tddl 2009 [der erste nachmittag.]

Den Nachmittag musste ich wegen des Klassenfestes gestern Abend nachholen. Leider ist die Diskussion von Christiane Neudeckers Text nicht als Stream verfügbar, die Online-Redaktion hat da fälschlicherweise ein zweites Mal den Link zum Porträt verknüpft.

Zuerst aber Bruno Preisendörfer, der „Fifty Blues“ liest. Fängt mit einem Clown an, und dann gesellt sich „der liebe Gott“ dazu. Schon auf der ersten Seite wird klar, dass es sich hier um einen sehr zynischen Text handelt, der vor lauter Zynismus ins Kindische driftet. Ein frustrierter, seine Patienten verachtender Psychotherapeut wird fünfzig Jahre alt wird, sieht sich beim Rasieren im Spiegel und macht sich dazu seine welt- und menschenverachtenden Gedanken: so der Umriss des Textes, zeitlich spielt er nur zwischen der Rasur und dem Eintreten in seine Praxis. Bevor der erste Patient eintritt, legt er noch ein Kissen zurecht und „verpasst ihm einen Handkantenschlag“ (wer macht denn heute noch so was?), dann ist der Text auch schon zu Ende.

Ich sehe durchaus, dass der Text gut gearbeitet ist, so wird anfangs das Theodizeeproblem genannt, das dann immer wieder im Text vorkommt, ohne das es noch einmal spezifisch benannt wird, es zieht sich aber angenehm subtil durch den Text. Es gibt interessant gearbeitete Beziehungen zwischen Gott und Mensch: Gott ist 50 Milliarden Jahre alt, eine Allegorie darauf, dass der Protagonist 50 wird; Gott sieht auf die Welt, dann Perspektivwechsel zu einem Astronauten, der auf die Welt sieht – auch so was webt sich durch den Text, Beziehungen Gott-Mensch, nah-fern etc. Abgesehen davon, dass es für meinen Geschmack stellenweise zu viele extreme Adjektive gibt („Die Phantasien waren keine kristallklare Quellen oder silbrige Bächlein oder begradigte Flüsse, es waren trübe Ströme“ – das ist mir zu plakativ), also abgesehen von so Kleinigkeiten finde ich den Text auch gut geschrieben. Aber, und jetzt kommt mein großes Aber: mir gefällt der Erzählton des Textes überhaupt nicht. Der Therapeut hasst seine Patienten (wie es an einer Stelle auch explizit heißt), er würde dem einen am liebsten „ins schmallippige Gesicht lachen“ (auch so eine Formulierung, die ich nicht gerade glücklich finde). Natürlich hat er nur Patienten, die geradewegs den gängigen Klischees entsprechen.

Die misanthropischen Gedanken, die sich ein miesepetriger alternder Mann beim Rasieren macht, interessieren mich überhaupt nicht. Dazu kommt, dass der Erzähler dabei auch noch einen so besserwisserischen Ton anschlägt, als würde er mit einem Kind reden. Das Theodizeeproblem wird anfangs beispielsweise erklärt: „So nennen Theologen die Frage: Wie lässt sich bei all dem Bösen ein guter Schöpfer rechtfertigen?“ Der Erzähler erklärt uns sogar, dass z.Zt. die Abkürzung für „>zur Zeit<“ ist. Man hat die ganze Zeit das Gefühl, der Erzähler spricht mit einem Achtjährigen. Ich dachte, der Autor versteckt gern Trüffeln in seinem Text, wie er im Videoporträt sagte: nun, hier wird alles erklärt, da werden noch die sieben Todsünden aufgezählt. (Und ja, ich weiß, dass genau das Methode ist.)

„Über die chinesische Mauer hatte er als Junge Bücher gelesen. Deshalb wusste er, dass man sie vom Weltraum aus sehen konnte. Das hatte ihn sofort überzeugt.“ Das mag ihn als Jungen ja überzeugt haben, aber als Erwachsener kann er ja mal goggeln, dass das eine Legende ist. Diese Legende zieht sich ausgerechnet, ungefragt und unkorrigiert, als Leitmotiv durch den Text, und erhält dadurch stetig diese Kindperspektive. Warum sagt die Jury dazu nichts?

