{"id":5525,"date":"2008-05-23T22:25:00","date_gmt":"2008-05-23T21:25:00","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=5525"},"modified":"2008-05-23T22:25:00","modified_gmt":"2008-05-23T21:25:00","slug":"inklusion-4945430","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=5525","title":{"rendered":"inklusion."},"content":{"rendered":"<p>Johns erster Ausflug mit dem Ausw\u00e4rtstrikot brachte eine interessante Begegnung: ein Mann freute sich \u00fcber das Trikot und sprach John an. Er wollte ihn zu dem sch\u00f6nen Trikot begl\u00fcckw\u00fcnschen und hatte schon seine Hand ausgestreckt, als er bemerkte, dass John behindert ist und nicht &#8222;normal&#8220; auf seine Worte und seine Geste reagiert. John hat zwar gelernt, Leuten zur Begr\u00fc\u00dfung und zum Abschied die Hand zu geben, aber es dauert ein bisschen, bis er reagiert, wenn die Situation spontan und das Gegen\u00fcber fremd ist. Der junge Mann zog die Hand zur\u00fcck und war offensichtlich ratlos, was er nun tun oder sagen sollte. Wollte er nur locker mit einem siebenj\u00e4hrigen Jungen \u00fcber Fu\u00dfball reden, hatte sich dies in eine Situation gewandelt, mit der er nicht umzugehen wusste. Genau in dem Moment streckte John z\u00f6gerlich seine Hand aus. Der Mann stand weiter rat- und reglos da. Johns Vater ermunterte ihn flapsig : &#8222;Come on, man, now you gotta shake his hand.&#8220; Das weckte den jungen Mann auf und erfreut gab er John sofort die Hand. Dann schienen sowohl John als auch der Mann sehr gl\u00fccklich dar\u00fcber, diese ungewohnte und unerwartete Situation so gut und am Ende gemeinsam gemeistert zu haben.<\/p>\n<p>Zuhause las ich dann bei &#8222;Autism vox&#8220;, meinem liebsten Autismus-Weblog, einen Eintrag \u00fcber Oscar Pistorius, den Mann, der mit Beinprothesen an den regul\u00e4ren olympischen Spielen wird teilnehmen d\u00fcrfen: <a href=\"http:\/\/www.autismvox.com\/its-ok-to-be-disabled-until\/\">We all root for amputees\u2014-until they win medals.<\/a> Kristina Chew, deren Erz\u00e4hlungen \u00fcber Sohn Charlie ich schon seit Jahren folge, denkt in diesem Posting \u00fcber Inklusion nach (und man muss wohl sagen Inklusion, nicht Integration). Wie viel Inklusion ist unsere Gesellschaft bereit zu tragen? Diese Frage stellte sich auch William Saletan in einem Artikel bei &#8222;Slate&#8220;: <a href=\"http:\/\/www.slate.com\/id\/2191801\/\">Leg up. The emerging supremacy of artificial legs. <\/a> An einer sportlichen Entscheidung zeigt sich etwas, das in allen Lebensbereichen eine Rolle spielt, wenn man mit Behinderung lebt, oder mit einem Menschen mit Behinderung, egal ob Sport, Musik, Schule und Beschulung, Essen gehen, verreisen oder in freier Wildbahn (a.k.a. Mauerpark) ein bestimmtes Fu\u00dfballtrikot tragen: Inklusion ist eine Frage, die einen, quasi als Hintergrundrauschen des Lebens, wohl oder \u00fcbel best\u00e4ndig begleitet. Sich einerseits nicht selbst auszugrenzen und andererseits auch nicht von anderen ausgegrenzt zu werden, erfordert von allen Seiten viel guten Willen und Geduld, wenn es gelingen soll.<\/p>\n<p>In dem Posting ist ein Dokumentarfilm verlinkt: <a href=\"http:\/\/www.includingsamuel.com\/preview\/\">Including Sam. <\/a>Der zw\u00f6lf-min\u00fctige Trailer ist sehr empfehlenswert. Es geht dabei zwar gr\u00f6\u00dftenteils um die integrative Beschulung, was uns nicht zwingend betrifft, da eine F\u00f6rderschule f\u00fcr John sinnvoll ist, aber was mir wichtig ist: es wird in dem Trailer betont, dass die Frage der Inklusion das Leben durchsetzt und nie abgeschlossen ist, gerade weil in verschiedenen Lebensbereichen und \u2013phasen unterschiedliche Grade an Inklusion w\u00fcnschenswert sein k\u00f6nnen. Die Inklusion von Menschen mit Behinderung als &#8222;last frontier&#8220;, das passt auch wieder zu Martha Nussbaum&#8217;s &#8222;Frontiers of Justice.&#8220;<\/p>\n<p>Ein Reisender aus der Gruppe brach in der Hotel-Lobby zusammen, wurde mit der Ambulanz abtransportiert und so fand ich mich in der Notaufnahme wieder. Auf dem Flur lag eine \u00e4ltere behinderte Frau verdreht in einem Bett und keiner schien sich um sie zu k\u00fcmmern. Als ich vom Gespr\u00e4ch mit dem Arzt zur\u00fcckkam, lag sie immer noch da. Ich wollte gerade hingehen, als eine Krankenschwester kam. &#8222;So, Frau x., Sie kommen jetzt wieder Nachhause. Ich habe schon mit ihrer Betreuerin gesprochen, sie wei\u00df Bescheid, dass Sie gleich abgeholt und zur\u00fcckgebracht werden.