israel & palästina [vierter teil: qumran und beit jala].

Von En Bokek fuhren wir in Richtung Norden am Toten Meer entlang über die Grüne Linie hinweg bis hoch nach Qumran. Mir war immer noch nicht so richtig klar, wohin man mit einem israelischen Mietwagen fahren durfte und wohin nicht, aber mein Cousin hatte uns erklärt, dass die Strecke über Qumran nach Jerusalem ausschließlich durch von Israel kontrollierte Gebiete führe und somit für den Mietwagen okay sei. So besichtigten wir die Ausgrabungsstätte mit den Felshöhlen, in denen einst die Qumran-Schriftrollen gefunden worden waren.

Qumran

Qumran

Von dort ging es weiter nach Jerusalem, wo wir den Mietwagen zurückgaben. Bevor es nun aber um Jerusalem geht: Palästina.

Eine ehemalige Babysitterin von John arbeitet seit sechs Jahren an der deutschen Schule in Beit Jala (auch geschrieben: Bayt Jala oder Bait Dschala, ich sage nur: Wolvs’burq-Syndrom). Jedenfalls hatte sie uns eingeladen zu kommen. Wir sollten in Jerusalem zum Damaskustor laufen und dort in den arabischen Bus nach Bethlehem steigen. Es gebe keine richtigen Bushaltestellen, wir sollten dem Fahrer einfach den Namen der Schule nennen, Talitha Kumi, denn der Bus fahre direkt daran vorbei und der Fahrer würde uns dann vor der Schule absetzen.

Am Damaskustor fanden wir problemlos den Bus nach Bethlehem. Der Fahrer sprach zwar kein Englisch, verstand aber den Namen der Schule. Der Bus verließ Jerusalem und zum ersten Mal durchfuhren wir einen richtigen Checkpoint. Auf der anderen Seite befanden wir uns allerdings immer noch in einem von Israel kontrollierten Gebiet, der sogenannten C-Zone. Hier sollte sich auch die Schule befinden. Wir fuhren weiter und plötzlich informierte uns ein großes, rotes Schild am Straßenrand darüber, dass wir nun das von der palästinensischen Autonomiebehörde kontrollierte Gebiet erreicht hatten. Israelischen Staatsbürgern sei der Zutritt verboten. Der Bus fuhr einfach daran vorbei und hinein in die sogenannte A-Zone. Die Schule sollte aber doch in der C-Zone sein? Wir mussten zu weit gefahren sein. Innerhalb der A-Zone hielt der Busfahrer endlich an und winkte uns zu, dass wir aussteigen sollten. Er deutete auf die Straße und zurück, und wir verstanden, dass wir wohl zurücklaufen sollten. Was war passiert? Hatte er uns vergessen?

Uns blieb nichts übrig als auszusteigen und in die Richtung zurückzugehen, aus der der Bus gekommen war. Dass wir nun ahnungslos und ohne jede Karte alleine durch die A-Zone liefen, hatten wir so natürlich nicht geplant. Wir hatten kein Gefühl dafür, wie sicher oder unsicher das sein mochte. Wir gingen einfach los, zurück in die C-Zone und kamen irgendwann an eine Kreuzung, die wir aus der Busperspektive wiedererkannten. Hier waren wir von links gekommen. Wir bogen ab und folgten weiter dem Busweg, aber es war noch immer keine Schule in Sicht.

Konnte es wirklich so weit zu gehen sein? Wir waren gerade an einem vage offiziell aussehenden Gebäude vorbei gekommen. Wie hinderlich immer wieder, dass wir die Schrift nicht lesen konnten. Vor dem Gebäude hatten aber ein paar Frauen in Berufskleidung gestanden und geraucht. Sie sahen nach Sprechstundenhilfen oder Krankenschwestern aus. Vielleicht war das eine Praxis oder Klinik? Wir gingen lieber dorthin zurück, um nach dem Weg zur Schule zu fragen. Das Gebäude stellte sich als Zahnklinik heraus, eine Frau sprach zum Glück Englisch und sie erklärte uns, dass die Schule gar nicht weit entfernt lag, tatsächlich direkt an dieser Straße.