Auch wenn er bewusst eingesetzt ist: dieser bevormundende Erzählton, die herablassende Haltung des Erzählers (ich vermute, sie soll den Zynismus verstärken), gefällt mir gar nicht. Dazu kommen ja noch so Sachen, wie die Erde als blaue Kartoffel zu bezeichnen, Gott, der sich als Couch Potatoe bezeichnet und mit der Fernbedienung durch die Zeiten zappen kann – ach nee, das ist mir alles wirklich zu albern.

Bei diesem Text geht es mir wie Mangold es vorher einmal sagte: ich fühle mich benutzt. Ich möchte beim Lesen nicht als Müllhalde für den Zynismus eines alternden Mannes herhalten. Seine Patienten laden ihre Last bei ihm ab, und er lädt seine Last beim Leser ab, gähn. Dass dieser Protagonist so an sich und dem Leben leidet, ist eine Sache. Man darf auch sehr unsympathische Protagonisten erschaffen, alles keine Frage. Aber, wenn es Literatur sein soll, bitte einen neutralen Erzähler, statt einen, der diesen Zynismus noch verstärkt. Der Autor missbraucht den Erzähler dafür, die Figur des Protagonisten deutlicher herauszuarbeiten, das finde ich literarisch fragwürdig. Warum kann er den gewünschten Effekt nicht an der Figur selbst herausarbeiten, warum braucht er einen dummen Protagonisten /und/ einen dummen Erzähler?

In einer Passage heißt es: „Vor dem Tod sind alle gleich, sagten sie. Sie drückten sich ungenau aus. Was sie meinten war: Nach dem Tod sind alle gleich.“ Das ist doch Quatsch: das Vor ist in dieser Redewendung nicht zeitlich benutzt, sondern räumlich, und es heißt genau das, was es sagt: Vor dem Tod sind alle gleich, und eben nicht /nach/ dem Tod. Versteht das nur der Protagonist nicht, oder auch der Erzähler nicht: das weiß man ja nun nicht, wenn es keine Distanz zwischen ihnen gibt. Mir gefällt das nicht.

Christiane Neudecker las dann den Text „Wo viel Licht ist.“ Ich war vorher skeptisch, weil mir der Erzählungsband „In der Stille ein Klang“ ja nicht so gefallen hatte. Umso schöner, im Bewerb dann so angenehm überrascht zu werden. Wie bei Preisendörfer ist es ein schön gearbeiteter Text, mit dem Leitmotiv des Lichtes, das sich in vielen guten Variationen virtuell, architektonisch, metaphorisch durch den Text zieht. Die in Hongkong spielende Geschichte und die Thematik des Schattens haben eine Doppelbödigkeit, weil alles zu einer Frau in Deutschland in Beziehung steht, von der sich der männliche Protagonist vor seiner Abreise nicht mehr verabschieden konnte. Die ganze Erzählung ist sehr schön angelegt, etwa bei der Hälfte erfolgt der erste große Einbruch: der Schatten der Hand verselbständigt sich zum ersten Mal. Nun ahnt man, wohin die Reise geht, aber trotzdem schafft es die Autorin, den Schwebezustand vor dem antizipierten Zusammenbruch noch seitenlang zu halten und zu entwickeln, bevor das erwartete „Blackout“ am Ende kommt. Das ist einfach wirklich gut erzählt, spannend, aber dennoch auch formal ansprechend und gut gearbeitet. Mir gefällt auch diese Mischung aus „Tim Thaler“ und dem „Lost in translation“-artigen Topos der asiatischen Großstadt. Meiner Meinung nach der beste Text des ersten Tages.

Mein Ranking des ersten Tages:

Christiane Neudecker
Karsten Krampitz
Bruno Preisendörfer
Lorenz Langenegger
Philipp Weiss

tddl 2009 [der erste morgen.]

Beginn mit Lorenz Langenegger, von dem ich mir ja eine andere Art Text erhofft hatte als im Roman „Hier im Regen.“ Er liest „Der Mann mit der Uhr“, einen Text, der aber leider die gleichen Probleme aufweist wie „Hier im Regen.“ Muss ich also eigentlich nicht viel dazu schreiben, habe ich hier vor ein paar Tagen schon formuliert. (Bemerkenswerter Satz: „Er raffelte einen Apfel.“ Sagt man das in der Schweiz?)

