{"id":5862,"date":"2020-11-19T16:49:48","date_gmt":"2020-11-19T15:49:48","guid":{"rendered":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=5862"},"modified":"2020-11-20T11:41:46","modified_gmt":"2020-11-20T10:41:46","slug":"gedanken-zu-aids-und-covid-19","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=5862","title":{"rendered":"gedanken zu aids und covid-19."},"content":{"rendered":"\n<p>Seit Monaten werden wir jetzt zwischen Hysterie und Leugnen hin- und hergeworfen. Es ist anstrengend und entsprechend scheint auch jeder von Erm\u00fcdung zu sprechen, aber wie kommen wir da wieder raus? Dazu lese ich erstaunlich wenig.<\/p>\n<p>Die Situation ist f\u00fcr uns alle neu, eine solche Pandemie haben wir noch nicht erlebt. Wir haben uns das alle nicht gew\u00fcnscht. Am einfachsten w\u00e4re, man k\u00f6nnte einen oder mehrere Schuldige ausmachen, ihnen das Problem anheften und es damit zumindest auf eine Art von sich selbst fernhalten. Doch keiner ist unmittelbar Schuld, wir haben es mit einer Verkettung vieler Faktoren zu tun, die uns an diesen Punkt gef\u00fchrt haben.<\/p>\n<p>Alle tapsen so ein bisschen im Dunkeln herum, die Politik reagiert auf die Entwicklung des Infektionsgeschehens, wobei die Reaktion gef\u00fchlt eigentlich immer schon ein bisschen zu sp\u00e4t kommt. Dennoch ist Deutschland in der Pandemiebek\u00e4mpfung bisher ziemlich erfolgreich, im Vergleich zu vielen anderen L\u00e4ndern. Die Unzufriedenheit ist trotzdem gro\u00df. Es begegnet uns das alte Problem: Man kann es nie allen Recht machen.<\/p>\n<p>Alle sind gleichzeitig aus dem r\u00fcckblickend ziemlich ideal scheinenden Vorher hinausgefallen und jeder f\u00fchlt sich nach dem Fall im Gemenge der neuen Lage erstmal tendenziell zu kurz gekommen. So treiben wir uns gegenseitig durch den K\u00e4fig, in dem wir doch gemeinsam sitzen. Als Verarbeitungs- und Bew\u00e4ltigungsstrategie scheint mir das nicht gerade optimal.<\/p>\n<p>Ich wundere mich, dass in den Medien nicht viel mehr danach gesucht wird, wie es in \u00e4hnlichen Situationen war, und ob man daraus nicht vielleicht etwas lernen k\u00f6nnte. Ja, es gab Artikel \u00fcber die Pest und die Spanische Grippe, aber diese Katastrophen sind historisch. Ich frage mich vielmehr, warum man nicht nach etwas guckt, was in unseren eigenen Erfahrungshorizont f\u00e4llt: die Erfahrungen mit der Ausbreitung von Aids. In der Hoffnung, meine eigene innere Unruhe besser zu verstehen und vielleicht auch etwas zu befrieden, habe ich mich ein bisschen n\u00e4her damit besch\u00e4ftigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es grundlegende Unterschiede. Die \u00dcbertragung des SARS-CoV-2-Coronavirus durch Aerosole und Schmierinfektionen bedeutet viel breitere \u00dcbertragungswege als die \u00dcbertragung des HI-Virus \u00fcber Sperma und Blut. Aids wurde relativ schnell als &#8222;Krankheit der anderen&#8220; angesehen, da die zentralen Risikogruppen (schwule M\u00e4nner, Drogenabh\u00e4ngige, Bluter) als Randgruppen wahrgenommen wurden. Covid-19 hingegen ist eindeutig ein Problem der Mehrheitsgesellschaft.<\/p>\n<p>Die Unterschiede sind offensichtlich, aber ich habe mich gefragt, ob es nicht trotzdem auch viele Gemeinsamkeiten gibt. Mir hat die Besch\u00e4ftigung damit geholfen, deshalb schreibe ich das hier einfach mal auf.<\/p>\n<p>Ganz \u00e4hnlich wie bei den ersten an Covid-19 Erkrankten wusste auch bei Aids, zuerst 1982 erkannt, zu Beginn niemand, um was f\u00fcr eine Krankheit es sich \u00fcberhaupt handelt. Die \u00dcbertragungswege der Infektion waren unklar, es gab keine Therapieformen. Was ich \u00fcber die gro\u00dfe Unsicherheit und das Ohnmachtsgef\u00fchl dieser ersten Zeit gelesen habe, finde ich durchaus mit unserer Situation zu Beginn des Jahres 2020 vergleichbar.