So standen wir schließlich vor dem großen Tor der Schule und wurden hineingelassen, als wir den Namen von Johns ehemaliger Babysitterin nannten. Hinter dem Tor erstreckte sich ein großer, weitläufiger Campus. Wir erfuhren, dass dies mit über 1.000 Schülern die größte Schule Palästinas ist. Und dass den arabischen Bussen von der israelischen Behörde gerade verboten worden war, an der Schule zu halten. Deshalb also waren wir in die A-Zone gefahren. Das hatte Johns ehemalige Babysitterin noch gar nicht gewusst, weil sie mit dem Auto zur Schule kam.

Die Schule beeindruckte uns sehr, wobei der Trubel vielleicht auch nicht repräsentativ war. Wir kamen zufällig gerade am Tag des Bodens, der in Palästina groß gefeiert wird.

An der Schule wird bei unserem Besuch der "Tag des Bodens" gefeiert

Bleib ruhig und sprich Deutsch

Später fuhren wir gemeinsam mit dem Auto in die Berge von Beit Jala. Johns ehemalige Babysitterin wollte uns den Biobauernhof Hosh Jasmin zeigen, den ein palästinensischer Künstler und Filmemacher dort nach einem Vorbild aus Portland betreibt. Wir tranken palästinensischen Wein und aßen Hummus, Taboulé und Oliven. Das Olivenöl aus eigener Produktion schmeckte unglaublich gut. Zwischendurch kam auch mal ein Schaf vorbei. Der Ausblick auf die Berge war toll, aber auch wieder sofort mit einer Ernüchterung verknüpft, denn neben den Olivenhainen blickte man in der Ferne auch auf die riesige Mauer an der Grenze zu Israel.

Hosh Jasmin

Hosh Jasmin

Leckeres Essen und leckerer palästinensischer Wein

Grenzmauer

Schaf kommt uns besuchen

Ich weiß gar nicht, wie lange wir im Hosh Jasmin geblieben sind, es war so gemütlich und schön dort, wir bestellten immer mal was Neues und sprachen ausführlich über John. Gemeinsame Erinnerungen aus den frühen Jahren, als John drei, vier Jahre alt war – und das an diesem angenehm alternativen, fast ein bisschen magischen Ort.

Gegen Abend brachte uns Johns ehemalige Babysitterin zurück an den Übergang zwischen C-Zone und A-Zone. Unterwegs zeigte sie uns die unterschiedlichen Autokennzeichen: die israelischen sind gelb und die palästinensischen grün-weiß. Das war mir vorher überhaupt noch nicht aufgefallen. So viele Details.

Den Bus zurück nach Jerusalem mussten wir – wie wir nun ja wussten – in der A-Zone finden. Wir liefen also wieder an dem großen, roten Schild vorbei und trafen auf der anderen Seite einen freundlichen Mann, der uns den Weg zu einem Ort wies, an dem der Bus üblicherweise anhalte (wie gesagt: keine Bushaltestellen, keine Schilder, kein nichts). Wir warteten etwa 20 Minuten und dann kam ein Bus, der tatsächlich anhielt. Es saßen viele Schulkinder darin und ein paar Erwachsene, nur wenige Touristen. Am Checkpoint stiegen die Kinder aus. Ein Mädchen, das vor uns gesessen hatte, ließ ihr Mathebuch auf dem Sitz liegen. Ich nahm es und ging ihr hinterher: „You forgot your book!“ Ein Mann drehte sich um, lächelte und erklärte: „You can just leave it. They will all get back on.“

Ah! Wir Touristen durften sitzen bleiben und unsere Pässe wurden im Bus kontrolliert, aber die Schulkinder mussten durch den Checkpoint laufen. Der Bus fuhr 50 m vor und auf der anderen Seite stiegen alle wieder ein. Mann, Mann, Mann. Auch nach zwei Wochen im Land fühlte ich mich immer noch ständig wie „fresh off the boat.“ Aber was für ein schöner Tag in Beit Jala.

israel & palästina [dritter teil: aschdod, negev-wüste und totes meer].

Irgendwo habe ich gelesen, dass Israel nur so groß ist wie Hessen. Vom Norden ging es daher auch ganz gut, an einem Tag quer durchs Land in den Süden zu fahren. Unterwegs hatten wir uns mit meinem Cousin und seiner Familie in Aschdod verabredet. Mein Cousin ist ursprünglich Franzose, wie auch seine Frau. Vor zwölf Jahren haben sie die Alija gemacht. Sie haben sechs Monate in einem Immigrationszentrum gelebt und Hebräisch gelernt. Heute haben beide eine Arbeit, die doppelte Staatsbürgerschaft und fühlen sich längst in Israel Zuhause. Außerdem haben sie einen achteinhalbjährigen Sohn.