Die Jury ist erstaunlich verhalten, aber da es so viele neue Mitglieder gibt, muss die Jury sich erst beschnuppern. Neue Mitglieder: Meike Feßmann und Karin Fleischanderl zurückhaltend, Paul Jandl wünscht sich mehr städtische Wirklichkeit und weniger Abdriften ins Putzige, sehr gut. Keller: Beschaulichkeit zwischen Kontemplation und Stagnation, meint das positiv als österreichisches Lokalkolorit.

Danach Philipp Weiss mit einem Text, der mich auch überhaupt nicht überzeugt: „Blätterliebe.“ Der Protagonist ist ein empfindlicher Schriftsteller, der an seiner Arbeit leidet, und deshalb in die Notaufnahme rennt, was könnte schlimmer sein. Inhaltlich völlig uninteressant, aber formal? Viel indirekte Rede. Wiederholungen als Stilmittel, aber nervtötend. Zum Beispiel spricht der Arzt ständig „mit hoher Stimme.“ Nach dem vierten Mal frage ich mich, was das wohl für eine besonders hohe Stimme sein muss, und was mit diesem Arzt los ist. „Spieglein, Spieglein, sagte der Arzt mit hoher Stimme, kicherte und beugte sich zu mir hinunter. Wir müssten nun eine klitzekleine Spiegelung vornehmen, wir müssten mir in aller Kürze ins Innerste blicken, sagte der Arzt und wedelte mit einem Schlauch vor meinem Gesicht.“ Klitzekleine Spiegelung? Wedelt mit dem Schlauch? Weiteres Stilmittel: Gegensätze/ Paarungen. Links-rechts, lieben-hassen, Zwillingsschwestern, schreien-lachen usw. Derweil „nimmt sich der Arzt die Brille von der Nasenspitze.“ Sind wir hier bei der Feuerzangenbowle?

Die Jury ist nun etwas schwungvoller. Ijoma Mangold mit einer hervorragenden Kritik: die durchaus vorhandene Fingerfertigkeit des Autors (z.B. humoristisches Moment) nervt, weil man den Mechanismus (Konjunktiv, indirekte Rede, Wiederholungen) sehr schnell begreift, man fühle sich schnell benutzt. Hildegard Keller scheint es, als habe der Text etwas Metaliterarisches, sei vielleicht ein hinterhältiges Märchen auf den Bachmannpreis.

Statt eines Kommentars dupliziert der Autor in der Wirklichkeit seinen Text, in dem sich am Ende das Papier des Protagonisten im Beutel seines Mageninhaltes fand, und so isst der Autor denn auch seinen Text. Keller hatte vielleicht nicht Unrecht mit dem hinterhältigen Märchen auf den Bachmannpreis, aber dennoch gefällt mir das nicht. Der Autor ist 27, Langenegger 29. Was ist mit dieser Generation, wollen die alle die These der Akzeleration widerlegen?

Karsten Krampitz liest einen Auszug aus der Novelle „Heimgehen.“ Mir gefällt sein Text, DDR-Geschichte, endlich mal was Handfestes, endlich mal Dialoge statt indirekter Rede, endlich mal ernstzunehmende Handlung. Dazu noch Dialekt und alles hervorragend vorgetragen. Ein Lichtblick.

Die Jury ist skeptisch. Sulzer ist nicht überzeugt, Meike Feßmann auch nicht, Jandl kann nicht das Politische erkennen, das ihn interessiert hätte – ein guter Einwand. Fleischanderl empfindet eine deutsche Biederkeit, mit der der Autor hundertprozentig identifiziert sei. Sie hat den Text nicht verstanden. Während Paul Jandl, Meike Feßmann und Hildegard Keller (die allerdings kaum noch Deutsch sprechen kann) gute neue Juroren zu sein scheinen, bin ich bei Karin Fleischanderl sehr skeptisch (sie hatte ja auch Philipp Weiss eingeladen). Alain Claude Sulzer hat den Text nicht nur nicht richtig gelesen (Stasi-Spitzel-Frage hat er verpasst), er hat sich sogar so wenig damit befasst, dass er nicht weiß, dass der Text auf einer wirklichen Person beruht. Wundere mich immer wieder, wie unvorbeiretet unbedarft die Leute (gestern Stadler, heute Sulzer) in den Bewerb gehen. (Satz: „Mein Erzähler war kein Spitzel.“ / Krampitz empört)

