{"id":5519,"date":"2008-05-29T13:11:00","date_gmt":"2008-05-29T12:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=5519"},"modified":"2008-05-29T13:11:00","modified_gmt":"2008-05-29T12:11:00","slug":"zukunftskinder-4957311","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=5519","title":{"rendered":"zukunftskinder."},"content":{"rendered":"<p>In der Titelgeschichte der diesw\u00f6chigen ZEIT beschreiben Ulrich Bahnsen und Martin Spiewak das immer tiefere Eingreifen des Menschen in die Sch\u00f6pfung als \u00dcberwindung der Schicksalhaftigkeit unserer genetischen Ausstattung.<\/p>\n<p>Dem Thema sind drei volle Seiten der Zeitung, insgesamt vier Artikel gewidmet. Nach der Lekt\u00fcre bleibe ich als etwas ratlose Leserin zur\u00fcck: die Artikel beschreiben die j\u00fcngsten Abstimmungen im englischen Abgeordnetenhaus, sie veranschaulichen Methoden des Eingreifens, interviewen Forscher, betonen die unterschiedliche Sichtweise der Problematik in Gro\u00dfbritannien und Deutschland, die historisch erkl\u00e4rt werden kann. Zwischen den Zeilen liest man, die Aufregung in Deutschland sei unn\u00f6tig, da jedwede Anwendung von Stammzellforschung Zukunftsmusik sei, und schon anwendbare Methoden wie die Pr\u00e4implantationsdiagnostik (PID) w\u00fcrden doch in der Praxis vergleichsweise selten angewendet. Alles halb so schlimm also? Ob man mit dieser Darstellung des Titelthemas versucht, die deutsche Wahrnehmung m\u00f6glichst sachte in die englische Richtung zu stupsen, oder ob hier eine doch recht unreflektierte Naivit\u00e4t am Werk ist, kann man aus der Lekt\u00fcre nicht beurteilen. Festzustellen ist auf jeden Fall, dass den drei Seiten Abhandlung \u00fcber die &#8222;Zukunftskinder&#8220; das Bewusstsein f\u00fcr eine ganze Dimension der neuen Eugenik fehlt.<\/p>\n<p>In England beschloss das Abgeordnetenhaus, Kinder mit Hilfe genetischer Testverfahren so ausw\u00e4hlen zu d\u00fcrfen, dass sie nach der Geburt als lebensrettende Zellspender f\u00fcr todkranke Geschwister dienen k\u00f6nnen. Es sei f\u00fcr das selektiv zur Welt gebrachte Kind keine Last, einem Geschwisterkind zu helfen. Diese Aussage ist gerade deshalb interessant, als dieselben Menschen, die so argumentieren, gleichzeitig f\u00fcr Selektionsmechanismen mittels Pr\u00e4implantationsdiagnostik sind, um zu verhindern, dass Kinder mit bestimmten Krankheiten oder Behinderungen \u00fcberhaupt geboren werden. Nicht selten wird hierf\u00fcr als Grund angef\u00fchrt, es sei den gesunden Geschwisterkindern nicht zuzumuten, dass sie ein Leben lang f\u00fcr eine behinderte oder chronisch kranke Schwester oder einen solchen Bruder verantwortlich sind.<\/p>\n<p>Im ersten Fall ist es f\u00fcr das gesunde Kind keine Last, dem kranken Kind zu helfen, im zweiten Fall schon. Diese Logik muss man erstmal verstehen. Im ersten Fall wird davon ausgegangen, dass die Krankheit durch Zellspende geheilt werden kann. Es handelt sich um keine Last, weil die Hilfeleistung ein rein k\u00f6rperlicher, medizinischer, augenblicklicher Eingriff ist, der einem Mangelzustand vergleichsweise schnell Abhilfe schafft. Im zweiten Fall w\u00e4re die zu erbringende Hilfeleistung vor allem eine seelische, und zudem eine dauerhafte. Das w\u00e4re als eine Last anzusehen: die daf\u00fcr n\u00f6tige Geduld, Zeit und Liebe kann man heute von niemandem mehr erwarten.<\/p>\n<p>Verfolgt man die Argumentationslinien der Bef\u00fcrworter von PID und sonstigen Formen neuer Eugenik, so st\u00f6\u00dft man immer wieder auf derart widerspr\u00fcchliche Argumentationen, die jeweils nur in der Frage der Zumutbarkeit ihre Widerspr\u00fcche aufheben, beziehungsweise in ihr m\u00fcnden.