<\/p>\n<p>Im empfehlenswerten Buch &#8222;Die Kapsel&#8220; von Martin Reichert, erschienen bei der Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung, beschreibt das Jan Feddersen so: &#8222;Aids, das hat einem wirklich den Boden unter den F\u00fc\u00dfen weggezogen. Es war wie eine L\u00e4hmung.&#8220; Wie ein Damoklesschwert schwebte die Todesangst \u00fcber dem Alltag.<\/p>\n<p>1982 war ich erst zehn Jahre alt und kann mich daher nicht an diese unmittelbaren Anf\u00e4nge erinnern. In unserer Kinderwelt kam das Thema nicht vor. Meine Erinnerung setzt etwa 1986 ein, als ich 14 war und auf den Schulfluren dar\u00fcber diskutiert wurde, ob man durch K\u00fcssen Aids bekommen kann. Erwachsene zu fragen, das kam nat\u00fcrlich nicht in Frage. Das ma\u00dfgebliche Informationsorgan war die BRAVO. Der Konsens der Diskussionen war, dass das laut dem, was man so h\u00f6rte und las, keine Gefahr darstellen sollte. Ganz sicher war man sich allerdings nicht.<\/p>\n<p>Heute wei\u00df ich, dass schon seit 1984 offiziell anerkannt war, dass die Krankheit von einem Virus ausgel\u00f6st wird, das sich vorwiegend \u00fcber Sperma und Blut verbreitet. 1985 wurde der erste HIV-Antik\u00f6rpertest zugelassen.<\/p>\n<p>Drei Jahre lebte die ganze Welt schon mit dem Virus und in gro\u00dfer Unsicherheit, da kam erst der erste Antik\u00f6rpertest heraus. Und ob Kondome wirklich sch\u00fctzen, war zu dieser Zeit sogar auch noch ungewiss. Wenn ich dar\u00fcber nachdenke, setzt es meine eigene innere Ungeduld in ein neues Verh\u00e4ltnis. Es macht mir bewusst, was f\u00fcr hohe Erwartungs- und Anspruchshaltungen wir heute haben. Wir leben weniger als ein Jahr mit dem neuen Coronavirus.<\/p>\n<p>Innerhalb der Schwulenbewegung pr\u00e4gten sich in der unsicheren Lage Konflikte aus, in \u00f6ffentlich gef\u00fchrten Diskussionen. Einige Vertreter forderten als Reaktion Enthaltsamkeit ein, oder zumindest den Verzicht auf Promiskuit\u00e4t, worauf andere sich nicht einlassen wollten. Was sollte die Zielgr\u00f6\u00dfe sein: Null-Risiko oder Minimierung des Risikos? Wie sollte man mit der Risikobewertung umgehen?<\/p>\n<p>Auch diese Fragen erinnern mich sehr an heute. Null-Risiko w\u00e4re nur mit einem totalen Shutdown machbar. Das scheint kaum machbar. Selbst der verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig leichte Lockdown im Fr\u00fchjahr, der nie mit einer Ausgangssperre einhergegangen ist, hat \u2013 in einer Freiheitsgesellschaft wie der unseren \u2013 schon zu gro\u00dfen Verwerfungen gef\u00fchrt. Wir haben gelernt, dass Null-Risiko wohl keine Option ist.<\/p>\n<p>Das hat die Schwulenbewegung schon in den achtziger Jahren erfahren. 1986 schrieb der Berliner Gesundheitswissenschaftler Rolf Rosenbrock in seinem Buch &#8222;Aids kann schneller besiegt werden&#8220;, dass die Zielgr\u00f6\u00dfe Null-Risiko nur durch ein lebensfernes Abstinenz-Prinzip und Verbote zu erreichen sei, was dann aber zu Resignation und totalit\u00e4ren Wahngebilden f\u00fchren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Genau das erleben wir heute schon bei deutlich weniger ambitionierten Zielgr\u00f6\u00dfen: Die Coronaleugner und Querdenker w\u00e4hnen sich bereits in einem totalit\u00e4ren Staat, wenn sie beim Einkaufen eine Maske tragen sollen.