Außerdem: ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sage, aber ich vermisse nach Moor und Stadler wirklich Ernst A. Grandits. Der war zwar immer ein bisschen schusselig, besonders bei der finalen Abstimmung, aber er hatte so eine angenehme Zurückhaltung, die dieser Moderatorenaufgabe sehr zu Gesicht steht. Mit Clarissa Stadler hat man nun eine Moderatorin, die zu allem eine Meinung hat, inhaltlich viel zu sehr eingreift, da ist sie keine Moderatorin mehr, sondern gebärdet sich als zusätzliches Jurymitglied, besinnt sich dann hier und da auf ihre Aufgabe, korrigiert sich sogar („Wir haben diskutiert … äh … Sie haben diskutiert“). Sie hat Burkhard Spinnen den Juryvorsitz quasi aus der Hand gerissen. Mal sehen, ob das morgen noch genauso ist, oder ob sie ein paar dezente Hinweise erhält.

tddl 2009 [die eröffnung.]

Die „Rede zur Literatur“ von Josef Winkler war bemerkenswert. Farblich abgestimmt mit der mehrfach in der Rede erwähnten, rosaroten Hausmauer von Ingeborg Bachmanns Haus in Klagenfurt (z.B.: „und während ich in der Henselstraße vor dem Haus von Ingeborg Bachmann stehe und auf den Rosenstrauch an der rosaroten Hausmauer schaue“) trägt er ein rosarotes Ensemble aus rosa Hemd und roter Hose. Die Rede kulminiert furios in seiner Fassungslosigkeit über das lethargische Phlegma der Bevölkerung: „wie lange werden sich die Bevölkerung des Landes K. und die Bewohner der Stadt K. von diesen schamlosen und räuberischen Politikern, den Hausherrn des Landes Kärnten und den Hausherrn der Stadt Klagenfurt, noch ausbeuten lassen, wann werden sie endlich auf die Straße gehen und den Mund aufmachen, wie lange werden sie sich noch schweigend einrichten, wie lange noch werden sie demütig sein und sich lammfromm ausrauben lassen, bis sie vielleicht, die Bevölkerung und die Bewohner dieser Stadt und dieses Landes,  mit letztem großen Staunen vor ihren eigenen Eingeweiden stehen, die ihnen zu Füßen liegen werden.“

Bei der folgenden Auslosung der Lesereihenfolge treten die Autoren alphabetisch geordnet nach vorne. Nachdem Bruno Preisendörfer sein Los gezogen hat, beugt sich die neue Moderatorin Clarissa Stadler zum Justiziar und fragt leise: „Das war jetzt Preisendörfer?“ (Hat man interessanterweise aus dem Stream, der jetzt online ist, herausgeschnitten.) Seltsam, ich würde denken, wenn man so eine Veranstaltung über Tage moderiert, dann setzt man sich vorher mit den Autoren auseinander und kann sie auch erkennen. Ich habe mich ja schon so sehr damit auseinandergesetzt, dass ich sie alle problemlos erkannt habe – und ich bin noch nicht einmal in Klagenfurt. Also, ich erwarte von einer Moderatorin eigentlich mehr. Außerdem kommentiert sie bei jedem Autor, wohl aus einer gewissen Verlegenheit darüber, was sie sagen soll, ihre persönliche Meinung, ob er oder sie eine gute Zeit gelost hat, völlig unnötig, man ist doch nicht bei einem Kindergeburtstag. Clarissa Stadler muss man mal im Auge behalten.

tddl 2009 [die bücher, vierter teil.]

Eben Jens Petersens „Haushälterin“ beendet. Endlich mal wieder ein Buch, das ich gern gelesen habe. Einfühlsam ohne aufdringlich zu sein, zart auch irgendwie. Keine Ennui-Geschichte, keine Satzumstellereien, stattdessen eine ganz klare Sprache, auch gute Dialoge, neben Krampitz bisher das Beste der Bachmannanwärter-Bücher, die ich gelesen habe. Jetzt liegen hier noch sechs rum, bis morgen früh um zehn kann ja noch gelesen werden.