&#8220; Und schon war die Schwester wieder verschwunden. Jedes Mal im Krankenhaus muss man feststellen, wie wenig Zeit f\u00fcr Zuwendung bleibt. Es kamen zwei Sanit\u00e4ter, die die Frau in einen Rollstuhl hoben. Der eine nahm ihre Tasche in die Hand und fragte: &#8222;Soll ich die nehmen oder wollen Sie sie selbst halten?&#8220; Die Frau entgegnete, erstaunlich deutlich und gut sprechend, und ebenso erstaunlich w\u00fcrdevoll: &#8222;Die nehme ich auf den Scho\u00df. Irgendwas muss ich ja schlie\u00dflich auch noch machen k\u00f6nnen.&#8220; Mir war unklar, ob sich das &#8222;K\u00f6nnen&#8220; am Ende ihrer Aussage auf  das eigene Verm\u00f6gen bezog und somit eine halb-resignierte Aussage \u00fcber ihre eigenen F\u00e4higkeiten war, oder ob es sich darauf bezog, dass man ihr alles abnahm, nichts zutraute und \u00fcberhaupt keine Zeit daf\u00fcr hatte, ihre M\u00f6glichkeiten zur Selbstst\u00e4ndigkeit herauszufinden und zu achten.<\/p>\n<p>Mir kam sofort der Gedanke, dass ich John wohl niemals alleine lassen kann. Nat\u00fcrlich will er irgendwann auch nicht mehr an Mamas Rockzipfel h\u00e4ngen und sollte eigenst\u00e4ndig leben, aber die Frage ist, wie viel Eigenst\u00e4ndigkeit in einer Einrichtung m\u00f6glich ist, Zuhause jedenfalls sicher mehr, wenn man es gut organisiert. Ich k\u00f6nnte den Gedanken nicht ertragen, dass er eines Tages so verlassen und figurativ \u00fcberrollt von gehetzten Menschen alleine im Flur einer Notaufnahme liegt. Wie sagte eine andere Mutter eines autistischen Jungen letztens zu mir: &#8222;Ich kann niemals sterben, das geht einfach nicht, das geht nur nach meinem Kind. Wir Eltern schwerbehinderter Kinder sind wahrscheinlich die einzigen Eltern, die nicht vor ihren Kindern sterben wollen.&#8220; Das klang f\u00fcr mich erschreckend, aber ich habe seither oft daran gedacht, so auch wieder gestern in der Notaufnahme. Stimmt ihr Satz? Ich wei\u00df es nicht.<\/p>\n<p>Abends sah ich mir dann im Fernsehen &#8222;Germany&#8217;s next top model&#8220; an. Wie da diese jungen Frauen im ultimativen Normierungswahn getriezt, bevormundet und ausgeschlachtet werden! Diese armen Frauen. Ich empfand pl\u00f6tzlich eine tiefe Dankbarkeit f\u00fcr John, der meinem Leben jeden Tag wichtigere Impulse gibt. \u00c4hnliches dachte ich schon vorgestern beim Zahnarzt, als ich in der &#8222;Amica&#8220; eine oberfl\u00e4chliche und spekulative Reportage \u00fcber Ehen von Prominenten las. Als ob eine Journalistin sich wirklich in all diese Ehen einf\u00fchlen und sie bewerten kann. Da wird so ein Schei\u00df zusammengeschrieben, dass es mich schon wieder w\u00fctend machte, fast wie eine Entehrung des Schreibens. Warum schreiben Menschen, warum lesen sie, dahinter steckt doch eigentlich, hoffentlich, denke ich, eine gewisse Sehnsucht, eine Suche, ein ehrliches Interesse, ich wei\u00df auch nicht, aber auf jeden Fall etwas, das sich in solchem Schreiben nicht findet.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich ist das totaler Quatsch, kann ja jeder schreiben, was er will. Mir sollte das egal sein. Ich kann weiter \u00fcber Charlie lesen, und viele andere Texte, die mich interessieren, und froh sein \u00fcber einen sch\u00f6nen Lebensweg mit John, der durch sein Anderssein jeden Tag Menschen herausfordert \u2013 wo man geht und steht.<\/p>\n<p>Wir haben derweil auch unseren Sommerurlaub gebucht und werden im August zehn Tage lang testen, wie sich Irland mit einem autistischen Kind bereist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johns erster Ausflug mit dem Ausw\u00e4rtstrikot brachte eine interessante Begegnung: ein Mann freute sich \u00fcber das Trikot und sprach John an. Er wollte ihn zu dem sch\u00f6nen Trikot begl\u00fcckw\u00fcnschen und hatte schon seine Hand ausgestreckt, als er bemerkte, dass John behindert ist und nicht &#8222;normal&#8220; auf seine Worte und seine Geste reagiert. 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