Wir reisten an einem Samstag. Also schrieb mein Cousin, wolle uns seine Frau gerne zum Sabbatessen einladen. Dieses Essen stellte sich zu unserer Überraschung als ein opulentes Fünf-Gänge-Menü heraus, welches sie schon am Vortag zubereitet hatte. Es wurde auf einer traditionellen Warmhalteplatte warm gehalten.

Sabbatessen bei meinem Cousin in Ashdod

Beklemmend fand ich, als mir der Sohn den Bunker in der Wohnung zeigte. Anscheinend ist das nichts Ungewöhnliches, alle Wohnungen haben dort einen Bunker. Aschdod liegt nicht weit vom Gazastreifen entfernt und wenn von dort Tel Aviv angegriffen wird, kommen die Raketen in der Umgebung von Aschdod herunter. Als der Konflikt 2014 erneut ausgebrochen war, wurde einmal zum Beispiel auch das Nachbargebäude getroffen und die Fensterscheiben in der Wohnung meines Cousins zerbarsten.

Wie Kinder so aufwachsen, das kann ich mir gar nicht vorstellen. Aber von einem Achtjährigen einen Bunker gezeigt und die verschiedenen Funktionen  erklärt zu bekommen (Atemanlage bei Giftgasangriffen), ist natürlich ein ganz schöner reality check. Ich sprach mit meinem Cousin darüber, wie schwer es mir falle, das zusammen zu bringen: dass man unter ständiger Bedrohung so normal leben kann. Er meinte nur: „In Europa ist es doch auch schon ein bisschen so. Und es wird immer mehr so sein wie hier, da werdet ihr euch dann auch dran gewöhnen.“

Eigentlich hatten wir auf dem Weg nur für ein bis zwei Stunden Halt machen wollen, blieben dann aber bis zum Abend. Ich habe mich sehr gefreut, meinen Cousin wiederzusehen und seine Frau und seinen Sohn kennen zu lernen. Um dann noch einigermaßen vor dem Dunkeln in unserer nächsten Airbnb-Wohnung in Mitzpe Ramon anzukommen, fuhren wir auf die schnelle Route 6, eine Mautstraße.

Interessanterweise konnten wir nirgendwo Kameras entdecken. Bei der Autovermietung hatte man uns gesagt, dass die Kennzeichen registriert werden, wenn man auf- und wieder abfährt. Die Benutzung werde dann zwei bis drei Monate nach Rückgabe des Autos in Rechnung gestellt, wenn der Vermieter die Abrechnung der Mautstelle erhalten habe. Zwischendurch mussten wir einmal zum Tanken abfahren und konnten wieder nicht erkennen, wo diese Registrierung ablaufen sollte. In Frankreich zum Beispiel kann man eine Mautstelle ja nun wirklich nicht verpassen. Ein bisschen spukig. Vielleicht etwas angesteckt von der latenten Paranoia, die man im Land immer mal wieder spürte, dachten wir nun auch schon darüber nach, was hier wohl alles wie und wo registriert wurde. Das Tanken konnte man zum Beispiel fast überall nicht in bar bezahlen, nur mit Kreditkarte. Außerdem musste man an der Zapfsäule das Autokennzeichen eingeben, bevor man überhaupt Sprit bekommen konnte. Mit solchen Daten ließen sich Bewegungen im Land sicher auch ganz gut überblicken.

Auf der Fahrt erlebten wir dann bei ganz klarem Himmel unseren ersten Sonnenuntergang in der Negev-Wüste. Fantastisch. Wir bezogen wieder problemlos unsere Wohnung, alles per Whatsapp unterwegs geregelt, zwischendurch sollte man auch immer mal wieder innehalten und sich wundern und dankbar sein, wie leicht so etwas heute alles geht.

Die beiden folgenden Tage in der Negev-Wüste gehörten zu den absoluten Highlights unserer Reise. Am ersten Tag wanderten wir am Ramon-Krater, es war heiß, der Himmel war blau und die Farben der Wüste ungemein beeindruckend. Nachts wurde es erstaunlich kalt und wir schalteten sogar die Heizung ein, was ich tagsüber niemals für möglich gehalten hätte. Am zweiten Tag besichtigten wir die Festung Avdat, eine ehemals wichtige Station der Handelskarawanen auf der Gewürzstraße (Weihrauchstraße).