(Risikofaktor Krankheit: John ist leider krank und kann möglicherweise morgen nicht in die Schule. Risikofaktor Autismus: John hat gerade einer seiner typisch autistischen funky Schlafrhythmus-Phasen und steht ständig zwischen 3 und 4 Uhr nachts auf. Ausschlussfaktor Klassenfest: morgen Nachmittag findet das jährliche Klassenfest statt, und wenn John morgens doch zur Schule kann, muss ich nachmittags zum Grillfest. Warum man aber auch nicht einmal in Ruhe den Bachmannpreis verfolgen kann. Jetzt weiß ich gar nicht, auf welche Lesereihenfolge ich gleich bei der Auslosung hoffen soll. Krampitz, Bönt und Petersen am besten nicht am Donnerstag.)

tddl 2009 [die bücher, dritter teil].

Samstag Morgen kam das Päckchen mit neun anderen Büchern diesjähriger Teilnehmer, juhu. Ich begann mit Christiane Neudeckers „In der Stille ein Klang“, einem Band von Erzählungen. Was sofort auffällt: viel indirekte Rede, viel Konjunktiv, viele kurze Sätze, abgehackt: „Sie wollte anderes wissen. Wie geht es Dir. Was tust Du. Wie sind sie. Zu Dir.“ Viele, viele Punkte überall, das mag ich nicht so. Lauter abschließende Sätze, sich verschließende Sätze, da bleibt so wenig Luft und Raum für Perspektivenausweitung, Relativierungen. Der Text ist sich zu sicher, hat so was Autoritäres, Distanziertes. Mich als Leserin lässt er dadurch gar nicht in seine Geschichte hineinfinden, aber das mag ja auch genau so von der Autorin beabsichtigt sein.

Sie beginnt die Sätze oft mit Konjunktionen, Adjektiven etc., und meidet klassische Satzkonstruktionen: „Dass sie ihn testen würden, war ihm klar gewesen. […] Arbeitsunfähig werde ihn das machen, hatte er geschrien.“ Hier und da fände ich das nicht schlimm, aber es ist die Regel, nicht die Ausnahme. „In den Laden wird er hineingeschoben“, oder „An seine Eltern musste er denken.“ Warum nicht auch einfach mal: „Er wird in den Laden hineingeschoben“ oder „Er musste an seine Eltern denken“? Mir kommt dieses Satzteileumstellen auf Dauer etwas krampfhaft vor. Wenn zwischendurch mal ein paar normal zusammengesetzte Sätze kommen, erholt man sich kurz, findet fast in den Inhalt rein, aber dann geht es sofort wieder los mit diesem eigenwilligen Stil.

Als formales Experiment vielleicht nicht uninteressant, ich hoffte allerdings, dass es darum nur eine Geschichte lang so sein würde. Leider ging es in der zweiten Geschichte gerade so weiter: „Da fällt der Startschuss. Fort. Herum reißt sich das Ich. Rennt. Flüchtet. Rast. Fort.“ Zwischendurch mal eine Geschichte, „Sauerstoff“, in der dieser Stil nicht so dominant ist, sie gefällt mir gleich besser. Dann aber in der nächsten Geschichte „Unterwelt“ schon wieder: „Stefan steht. Nickt. Und setzt sich.“ Unterwelt, da muss ich an Don DeLillo denken, der ja sagt, in guter Literatur könne nie ein Satz mit „Und“ beginnen. Nundenn, das Buch ist einfach nicht mein Geschmack, mal den Bachmanntext abwarten.

Danach Lorenz Langeneggers „Hier im Regen.“ Im Klappentext heißt es: „Unspektakulärer kann das Setting eines Romans kaum sein, um nicht zu sagen – langweiliger. Aber von wegen: einlässlicher, mitfühlender, um nicht zu sagen kurzweiliger ist sehr lang nicht mehr vom Leben eines Menschen erzählt worden. […] Lorenz Langenegger erweist sich in seinem ersten Roman als ein höchst aufmerksamer Begleiter seines Alltags-Helden.“ Den Beginn und das Ende dieser Einschätzung teile ich, den Mittelteil eher nicht. Ja, das Setting ist unspektakulär, und ja, Langenegger ist ein minutiöser Beobachter eines Menschen, der an der Belanglosigkeit seines Lebens leidet, einlässlich und mitfühlend kann ich auch noch nachvollziehen, aber kurzweilig finde ich das Ganze nicht.