<\/p>\n<p>Rosenbrock schlug vor, stattdessen auf Verhaltensver\u00e4nderungen zu setzen, zumal sich auch herauskristallisierte, dass Kondome tats\u00e4chlich sch\u00fctzen (\u00e4hnlich, wie sich in der aktuellen Situation herauskristallisiert hat, dass Masken tats\u00e4chlich sch\u00fctzen). Den Beteiligten war dabei bewusst, dass Verhaltensver\u00e4nderungen vielleicht leicht klingen m\u00f6gen, aber f\u00fcr den Menschen mit zum Schwersten geh\u00f6ren. Martin Reichert zitiert dazu einen treffenden Satz von Martin Dannecker: &#8222;Menschen f\u00e4llt es schon schwer, sich regelm\u00e4\u00dfig die Z\u00e4hne zu putzen, um sich vor Karies zu sch\u00fctzen.&#8220;<\/p>\n<p>Wissen verhaltenswirksam zu machen, das ist schwierig. Wie schafft man neue Routinen, neue Selbstverst\u00e4ndlichkeiten? Die Politik setzte auf weitreichende Informationskampagnen. Auch etwas, das wir heute erleben, j\u00fcngst mit den neuen Werbespots der Bundesregierung \u00fcber &#8222;besondere Helden&#8220;.<\/p>\n<p>Interessant fand ich auch, dass die Politik damals mindestens genauso stark zwischen den Alternativen harter Ma\u00dfnahmen einerseits und gem\u00e4\u00dfigter Strategie andererseits gerungen hat. (Den Showdown zwischen Peter Gauweiler und Rita S\u00fcssmuth nachzulesen, ist k\u00f6stliche Lekt\u00fcre.) Sollte es Ordnungsvorschriften f\u00fcr Infizierte geben, sollte man Zwangsuntersuchungen potentiell Infizierter anordnen k\u00f6nnen? Dass Randgruppen betroffen waren und nicht die Gesamtheit der Bev\u00f6lkerung, machte es wohl etwas leichter, sich f\u00fcr die gem\u00e4\u00dfigte Strategie zu entscheiden. Auch pragmatische Gr\u00fcnde sprachen daf\u00fcr: Was bringen Zwangstests am Ende \u00fcberhaupt? Wie und von wem k\u00f6nnte eine st\u00e4ndige Kontrolle umgesetzt werden?<\/p>\n<p>So setzte sich am Ende Rita S\u00fcssmuth mit dem Motto &#8222;Ratio statt Razzia&#8220; durch. Die Sofortprogramme der Regierung zielten in drei Richtungen: Schutz der Bev\u00f6lkerung gegen die Infektion, Beratung und Versorgung der Erkrankten, Verhinderung von Diskriminierung. Der Slogan &#8222;Aids geht alle an&#8220; sollte daf\u00fcr sorgen, dass durch Aufkl\u00e4rung eine Ausgrenzung der Betroffenen verhindert wird. Kurzum, es entstand eine Pr\u00e4ventionsstrategie, die auf vern\u00fcnftig handelnde und lernf\u00e4hige Menschen setzte. 1987 waren Kondom und Aids die Worte des Jahres.<\/p>\n<p>Ebenfalls 1987 gab es erste therapeutische Behandlungen. Zun\u00e4chst waren die Nebenwirkungen \u00e4u\u00dferst heftig. Dadurch trat unter anderem auch das Thema Compliance in den Vordergrund: Wie genau befolgt der Patient den Medikamentenplan? Zumal die Medikamente anfangs p\u00fcnktlich alle vier Stunden eingenommen werden mussten. Vieles war noch unbekannt und experimentell. Medikamente wurden \u00fcberdosiert und die ersten Ans\u00e4tze von Monotherapien f\u00fchrten zu Resistenzbildung. Erst mit der Zeit entwickelte sich die Kombinationstherapie. Vielleicht haben wir solche Turbulenzen bei der therapeutischen Behandlung von Covid-19 auch noch vor uns?<\/p>\n<p>F\u00fcr Aids gab es erst 1996 einen Messparameter, mit dem sich die Viruslast quantifizieren lie\u00df, um den Erfolg einer Therapie pr\u00e4zise bestimmen zu k\u00f6nnen. Zu diesem Zeitpunkt gab es Aids schon 14 Jahre. Beim Lesen \u00fcber Aids habe ich immer wieder das Gef\u00fchl, dass wir momentan unglaublich ungeduldig sind. Die Schwulen-Community musste 14 Jahre auf Messparameter zur zuverl\u00e4ssigen Bestimmung der Viruslast warten, das muss man sich wirklich mal bewusst machen.