{"id":566,"date":"2008-12-31T23:45:25","date_gmt":"2008-12-31T21:45:25","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=566"},"modified":"2016-01-13T18:08:15","modified_gmt":"2016-01-13T17:08:15","slug":"der-kandidat-von-2008-zu-2009","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=566","title":{"rendered":"der kandidat. (von 2008 zu 2009)"},"content":{"rendered":"<p>Im Januar ist unser neu gegr\u00fcndeter Verein (mein erster Verein, was das \u00fcberhaupt bedeuten mag), im Januar also ist unser Verein &#8222;Elternzentrum Berlin&#8220; lokaler Filmpartner eines sehr guten Dokumentarfilms \u00fcber Autismus: &#8222;Ihr Name ist Sabine.&#8220; Ich habe ihn bei der Berlinale dieses Jahr schon gesehen und <a href=\"http:\/\/wasweissich.twoday.net\/stories\/4699169\/\">in meinem alten Weblog seinerzeit auch besprochen<\/a>.<\/p>\n<p>Am 11. Januar wird der Film im Rahmen des &#8222;\u00fcberMacht&#8220;-Filmfestivals gezeigt, veranstaltet von der <em>gesellschafter<\/em>-Initiative der Aktion Mensch. Das Filmfestival findet vom 9.-21. Januar in Berlin statt, ist allerdings ein bundesweites Festival und 2009 zu anderen Zeiten in vielen anderen St\u00e4dten zu sehen, siehe <a href=\"http:\/\/diegesellschafter.de\/uebermacht\/index.php?sid=b374d390411a27fe1b27d9258d981d88\">Programm<\/a>. Das Berliner Programm ist <a href=\"http:\/\/diegesellschafter.de\/uebermacht\/programm.php?cid=248\">hier<\/a> zu sehen, am 11. Januar ab 18:30 Uhr im Zeughauskino also der Autismusfilm &#8222;Ihr Name ist Sabine&#8220; mit anschlie\u00dfender Podiumsdiskussion. Als &#8222;regionale Filmpartner&#8220; d\u00fcrfen wir vor allen Filmen des Festivals einen Informationsstand im Foyer betreiben, und bei der zentralen Auftaktveranstaltung am 16. Januar im Kino International einen Trailer zeigen. Den haben wir schon fertiggestellt, John ist darauf manchmal auch zu sehen, siehe <a href=\"http:\/\/trailer.elternzentrum-berlin.de\/\">Trailer.<\/a><\/p>\n<p>Ob dieses ganze Engagement \u00fcberhaupt etwas bringt, ist weiter dahingestellt. Zweimal haben wir uns im neuen Schuljahr bereits mit den Senatsvertretern getroffen, im Oktober und im Dezember, aber es ist eine m\u00fchsame Angelegenheit. Ein zweites Mal nach der Intervention im Fr\u00fchjahr 2008 hat unser Protest allerdings dazu beigetragen, dass der Berliner Senat die Schulhelfer unserer Kinder nicht abschafft, vergleiche taz vom <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/regional\/berlin\/aktuell\/artikel\/?dig=2008%2F09%2F22%2Fa0132&amp;cHash=3dc05bd8df\">September<\/a> mit taz vom <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/regional\/berlin\/aktuell\/artikel\/1\/alles-wird-gut\/\">Dezember<\/a>. Was nach den n\u00e4chsten Sommerferien ist, wei\u00df niemand. Das Ringen, das im Januar 2008 begann, wird offensichtlich von Halbjahr zu Halbjahr neu ausgefochten, gesucht wird der l\u00e4ngere Atem. Wenn der Senat sich da aber mal nicht t\u00e4uscht, denn wenn Eltern schwerbehinderter Kinder sich auch nur irgendetwas haben aneignen m\u00fcssen, dann genau das. Denn der lange Atem ist der kleine Bruder der Geduld.<\/p>\n<p>Was nicht hei\u00dft, dass ich nicht trotzdem meine Zweifel habe. Johns Krise, die sich in unglaublichen Aggressionen manifestiert, verschiebt den Fokus. Durch seine Gr\u00f6\u00dfe und Kraft kann John sich selbst und andere nun ernsthaft verletzen, und in den Momenten des Ausrastens hat er keinerlei Kontrolle \u00fcber sich. Er hat Kinder in der Schule und im Schulbus angegriffen, besonders der Angriff im Schulbus war schlimm. Nun darf er nur noch mit Begleitperson im Bus mitfahren. Eine Zeitlang, als Arzt und Jugendamt den entsprechenden