Das Buch beginnt so: „Wenn Jakob Walter erwacht, ist um ihm herum erst einmal nichts. Die ersten Sekunden des Tages, in denen die einen den Schattengestalten ihrer Träume begegnen, andere im Kopf bereits Unerledigtes auflisten und ihr Tagwerk vorbereiten, braucht Walter, um sich im Schlafzimmer seiner eigenen Wohnung zurechtzufinden. Es ist ihm, als ob er jeden Tag zum ersten Mal in diesem Doppelbett neben Edith erwachen würde. Stück für Stück setzt er die altbekannte Welt zusammen.“ Mein erster Gedanke: oh je, muss ich nun 167 Seiten einem solchen Stoffel folgen?

Die Beschreibung des Aufstehens dauert dann noch an, auf dem Stuhl erkennt er seinen Pullover zunächst nicht, und verrätselt das dann, überhaupt wird jedes kleinste und banale Detail seziert und nicht selten verrätselt. Offensichtlich leidet der Protagonist an seinem belanglosen Alltag, und begegnet dem Leiden durch künstliches Aufladen des Gewöhnlichen. So unsympathisch er einem auf den ersten Seiten war, so bleibt er: „Immer wenn er wegfährt, löst er eine Rückfahrkarte. Er kann sich nicht vorstellen, wie sich das Wegfahren ohne Rückfahrkarte anfühlt.“ Mann, Mann, so ein Dussel. Es ist ja immer sehr gewagt, einen so unsympathischen Protagonisten zu haben, man möchte eigentlich nicht unbedingt weiterlesen.

Die Figur des Jakob scheint mir auch ein kleines bisschen unausgegoren: einerseits soll der Mann ein Verwaltungsangestellter sein und langweilig, andererseits hat er coole Elemente, trägt beispielsweise eine Umhängetasche (wobei nicht dabei steht, ob von Freytag). Mir kommt es so vor, als ob Langenegger eine sehr gewöhnliche Figur erschaffen möchte, aber sich manche Ästhetisierungen dabei hier und da doch nicht verkneifen kann. Die Geschichte um den verschwundenen Rolf finde ich mäßig interessant, und sollte Rolf am selben Tag gestorben sein wie Jakobs Schildkröte, je nun. Am Ende tut der Protagonist gegenüber seiner Frau so, als habe er das ganze Wochenende die Wohnung nicht verlassen: er hat also durch seine Reise nach Locarno und Rolfs Tod eigentlich nichts dazugelernt und bleibt der gleiche Stoffel, der er auf der ersten Seite war, auch deprimierend.

Leider ist der Text vor allem sehr inkompatibel mit meiner Lebenswelt, in der das Kind um vier Uhr morgens aufgestanden war, wie wild durch die Wohnung rannte, Gegenstände herumschleuderte, schließlich das Sofa als Trampolin missbrauchte und zerbrach. Um sechs Uhr hatte ich schon einen Auftrag für den Tag: zu Obi und Materialien zur Sofareparatur kaufen, dann Sofa reparieren. Wenn man um vier Uhr nachts schlagartig aufstehen muss, bleibt für schöngeistige Reflektionen über das Erwachen zum Beispiel leider keine Zeit, und darüber ein paar Stunden später von einem Mann zu lesen, der anscheinend keinerlei Verantwortung trägt in seinem Leben und am eigenen Nichtstun leidet, dazu habe ich auch keine Lust. Manchmal ist es ja schön, etwas zu lesen, das eine ganz andere Welt beschreibt als die eigene, aber in diesem Fall ist es leider nicht so. Dies ist eine zeitgenössische Ennui-Geschichte, und Anfang Zwanzig hat mich das mal interessiert, da habe ich auch Joris-Karl Huysmans gerne gelesen, aber das ist eine Lebenshaltung, die die meisten ja dann doch hinter sich lassen, wenn sie erstmal im Leben stehen anstatt es von außen zu betrachten. Vielleicht ist der Autor einfach noch zu jung. Er kann nämlich gut schreiben, das muss man wirklich sagen, aber vielleicht hat er noch nicht genug zu erzählen. (Andererseits ist er 29 Jahre alt, ist also auch nicht mehr allzu jung. Im Zweifelsfall kann man sich wahrscheinlich auch noch mit 50 in einem Kokon des Ästhetizismus bewegen.) Vielleicht muss sich der Autor einfach noch ein paar Jahre am Leben reiben, und dann bekommt man ein schönes Buch von ihm zu lesen, das kann ich mir gut vorstellen. Ich bin gespannt, ob beim Bewerb vielleicht schon etwas anderes kommt.

drama panorama.

