{"id":962,"date":"2009-06-11T11:11:40","date_gmt":"2009-06-11T09:11:40","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=962"},"modified":"2009-09-07T23:53:18","modified_gmt":"2009-09-07T21:53:18","slug":"tddl-2009-die-bucher-erster-teil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=962","title":{"rendered":"tddl 2009 [die b\u00fccher, erster teil]."},"content":{"rendered":"<p>Langsam taste ich mich nun zu den B\u00fcchern vor, beginne allerdings mit einem Sachbuch. Hat zwar dann eigentlich nichts mit dem Bewerb zu tun, aber das ist ja mit das Sch\u00f6nste an Bachmann: dass alles M\u00f6gliche dazugeh\u00f6rt, was eigentlich gar nicht dazugeh\u00f6rt. Also, Bruno Preisend\u00f6rfer: &#8222;Das Bildungsprivileg. Warum Chancengleicheit unerw\u00fcnscht ist.&#8220;<\/p>\n<p>Es geht um die Bildungschancen von Kindern aus bildungsfernen Familien. Ausgehend von seinen eigenen Erfahrungen hat Bruno Preisend\u00f6rfer detailliert erforscht, wie Selektionsmechanismen funktionieren und geht m\u00f6glichen Gr\u00fcnden nach, warum diese Selektion unterschwellig erw\u00fcnscht war und immer noch ist. Preisend\u00f6rfer rekurriert auf die Entstehungsgeschichte der einzelnen Schulformen, von der Volksschule \u00fcber Haupt- und Realschulen bis Gymnasium und Privatschulen. Ein intelligentes, ideenreiches, eloquentes, sehr informiertes und dabei dennoch auch sehr kurzweilig und unterhaltsam geschriebenes Buch.<\/p>\n<p>Zu bem\u00e4ngeln habe ich nur, dass die Perspektive der Bildungschancen von Kindern mit chronischen Erkrankungen und\/ oder Behinderungen neben ein paar gewichtlosen Nebensatz-Referenzen kein Geh\u00f6r findet. Auch unter diesen Kindern gibt es viele, die aus bildungsfernen Familien kommen und deren Bildungschancen dadurch beeintr\u00e4chtigt sind. Nat\u00fcrlich h\u00e4tte man dazu ein eigenes Kapitel schreiben m\u00fcssen, aber die F\u00f6rderschulen kommen bei aller detaillierten Betrachtung der diversen Schulformen in dem Buch leider nicht vor. Preisend\u00f6rfer kritisiert, dass viel \u00fcber multikulturalistische oder geschlechtsspezifische Diskriminierung gesprochen wird, ohne das Anliegen der bildungsfernen Familien dabei mit zu verhandeln. Durch diese Auslassung werde die Ungerechtigkeit strukturell bekr\u00e4ftigt (was sicher stimmt). In seinem Buch macht er aber in gewisser Weise den gleichen Fehler: die F\u00f6rderschule ist die einzige Schulform, die er aus seiner Betrachtung ausschlie\u00dft, er l\u00e4sst die Diskussion der Bildungschancen von chronisch erkrankten und\/ oder behinderten Kindern au\u00dfen vor, und bekr\u00e4ftigt damit selbst strukturell die Ungerechtigkeit, die diesen Kindern widerf\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Man sollte nicht so argumentieren, dass die Perspektive dieser Kinder so speziell sei, dass sie in einem eigenen Buch verhandelt werden m\u00fcsste, denn damit wird das Thema an den Rand gedr\u00e4ngt, in eine Ecke besonderer Bed\u00fcrfnisse, die nur wenige Menschen interessiert und erreicht. Das Aussortieren in Spezialpublikationen ist eine strukturelle Diskriminierung; Spezialpublikationen gibt es gen\u00fcgend, aber sie erreichen die Menschen nicht, die nicht sowieso schon mit dem Thema befasst sind. Teil der Gesellschaft zu sein w\u00fcrde bedeuten, dass die Interessen gemeinsam mit denen anderer Problematiken mit behandelt werden.<\/p>\n<p>Es gibt ein Zwischenst\u00fcck \u00fcber Selektion, das w\u00e4re zum Beispiel pr\u00e4destiniert f\u00fcr das Thema F\u00f6rderschule. Es gibt in dem Kapitel sogar eine Passage \u00fcber Genforschung. &#8222;Manchmal ist unter den biologistischen Diskursgletschern der allerneuesten Gegenwart der faschistische Unterstrom der Vergangenheit zu h\u00f6ren, und so muss man sich nicht wundern, wenn in der einen oder anderen hippen genetischen Begriffspuppe die Mumie der Lehre von der erblichen \u00dcberlegenheit (sei es einer Rasse, sei es einer Klasse) steckt.&#8220; (S. 63) Schade, dass der Autor hier die Einfahrt in das Thema F\u00f6rderschule verpasst.<\/p>\n<p>Am Ende dann doch noch ein bachmannrelevantes Fundst\u00fcck. Auf S. 147 schreibt Preisend\u00f6rfer: &#8222;&#8218;Der Fuchs wei\u00df viele Dinge, aber der Igel wei\u00df eine gro\u00dfe Sache.&#8216; Leute mit klassischer Bildung wissen, dass dieses Zitat von dem griechischen Dichter Archilochos stammt. Dass ich das auch wei\u00df, verdanke ich nicht meiner klassischen Bildung, die eher rudiment\u00e4r ist, sondern dem Segen der Anmerkungen, jenen Rosinen im Text, auf die ich der Lesbarkeit zuliebe in dem meinen verzichte.&#8220; Aha, in dem Sachbuch verzichtet er also bewusst auf Rosinen im Text. Im Videoportr\u00e4t sagt er, dass &#8222;die Rosinchen im Subtext ein zus\u00e4tzliches Vergn\u00fcgungsmoment&#8220; sind. Vielleicht der Unterschied zwischen dem Journalisten und dem Literaten? Oder war das ganze Videoportr\u00e4t ironisch gemeint und wir k\u00f6nnen in Preisend\u00f6rfer einen Rebell des Bewerbs erwarten? (Und was hat es auf sich mit seiner besonderen Beziehung zu Rosinen, die \u00fcberall vorkommen?)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Langsam taste ich mich nun zu den B\u00fcchern vor, beginne allerdings mit einem Sachbuch. Hat zwar dann eigentlich nichts mit dem Bewerb zu tun, aber das ist ja mit das Sch\u00f6nste an Bachmann: dass alles M\u00f6gliche dazugeh\u00f6rt, was eigentlich gar nicht dazugeh\u00f6rt. Also, Bruno Preisend\u00f6rfer: &#8222;Das Bildungsprivileg. 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