Beware of camels

Mitzpe Ramon

Aufgang zu "The Carpentry"

Negev

Negev

Avdat

Avdat

Steinbock

Negev

"Colored sands"

Auf dem Weg zum Toten Meer stoppten wir noch in Sede Boker. Dort kann man das ehemalige Haus von Ben Gurion besichtigen. Sein Grab befindet sich in einer atemberaubenden Szenerie.

Sede Boker (Grab von Ben Gurion)

Ben Gurion's Desert Home

Am Toten Meer angekommen, hatten wir anderthalb Tage Zeit zum Entspannen. Das war zu diesem Zeitpunkt genau das Richtige, um endlich mal alle Eindrücke ein bisschen sacken lassen zu können. Und es ist schon toll, wie man da einfach auf dem Wasser liegen und sich treiben lassen kann.

Totes Meer

Totes Meer

israel & palästina [zweiter teil: der norden].

Wir hatten schon von Deutschland aus für eine Woche ein Auto gemietet, um den Norden und Süden des Landes zu erkunden. Von Tel Aviv aus fuhren wir zunächst mit einem Zwischenstopp in Caesarea Richtung Norden nach Oshrat. Dort hatten wir über Airbnb für vier Tage eine Wohnung gemietet, die sich als genauso schön erwies, wie es die Bilder und Bewertungen früherer Gäste beschrieben. Wir hatten eine komplette Küche, so dass wir uns selbst versorgen konnten. Das WLAN war schneller als in unserer Wohnung in Berlin (das war im Übrigen fast überall in Israel so), und als unerwarteten Bonus gab es Satellitenfernsehen mit vielen englischsprachigen Kanälen, darunter ein Sender, der ganz neue Filme zeigte. Nicht, dass wir zum Fernsehen nach Israel gekommen waren, aber am Ende eines langen Erkundungstages war es trotzdem schön, gemeinsam zu kochen und einen Film anzusehen.

Die Wohnung lag in einem großen Haus, das von der Vermieterfamilie bewohnt wurde. Für uns etwas gewöhnungsbedürftig, stand das Haus in einer Siedlung, die durch eine große gelbe Schranke abgesichert war. Es stellte sich allerdings heraus, dass die Schranke tagsüber immer offen stand und auch nicht bewacht wurde. Keine richtige gated community also, nur nachts wurde das Tor geschlossen. Wenn man spät zurückkam oder früh wegfahren wollte, musste man eine Nummer anrufen und dann wurde einem die Schranke geöffnet.

Am ersten Tag fuhren wir zu den Grotten Rosh haNikra, direkt an der Grenze zum Libanon. Die Aussicht von den Felsen über das Mittelmeer war fantastisch. Wie fuhren mit der Seilbahn hinunter und sahen uns den Film über die Geschichte des Tunnels an, der hier einst eine Verbindung zwischen Europa und Ägypten schuf. Er wurde während des Unabhängigkeitskrieges 1948 von einer paramilitärischen israelischen Gruppe gesprengt. Heute endet der Tunnel vor einer Mauer, auf deren anderer Seite der Libanon ist. Das sollte uns noch oft begegnen: dass man einerseits etwas sehr Schönes sieht und gleich darauf wieder im Konflikt landet.

Rosh haNikra

Rosh haNikra

Rosh haNikra

Von Rosh haNikra aus fuhren wir weiter nach Akko, wo uns wieder der Markt sehr gut gefiel. Wir fanden auch einen günstigen Rami Levy Supermarkt. Die Lebensmittelkosten sind in Israel merklich höher als bei uns. Es gibt aber ein paar Supermärkte, in denen man einigermaßen günstig einkaufen kann. Später stellten wir dann fest, dass es ganz in der Nähe unserer Ferienwohnung in Yarkah Hazafon einen Wonderful Market gab, der uns noch besser gefiel als Rami Levy. (Ich finde Einkaufen im Ausland ja immer spannend, und erst recht, wenn ich das erste Mal in einem Land bin.)

