mein freund und helfer. nicht.

In letzter Zeit ist am Hausvogteiplatz ständig Polizei unterwegs, ob das an der Nähe zum Auswärtigen Amt liegt? Jedenfalls sitzen wir da an Johns Brunnen und es fährt eine Wanne vor, acht Polizisten steigen aus und bitten vier junge Leute auf dem Gehweg, sich auf den Boden zu setzen, um die Ausweise zu prüfen. Wir wissen nicht, ob die Polizei gerade aus irgendeinem Grund vier junge Leute sucht, aber beim reinen Beobachten von außen erscheint das Ganze willkürlich und durch die Maßnahme des Auf-den-Boden-Setzens unnötig erniedrigend.

Dann macht John laute Geräusche und zieht damit die Aufmerksamkeit der Polizisten auf sich. Einer kommt zu uns herüber und will wissen, was hier los sei. Wir erklären, dass John Autist ist. Davon hat der Polizist noch nicht gehört. Das Wort „behindert“ versteht er zum Glück, verlangt aber trotzdem, Johns Ausweis zu sehen. Wir sagen, dass wir keinen Ausweis dabei haben, aber da drüben parke unser Auto und darin sei der Behindertenparkausweis, mit Namen und Foto, ob wir den holen sollen? Der Polizist sagt in reichlich unfreundlichem Ton: „Nein, aber nächstes Mal denken Sie daran, den Ausweis des Kindes mitzunehmen. Sie müssen sich doch jederzeit ausweisen können, das ist doch wohl klar.“

Ich ärgere mich über die Polizisten, die ihre Macht ausnutzen, um Menschen einzuschüchtern, und das ausgerechnet an Johns Brunnen, das macht das Ganze für mich noch schlimmer. Natürlich wissen die Polizisten nicht, dass dies Johns Brunnen ist, unser Refugium, unser Ort. Hier fühlt John sich wohl, es ist ein bisschen unser Wohnzimmer und ich möchte keine unfreundliche Polizei in meinem Wohnzimmer. Das ist natürlich ungerecht von mir, denn der Hausvogteiplatz ist nicht unser Wohnzimmer, sondern ein öffentlicher Ort. Dennoch, seit wann tritt die Polizei in großer Gruppe auf und fragt Passanten ohne Anlass nach ihrem Ausweis, zudem behinderte Kinder?

Die Polizisten lassen die vier jungen Leute weitergehen. Zuhause lese ich nach, dass überhaupt erst ab 16 Jahren eine Ausweispflicht besteht und mitführen muss man seinen Ausweis anscheinend auch nicht zwingend jederzeit. So hatte ich das auch in Erinnerung, aber die Polizei hat mich in dieser Situation mit ihrem massiven Auftreten erfolgreich verunsichert.

John ist so groß, wahrscheinlich hat der Polizist ihn schon für 16 gehalten. Andererseits sieht man meiner Meinung nach an Johns Milchbubigesichtszügen, dass er noch keine 16 ist. Doch wer keinen Autismus kennt, der sieht das vielleicht auch nicht. Jetzt bin ich schon wieder ungerecht, denn warum sollte jeder Polizist Autismus kennen? Das vielleicht nicht, aber die Polizei sollte schon so gut geschult sein, dass sie Verhaltensauffälligkeiten einer Behinderung nicht als Bedrohung interpretiert, darum unfreundlich nach einem Ausweis fragt und dann auch noch falsche Belehrungen vornimmt. Dieses Verhalten ist schon stark verbesserungswürdig. Ich biete der Berliner Polizei gerne eine Weiterbildung im Umgang mit geistig behinderten Menschen an. (Ganz abgesehen davon, dass weniger Drohgebärden und mehr Freundlichkeit im Auftreten auch gegenüber anderen Mitmenschen keine schlechte Idee wären.)

[Nachtrag: Gerade über die Gefahrenzonen nachgelesen, in denen die Polizei verdachtsunabhängig kontrollieren darf: „Laut Polizeipräsident Kandt geht es meist um Raub, Drogenhandel und gefährliche Körperverletzung. Die Polizei darf dort Menschen ohne einen konkreten Verdacht kontrollieren und Identitäten feststellen. Kandt betonte, kontrolliert würden nicht alle Menschen an einem dieser Orte, sondern nur Personen, die auch in das Bild der Gefahrenlage passen würden. ‚Ich kann dort niemanden kontrollieren, der nicht optisch in die Tätergruppe passt.'“Aha. Ein 13-jähriges schwerbehindertes Kind sieht also nach Raub, Drogenhandel und gefährlicher Körperverletzung aus.]

4 thoughts on “mein freund und helfer. nicht.

  1. Antworten

    […] Verdachtsunabhängige Kontrollen bei Kindern. Man staunt. Oder staunt man schon nicht […]

  2. Antworten
    Kinch - 16. Mai 2014

    Mir versuchen Polizisten auch immer wieder weiß zu machen, man müsste einen Ausweis mit sich führen, was totaler Unsinn ist.

    Was ich mich aber frage ist, ob die einen dann mit auf die Wache führen dürfen, wenn sie verdachtsunabhängig Kontrollieren und man sich nicht ausweisen kann :/

  3. Antworten
    KiezkickerDe - 22. Mai 2014

    Ja, dürfen sie, und werden sie in der Regel auch, wenn aktuell gerade irgendwas in dem entsprechenden Bereich los ist.

    Und bei der Beurteilung kommt es nicht auf das Alter an (gerade, wenn jemand evtl. älter aussieht), sondern darauf, dass sich jemand „ungewöhnlich“ verhält oder aus sonstigen Gründen die Aufmerksamkeit zieht. Das kann der Fall sein, wenn man eigenartige Geräusche von sich gibt, oder wenn man nachts mit seiner Einkaufstüte herumläuft – oder einfach anders wie die „Mehrheit“ ist, wie auch immer diese Mehrheit aktuell an dem entsprechenden Ort auch gerade definiert ist.

    Zumindest in Hamburg wird der Polizei in Gefahrengebieten auch relativ weitreichende Handlungsfreiheit gewährt, die ggbf. auch darüber hinausgeht, was in Gesetzen steht („Inaugenscheinnahme“ vs. „Durchsuchung“), die Politik bietet da relativ gute Rückendeckung für.

    So gesehen sieht ein 13 jähriges Kind vielleicht nicht nach Raub, Drogenhandel und gefährlicher Körperverletzung aus (btw: wieso eigentlich nicht? Andere 13-jährige sind da durchaus schon „einschlägig tätig“, und das John Autist ist, macht es zwar nicht wahrscheinlicher – aber imho auch nicht _deutlich_ unwahrscheinlicher, auch wenn er nicht zum typischen Klientel gehören wird), aber wenn es während einer Personenkontrolle „seltsame Geräusche“ macht, ist alleine das nachfragen ja erst mal nichts dramatisches.

    Aber man sollte halt seine Rechte auch kennen, wenn man sich im öffentlichen Raum bewegt (nein, kein Vorwurf!). 😉

  4. Antworten
    selma - 13. Juni 2014

    es rutscht mir raus: bullen. oft machtgeil, oft ungebildet, oft dumm. in bayern findet man die an jeder ecke, ebenso die oben geschilderten szenen (verdachtsunabhängige sehr, sehr unfreundliche kontrolle, übergriffig und grob bei höflichen nachfragen der kontrollierten nach warum und wieso). schade, dass sich das nun auch schon in berlin abspielt.

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