffman in den Sophie-Gips-H\u00f6fen, eine kleine Rache, denn mir ist schon vorher klar, dass ihnen diese zeitgen\u00f6ssische Kunst niemals gefallen wird. Zum Beispiel ist dort Zuzanna Janin aus Polen ausgestellt, die 2003 ihre eigene Beerdigung besuchte; die Leute dachten wirklich, sie sei tot, &#8222;I&#8217;ve seen my own death&#8220;, ich meine, ich wusste doch, dass diese Gruppe entsetzt sein wird. Zum Gl\u00fcck f\u00fcr das Reiseprogramm war der Maler, der die F\u00fchrung durch die Sammlung machte, allerdings sehr gut, sie verziehen ihm manche Installation.<\/p>\n<p>Sonntagmorgen, Pergamon-Museum. Am Ishtar-Tor pr\u00fcgeln sich die Besucher fast darum, an die Absperrung treten und das Tor ansehen zu k\u00f6nnen. Als wir den Platz freimachen, dr\u00e4ngt sich eine deutsche Touristin vor eine andere, die laut zur\u00fcckkeift: &#8222;Haa-llo! Ich habe auch bezahlt!&#8220; Am Anfang der Saison findet man sowas noch lustig.<\/p>\n<p>Es ist gar nicht unanstrengend, die amerikanischen Gruppen zu betreuen, die viel Geld f\u00fcr diese Reisen zahlen. F\u00fcr das viele Geld wollen sie viel sehen, erfahren und wissen. L\u00e4uft man \u00fcber die Weidendammbr\u00fccke, erz\u00e4hlt man ihnen, dass sich hier Theodor Fontane verlobt hat. Man zeigt, erkl\u00e4rt, erz\u00e4hlt st\u00e4ndig irgendetwas, und sei es nur, dass man auf eine Frage antwortet, dass der Baum da eine Kastanie ist. Wie kleine Kinder fragen und fragen sie den ganzen Tag, und da diese Leute meist recht gebildet sind, fragen sie h\u00e4ufiger nach Fontane als nach einer Kastanie. Sie saugen s\u00e4mtliches Wissen aus einem heraus, und brauchen andererseits bei allem Hilfe. Am Ende des Tages ist man ganz ausgelaugt, leer.<\/p>\n<p>Mal ganz zu schweigen von den ihnen eigenen Spleens, wie zum Beispiel, dass sie nie ihre Taschen an der Garderobe abgeben wollen. Jeden Tag geht man in irgendwelche Museen oder Konzerte, und da darf man nunmal keine Rucks\u00e4cke und gro\u00dfen Taschen mit hineinnehmen, das ist doch verst\u00e4ndlich. Aber jeden Tag \u2013 und t\u00e4glich gr\u00fc\u00dft das Murmeltier \u2013 diskutieren sie wieder mit dem jeweiligen F\u00fchrer dar\u00fcber, ob ihre Tasche nicht vielleicht doch klein genug ist, dass sie sie noch mit hinein nehmen d\u00fcrfen. Dabei ist die Garderobe sogar kostenlos, ich werde nie verstehen, warum es so schwer ist, seine Tasche dort abzugeben, man kann doch sein Portemonnaie herausnehmen, und gut ist es. Eine Frau bettelte den Mann im Pergamon-Museum an: &#8222;You know, when you&#8217;re traveling, you get so attached to your bag.&#8220; H\u00e4? Gut, dass Sommerpause ist. Sehr gut.<\/p>\n<p>Ach ja, weswegen ich dieses Posting &#8222;Man lebt nur einmal \u2013 probiers aus!&#8220; genannt habe: ich bekomme st\u00e4ndig E-Mail-Spam mit dieser Betreffzeile und denke jedes Mal: &#8222;Tue ich doch, ich lebe doch, quasi automatisch, das brauche ich doch nicht extra auszuprobieren, das mache ich jeden Tag, oder was denkst Du, was ich hier gerade tue?&#8220; Das ist doch wirklich der bl\u00f6deste Spam aller Zeiten. (Oder vielleicht denke ich das nur, weil ich gerade eine Woche lang die bl\u00f6deste Reisegruppe aller Zeiten begleitet habe.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letzten Montag holte ich die f\u00fcr mich letzte Reisegruppe vor der Sommerpause vom Flughafen ab. Zwei Frauen hatten in Frankfurt einfach beschlossen, einen sp\u00e4teren Flug nach Berlin zu nehmen. 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