Übrigens: das Forum für Theaterübersetzer „Drama Panorama“ lädt am 26. Juni ins Ballhaus Ost (Pappelallee 15) ein: „Sprachspiele, Redewendungen, Kalauer und Reime – Ambivalente Beziehungen zwischen Klang und Sinn einer Theaterübersetzung.“

Drama Panorama ist ein Projekt für Übersetzer, Autoren, Theaterschaffende und Wissenschaftler aus aller Welt. Gäste sind dieses Mal Sprachkünstlerin Dorota Masłowska, der Star der jungen polnischen Literatur- und Theaterszene, sowie ihr preisgekrönter deutscher Übersetzer Olaf Kühl. In einer Podiumsdiskussion werden sie ihre Zusammenarbeit vorstellen. Desweiteren gibt es neue Texte von Masłowska zu hören. Die Podiumsdiskussion moderiert die tschechische Theaterwissenschaftlerin und Übersetzerin Barbora Schnelle.

Am Nachmittag findet von 16 – 18 Uhr ein Drama-Panorama-Café statt, ein runder Tisch für Übersetzer und Theatermacher. Gast dort ist Henning Bochert, Autor und Übersetzer aus dem Englischen. Er wird anhand seiner Übersetzungen konkrete Beispiele zu Wortspielen geben. Eintritt für Nachmittags- und Abendveranstaltung frei. Um Anmeldung wird gebeten unter info@drama-panorama.com.

Im Laufe des Jahres finden drei Veranstaltungen und Workshops zum Thema internationales Theater und Übersetzung internationaler Theaterstücke statt.  Ziel ist es, ein Netzwerk für Theaterübersetzer, Autoren, Regisseure, Dramaturgen, Theaterschaffende aus aller Welt zu bilden, um den internationalen Theateraustausch zu unterstützen. Für das Jahr 2010 plant Drama Panormama eine Zusammenarbeit mit dem Festival für zeitgenössische amerikanische Dramatik „Voices of change“,  sowie weitere Projekte mit Theatern und Organisationen aus Osteuropa.

stochasticity.

„Radiolab examines Stochasticity, which is just a wonderfully slippery and smarty-pants word for randomness. How big a role does randomness play in our lives? Do we live in a world of magic and meaning or … is it all just chance and happenstance? To tackle this question, we look at the role chance and randomness play in sports, lottery tickets, and even the cells in our own body.“ [#]

stories of silence.

“I have learned that silence is as complex as spoken language, as differentiated and as subtle. Sometimes it is self-imposed, sometimes other-imposed. Sometimes it is driven by the urge to protect or salvage or cherish; other times as a weapon of defence or control or denial. One thing that underscores all instances: it is rarely unproblematic.” [#]

tddl 2009 [die bücher, zweiter teil].