Antrag bearbeiteten, brachte ich ihn selbst zur Schule, immer mit der Angst, dass er mich auf der Fahrt im Auto attackieren w\u00fcrde. Zum Gl\u00fcck hat das Jugendamt den Antrag schnell bearbeitet und die Notwendigkeit einer Begleitperson anerkannt (wenn sie wirklich gebraucht werden, sind sie manchmal ja auch wirklich da, die Beh\u00f6rden), also kann John wieder mit dem Bus fahren. Das Busunternehmen musste seinen ganzen Fahrplan deshalb umstellen, aber wir sind wohl \u00fcber den Punkt hinweg, dass einem jede Unannehmlichkeit peinlich ist, die man anderen verursacht.<\/p>\n<p>Meine eigenen Arme sind von blauen Flecken und Kratzern \u00fcbers\u00e4t, gestern beobachtete ich im Supermarkt, wie eine Frau, die hinter mir an der Kasse stand, entsetzt auf meine Hand und meinen Unterarm starrte, als ich bezahlte und die Winterjacke dabei etwas hochrutschte. Ich f\u00fchlte mich gleich so, als m\u00fcsse ich mich rechtfertigen. Was die Leute wohl denken, was das ist? Ich h\u00e4tte eine Vene f\u00fcr Drogen gesucht, ich w\u00fcrde mich selbst verst\u00fcmmeln? Ich wollte schon fast zu der Frau sagen: &#8222;Das war mein Sohn&#8220;, da fiel mir auf, dass diese Erkl\u00e4rung die Situation nicht gerade kl\u00e4ren w\u00fcrde, also sagte ich einfach nichts. Man unterliegt sowieso sehr leicht einem Rechtfertigungszwang, man wird da irgendwie hineingebracht, und findet dann schlecht einen Ausweg, das w\u00e4chst sich aus, bis man irgendwann nur noch und viel zu defensiv mit anderen Menschen umgeht.<\/p>\n<p>Den einen Einzelfallhelfer hat John blutig gebissen, die beiden steckten an der Ecke Danziger Stra\u00dfe und Prenzlauer Allee fest, ich musste sie von dort mit dem Auto abholen. Die andere Einzelfallhelferin traut sich kaum noch, mit ihm alleine zu sein. Wer w\u00fcrde es ihr verdenken, ich traue mich ja selbst kaum noch, mit ihm alleine zu sein. Heute sind wir erstmals seit langer Zeit wieder alleine rausgegangen, John und ich, weil die letzten Tage Zuhause ganz okay waren, also wollte ich mit ihm nur kurz um die Ecke zur Stadtbibliothek, ein paar B\u00fccher, Filme und CD&#8217;s zur\u00fcckbringen. In der Schlange vor uns nur drei Leute, erleichtert dachte ich, das sei ja nun zu schaffen, aber dann ist John doch ausgeflippt, gerade als wir dran waren, riss heftigst in meinen Haaren und biss mich dabei in den Arm, bis es blutete. Wir hatten die Aufmerksamkeit aller anwesenden Bibliotheksbesucher, und das waren nicht wenige, alle starrten uns vollkommen entsetzt an. Hilfe angeboten hat nat\u00fcrlich keiner, aber andererseits: was sollen sie auch tun? Es ist nicht ihre Schuld, und sie kennen sowas nicht, sie wissen damit nicht umzugehen, man ist manchmal f\u00e4lschlicherweise w\u00fctend auf die Leute um einen herum, das ist die n\u00e4chste ungeeignete Reaktion neben dem Rechtfertigungszwang.<\/p>\n<p>Nach unserer kostenlosen Darbietung einer Jahresendfreakshow in der Stadtbibliothek gingen wir wieder Nachhause, wo John schlagartig bestens gelaunt war. Am liebsten ist er Zuhause, aber wir k\u00f6nnen doch nicht st\u00e4ndig <em>nichts<\/em> tun. Der \u00dcbergang zur\u00fcck in die Schule am n\u00e4chsten Montag wird wahrscheinlich wieder ein Spa\u00df, dann dauert es wieder zwei k\u00e4mpferische Wochen, bis John sich eingew\u00f6hnt hat und die Schule akzeptiert, und dann sind in der ersten Februarwoche nat\u00fcrlich gleich schon wieder f\u00fcr eine Woche Ferien, nach denen das Spiel dann wieder von vorne beginnen kann. Die Schulferien sind f\u00fcr Kinder wie John eigentlich nicht gut, denn er wird st\u00e4ndig aus seiner Routine gerissen, und das verursacht so viele, gravierende Probleme. Am besten w\u00e4re, er h\u00e4tte nur in den Sommerferien mal drei Wochen frei, und dann \u00fcber die Feiertage im Dezember, aber dazu m\u00fcsste viel mehr Personal eingestellt werden, und da sind wir wieder bei den Problemen der Behindertenbetreuung, an der die Politik so gerne spart.