<\/p>\n<p>Dass die Rechtfertigung von Eingriffen wie der PID nicht nur das Leben von Kranken und Behinderten verhindert, sondern in Weiterf\u00fchrung ihrer Logik auch Konsequenzen f\u00fcr diejenigen hat, die schon auf der Welt sind, zeigte sich nicht zuletzt am <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wissenschaft\/mensch\/0,1518,457787,00.html\">Fall Ashley.<\/a> Ashley durfte nicht wachsen, die Br\u00fcste und Geb\u00e4rmutter wurden ihr entfernt, sie soll f\u00fcr immer ein Kind bleiben, damit ihre Eltern sie leichter pflegen k\u00f6nnen. Die Frage der Zumutbarkeit wird heute an die Angeh\u00f6rigen adressiert, nach der Zumutbarkeit f\u00fcr Ashley fragt man besser nicht, ebenso wenig danach, was aus dem Recht auf k\u00f6rperliche Unversehrtheit geworden ist. Der gesellschaftliche Druck, der durch die neue Eugenik entsteht, ist enorm gro\u00df \u2013 umso erstaunlicher, dass er bei der ZEIT auf drei ganzen Seiten nur ein Mal vorkommt, und da dann stark heruntergespielt wird: eine Frau Nippert vom Institut f\u00fcr Humangenetik der Universit\u00e4t M\u00fcnster wird mit dem Satz zitiert &#8222;Die Technik ver\u00e4ndert, glaube ich, die Medizin oder die Gesellschaft sehr viel weniger, als die emotional gef\u00fchrte Debatte vermuten l\u00e4sst.&#8220; Mit Frau Nippert w\u00fcrde ich gerne einmal sprechen und sie aus ihrem Elfenbeinturm herausholen. Betroffene, Angeh\u00f6rige oder \u00e4hnlich st\u00f6rende Bedenkentr\u00e4ger wurden von den Journalisten lieber gar nicht erst befragt.<\/p>\n<p>Die Journalisten beschreiben das immer tiefere Eingreifen des Menschen in die Sch\u00f6pfung v\u00f6llig zu recht als \u00dcberwindung der Schicksalhaftigkeit unserer genetischen Ausstattung, denken aber leider nicht dar\u00fcber nach, welche Motivation sich dahinter verbergen k\u00f6nnte. Ich denke, es ist die um sich greifende und sich stetig erweiternde Dimension des Sicherheitswahns. Warum will man denn das Schicksal \u00fcberwinden? Doch wohl deshalb, weil man sich nicht mehr zutraut, das Schicksal nicht nur aushalten, sondern sogar gut damit leben zu k\u00f6nnen. Man sucht stattdessen Sicherheit und Norm, wobei eines jeweils das andere garantiert. Wie gl\u00fccklich ist man aber dann in einem derart gesicherten und uniformierten Leben? Wie kann man an einem solchen Leben wachsen, innere St\u00e4rke und Zuversicht entwickeln? Verst\u00e4ndnis entwickeln f\u00fcr <i>den<\/i> Menschen, und <i>die Menschen an sich<\/i>, also f\u00fcr das, was man so oft als &#8222;das Schicksal des Menschlichen&#8220; bezeichnet? Wie sollen diese Reifeprozesse noch stattfinden, wenn man eben jenes Schicksal immer weiter ausmerzt? Wir werden unseren Kindern nicht viel davon mit auf den Weg zu geben haben \u2013 und deren Sicherheitsbed\u00fcrfnis, Schicksalsvermeidung und Normierung k\u00f6nnte dadurch zu einem noch tieferen Bed\u00fcrfnis werden, durch das in der n\u00e4chsten Generation ganz neue Ausma\u00dfe des Eingreifens in die Sch\u00f6pfung erforscht und angewendet werden. Zukunftskinder eben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Titelgeschichte der diesw\u00f6chigen ZEIT beschreiben Ulrich Bahnsen und Martin Spiewak das immer tiefere Eingreifen des Menschen in die Sch\u00f6pfung als \u00dcberwindung der Schicksalhaftigkeit unserer genetischen Ausstattung. 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