Nach dem Bildungsprivileg von Preisendörfer habe ich gleich noch eins seiner Bücher gelesen, allerdings ein belletristisches: den unter dem Pseudonym Bruno Richard veröffentlichten Thriller „Desaster.“ (In der Stadtbibliothek Mitte gibt es nur diese beiden Preisendörfer-Bücher und „Der Kaiser vom Knochenberg“ von Karsten Krampitz, also habe ich mir die drei ausgeliehen.) „Desaster“ ist, im Gegensatz zum nüchternen Sachbuch, tatsächlich sehr belletristische Unterhaltung. Sprachlich hatte ich ein paar Probleme mit dem Roman. Die Passagen aus der Sicht eines Kindes beispielsweise finde ich übertrieben anbiedernd an eine mir auch schon veraltet erscheinende Jugendsprache: „Aber er gab zu, dass dieser Missgriff durch einen fetzigen Aluminiumroller mit Handbremse am Lenker und wunderschön glänzenden Schutzblechen über den Rändern wieder ausgeglichen worden war. Kein Kickboard, sondern ein richtiger Roller; voll fett, das Teil.“ (21) Das Ganze liest sich deshalb so problematisch, weil es einen auktorialen Erzähler gibt, und warum sollte der plötzlich so abdriften? Das klingt dann irgendwie falsch und patronisierend. Die Passage ist vielleicht auch ein ganz gutes Beispiel für zu viele Adjektive. Außerdem gibt es in dem Buch für meinen Geschmack viel zu viele Personen und Perspektiven. Die Geschichte springt permanent zwischen Handlungssträngen hin und her, und dann tauchen auch noch immer zusätzliche Außenimpressionen auf, wie etwa, was Nelson Mandela und Ceausescu gerade tun. Das Buch wirkte darum auf mich zu überladen, weniger wäre mehr gewesen. Es ist kein schlechtes Buch, doch toll fand ich es auch nicht gerade. Ich bin aber sehr gespannt auf Preisendörfers Bachmanntext, denn das Sachbuch hat mir sehr gefallen und beim Bewerb wird er ja wohl nicht mit etwas so belletristischem wie „Desaster“ starten.

Als Nächstes las ich dann also „Der Kaiser vom Knochenberg“ von Karsten Krampitz, was mir deutlich besser gefiel als „Desaster.“ Vielleicht liegt es auch daran, dass mich humorvolles Erzählen über das Aufwachsen in der DDR mehr interessiert als eine wilde Jahrtausendwende-Diamanten-Geschichte. Jedenfalls gibt es bei Krampitz richtig gute Dialoge, einen angenehmen Erzählfluss ohne zu viel Brimborium und einen erfrischenden Ich-Erzähler (kurz fühlte ich mich an „Müller haut uns raus“ von Jochen Schmidt erinnert, obwohl es ein ganz anderes Buch ist, aber es gibt in beiden Büchern dieses angenehm selbstironische, augenzwinkernde Erzählen des Aufwachsens). Teilweise war mir der „Kaiser vom Knochenberg“ allerdings etwas zu flapsig, aber das hielt sich noch in Grenzen. Ich habe das Buch einfach gerne gelesen – wie ich ja auch sowieso der Meinung bin, dass die DDR noch lange, lange nicht ausgeschrieben ist (wie man so sagt, oder besser: worüber man letzten Sonntag diskutierte). Letzten Sonntag war ich nämlich beim Literaturfest am Kollwitzplatz, wo Salli Sallmann u.a. mit der Autorin Annette Gröschner und dem Verleger Christoph Links auf dem Podium darüber sprach, wie es sich mit der Ostliteratur verhält, ob man sie heute überhaupt noch unterscheiden könne von Literatur aus dem Westen, ob es diese Kategorien noch gebe, und vieles mehr rund um die DDR, das Schicksal der Ost-Verlage nach der Wende etc. Ein tolles und anregendes Gespräch war das, nebenbei bemerkt (so was erhoffe ich mir von Bachmann dieses Jahr auch). Dabei kam irgendwann die Rede darüber auf, ob es eine Sättigung gebe, was das Erzählen über die DDR betreffe. Es stand so im Raum, dass die Menschen darüber nicht mehr lesen wollen, und die Autoren quasi gegen den Trend dennoch darüber schreiben. Ich weiß nicht, woher diese Vermutung kommt, jedenfalls verstehe ich sie nicht. Ich glaube eher, dass das Gegenteil der Fall ist. Man will das lesen, auf jeden Fall, und ich glaube auch, dass da noch Einiges kommen wird.

Während ich auf Frau Soprans Päckchen mit mehr Büchern von Bachmann-Anwärtern warte, bin ich dem Bewerb kurzfristig untreu geworden und lese Non-Bachmman: Christoph Schlingensiefs „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! Tagebuch einer Krebserkrankung.“ (In den Neunzigern gingen wir immer zu seinen Talkshows „Talk 2000„, fällt mir da gerade wieder ein, daran habe ich schon ewig nicht gedacht.) Ich mag Christoph Schlingensief, und bisher mag ich sein Buch auch, sogar ziemlich sehr.

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