<\/p>\n<p>Noch etwas anderes wird mir beim Lesen \u00fcber die achtziger Jahre neu klar: Es gab auch damals eine insgesamt aufgew\u00fchlte Stimmung, eine aufgeladene Atmosph\u00e4re. Neben der Bedrohung durch Aids, die anfangs noch nicht auf bestimmte Risikogruppen reduziert war, sorgte auch der R\u00fcstungswettlauf im Kalten Krieg f\u00fcr Endzeitstimmung, Mitte der achtziger Jahre besonders durch die Stationierung der Pershing-Mittelstreckenraketen. Und dann kam ja 1986 auch noch Tschernobyl dazu. An die tiefe Verunsicherung und Angst, die da ausgel\u00f6st wurden, und die eine Zeitlang quasi alles andere \u00fcberdeckten, habe ich noch sehr gute Erinnerungen. Ich hatte das aber bisher noch nicht zusammengedacht mit dem Kalten Krieg und Aids, und wie pr\u00e4gend das im Zusammenhang der verschiedenen tiefen Verunsicherungen tats\u00e4chlich war.<\/p>\n<p>Martin Reichert zitiert Rita S\u00fcssmuth, die sich an eine Situation in der Stadthalle Hannover erinnert. Sie sagt: &#8222;Ich war umringt von einer Gruppe Frauen, die Angst um ihre Kinder hatten. Sie schrien, ohne Unterlass. Und ich habe dann gewartet, eine halbe Stunde lang, bis ich mit ihnen sprechen konnte. Es gibt Situationen, da versinken Menschen vor Ratlosigkeit in Angst.&#8220;<\/p>\n<p>Es gab auch damals eine Stimmung von Apokalypse, es gab Dauerdebatten und \u00dcberforderung. Und auch damals pr\u00e4gten sich Hysterie einerseits und Leugnung andererseits aus, und auch damals n\u00e4hrten sich auf diesem Boden Verschw\u00f6rungstheorien, zum Beispiel dass das HI-Virus 1979 von den USA als Geheimwaffe entwickelt worden war und durch Tests an Gef\u00e4ngnisinsassen in Umlauf geraten sei (dies stellte sich sp\u00e4ter als gezielte Desinformationskampagne des KGB heraus, an der auch die Stasi beteiligt war).<\/p>\n<p>In der Unsicherheit wird der Sog des Gruppenverf\u00fchrerischen st\u00e4rker. Im Ausnahmezustand ist es keine leichte Sache, der Sogwirkung der Extreme zu widerstehen, Ruhe zu bewahren und eine praktikable Mitte zu finden.<\/p>\n<p>Aids wurde damals zu einer Schnittstelle zwischen Gesundheits- und Gesellschaftspolitik. Wie gehen wir mit einer ansteckenden Krankheit um? Und wie gehen wir mit den Menschen um? Das hat die Gesellschaft damals schon bei einer deutlich kleineren Gruppe von Betroffenen und bei deutlich selektiveren \u00dcbertragungswegen vor enorme Herausforderungen gestellt. Die Herausforderung der Covid-Pandemie ist um ein Vielfaches gr\u00f6\u00dfer: eine Schnittstelle zwischen Gesundheits-, Gesellschafts- und dieses Mal auch Wirtschaftspolitik.<\/p>\n<p>Die Besch\u00e4ftigung mit dem Thema Aids hat f\u00fcr mich einiges in ein neues Licht ger\u00fcckt. Unsere Situation heute kommt mir nicht mehr so singul\u00e4r vor. Mir ist bewusst geworden, wie ungeduldig wir sind und was f\u00fcr hohe Erwartungs- und Anspruchshaltungen wir haben. Ich habe ein bisschen mehr Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Maskenverweigerer, weil mir noch klarer geworden ist, wie schwer Verhaltensver\u00e4nderungen f\u00fcr Menschen sind. Ich sch\u00e4tze die Gefahr durch die Querdenkerbewegung allerdings jetzt eher gr\u00f6\u00dfer ein, als ich es vorher getan habe. Die Mechanismen der Sogwirkung im Zusammenspiel verschiedener tiefer Unsicherheiten scheinen mir jetzt gravierender und potentiell dauerhafter, beziehungsweise schwerer wieder aufzul\u00f6sen.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df jetzt zwar auch immer noch nicht, wie wir aus der Polarisierung wieder rauskommen, aber zumindest verstehe ich das alles nun etwas besser.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Monaten werden wir jetzt zwischen Hysterie und Leugnen hin- und hergeworfen. Es ist anstrengend und entsprechend scheint auch jeder von Erm\u00fcdung zu sprechen, aber wie kommen wir da wieder raus? Dazu lese ich erstaunlich wenig. 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