<\/p>\n<p>Seit vielen Wochen versuchen wir nun schon, gemeinsam mit den \u00c4rzten, Therapeuten und allen in die Pflege involvierten Personen, die Krise in den Griff zu bekommen, ohne Erfolg. Die Umstellung von Risperdal auf Dipiperon hat anfangs gut gewirkt, dann nicht mehr. Die Frage ist, ob man nun einen Schritt weiter geht, zum Beispiel Zyprexa probiert, die fast einzig gebliebene Alternative, aber dass man da in ein Wespennest sticht, ist einem schon vorher klar. Eine sehr gute Zusammenfassung zu den Zyprexa-Entwicklungen gibt es bei der <a href=\"http:\/\/gesundheit.blogger.de\/stories\/682391\/ \">Station\u00e4ren Aufnahme<\/a>. Es gab auch mal einen Bericht bei <a href=\" http:\/\/frontal21.zdf.de\/ZDFde\/inhalt\/28\/0,1872,7008412,00.html?dr=1\">Frontal21<\/a>. Mir ist das alles nicht recht, ich m\u00f6chte <em>eigentlich<\/em> (gibt es nicht noch eine Steigerung des Kursivierens, ich brauche langsam umst\u00e4ndehalber ein ultrakursiv), ich m\u00f6chte also <em>eigentlich<\/em> \u00fcberhaupt keine Psychopharmaka, ich m\u00f6chte, dass mein Kind allein durch die Liebe seiner ihn umgebenden Menschen durch die Krise kommt, wie naiv ist das denn. Ich f\u00fchle mich, als m\u00fcsste ich mich f\u00fcr die Medikamente rechtfertigen, da ist er wieder, der Rechtfertigungsszwang, der letztlich wohl nur durch die Diskrepanz entsteht zwischen Vorstellung und Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Im Supermarkt auch noch ein Gespr\u00e4ch geh\u00f6rt zwischen zwei M\u00e4nnern, die sich dort anscheinend zuf\u00e4llig trafen. Der eine sagte zum andern: &#8222;Meine Frau ist ja an einer Schule f\u00fcr geistig Behinderte. Also, wir mussten gerade mit unserer Kleinen zum Sozialp\u00e4diatrischen Zentrum, sie ist ja ein Fr\u00fchchen, aber alles okay, mussten da nur die Augen \u00fcberpr\u00fcfen lassen, da trafen wir ein M\u00e4dchen, das meine Frau morgens noch in der Schule gesehen hatte, das M\u00e4dchen hat eine Epilepsie mit geistiger Behinderung, sie wirft sich immer selbst auf den Boden, ganz schlimm ist das, und diese Kandidaten gehen ja auch alle zum SPZ, solche Kinder sieht man dann da.&#8220; Sein Gegen\u00fcber erwiderte: &#8222;Ja, da kann man immer nur froh sein, wenn man von sowas verschont bleibt.&#8220; Letzterer Satz dr\u00fcckt wahrscheinlich ziemlich gut aus, warum wir durch Johns Krise in der \u00d6ffentlichkeit immer isolierter sind. Froh zu sein, verschont zu bleiben, l\u00e4sst sich vielleicht am besten verwirklichen, wenn man damit m\u00f6glichst erst gar nichts zu tun hat. Das Gespr\u00e4ch der beiden war aber gar nicht unangenehm, im Gegenteil. Mir gefiel besonders der Begriff &#8222;diese Kandidaten.&#8220; John, der Kandidat. Das ist er, wahrlich. Schl\u00e4ft gerade schon, der Kandidat, wird aber in einer Viertelstunde sicher vom Geb\u00f6ller wach.<\/p>\n<p>Auf ein besseres two-thousand-and-nine: two-thousand-divine.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Januar ist unser neu gegr\u00fcndeter Verein (mein erster Verein, was das \u00fcberhaupt bedeuten mag), im Januar also ist unser Verein &#8222;Elternzentrum Berlin&#8220; lokaler Filmpartner eines sehr guten Dokumentarfilms \u00fcber Autismus: &#8222;Ihr Name ist Sabine.&#8220; Ich habe ihn bei der Berlinale dieses Jahr schon gesehen und in meinem alten Weblog seinerzeit auch besprochen. Am 11. 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