Markt

In unmittelbarer Nähe zu unserer Ferienwohnung lag die arabische Stadt Kafr Yasif. Fünfmal am Tag, wenigstens dann, wenn wir Zuhause waren, hörten wir über Lautsprecher den Gebetsruf des Muezzin von einer Moschee in der Nähe. Wir fuhren im Norden durch viele arabische Orte. Ich habe leider bis zum Schluss nicht wirklich verstanden, wie sich das im Land tatsächlich verteilt. Bei so einem ersten Besuch nimmt man ja vieles einfach erstmal in sich auf, ohne es immer einordnen zu können. Für uns hatte der wiederkehrende Gebetsruf vor allem etwas Exotisches, wie auch die Natur, zum Beispiel mit den riesigen Kakteen.

In der Nähe von Oshrat

In der Nähe von Nazareth

Wir fuhren zu den Golanhöhen, wo sich Landschaft und Konflikt auch wieder auf verstörende Weise mischen. Einerseits die schönen Banias-Wasserfälle und andererseits das verminte Gelände und die unmittelbare Nähe zur syrischen Grenze. Nachdem wir uns die Festung Nimrod angesehen hatten, fanden wir im Nordosten die Straße in Richtung Landesinneres nicht sofort. Wir sahen in der Ferne die Grenzanlagen und uns kamen UN-Fahrzeuge entgegen. Das war wirklich bedrückend und wir waren froh, als wir den Weg Richtung See Genezareth fanden.

Banias-Wasserfall (Golan)

Wir erreichten den Nationalpark Bethsaida, Geburtsort des Apostels Petrus. Hier waren wir im biblischen Galiläa, mit all den bekannten Namen, mit denen ich aufgewachsen bin. Wir sahen uns Kafarnaum an, die Brotvermehrungskirche und die Kirche der Seligpreisungen, den Ort der Bergpredigt. Für uns als Kinder waren das alles damals gleichzeitig nahe und fremde Begriffe. Wir wussten: Das ist weit weg. Aber weil man es oft hörte, schien es einem auch irgendwie nah. Und andererseits eine Stadt wie Bremen, die eigentlich nah war, aber doch als weit weg wahrgenommen wurde. Man hat als Kind von tatsächlichen Entfernungen ja keine Vorstellung, Entfernung ist eher eine mystische Größe. Orte, die man kennt, ohne sie zu kennen. Das ist mir früher auch mit New York so gegangen. In so vielen Filmen gesehen und in so vielen Geschichten erfahren, dass es beim ersten Besuch merkwürdig war, das alles wirklich zu sehen. Aufgeladene Orte. Man muss sie in der eigenen Erfahrung erst einmal neu erkennen. In Nazareth war ich erstaunt, dass es sich heute um eine komplett arabische Stadt handelt. Am See Genezareth war es sehr grün und Kafarnaum sah aus wie ein Paradies.

Am See Genezareth

Am See Genezareth

Brotvermehrungskirche (Tabgha)

Kirche der Seligpreisungen

An der Kirche der Seligpreisungen sang gerade ein Chor in blauen Gewändern, im Hintergrund der See Genezareth im Dunst. Das fühlte sich schon wieder unwirklich an, eher wie ein verwunschenes Kindheitsbild und nicht wie Realität im Jahr 2017.

An der Kirche der Seligpreisungen

Wir verließen den Norden nicht gerne. Tel Aviv war leicht gewesen, gerade weil es Berlin ähnelte. Der Norden warf uns erstmals tatsächlich in eine ganz andere Welt, voller Widersprüche, gleichzeitig schön und bedrückend, unverständlich auch zu Teilen, denn je weiter man aufs Land kam, umso schwieriger wurde die Kommunikation. Das ein oder andere Mal sahen wir nur noch Schilder auf Hebräisch und Arabisch, deren Alphabete wir beide nicht lesen können, und wir fanden niemanden, der Englisch sprach. Einmal verfuhren wir uns deshalb in den Bergen und standen plötzlich vor einer abgeriegelten Sackgasse, die endlich ein Schild auf Englisch bot: „No entry! Border to Lebanon ahead in 100 m.“

Verwirrend fanden wir anfangs auch, dass es in der englischen Version der Schilder (normalerweise haben alle Schilder drei Sprachen: Hebräisch, Arabisch und Englisch) unterschiedliche Schreibweisen des gleichen Ortes gibt. Auf einem Schild stand etwa: „Caper Naum.“ Ich fragte mich, ob das Kafarnaum sein könnte. Zwei Kilometer weiter stand auf dem Schild „Capernaum.“

Ein Ort konnte auf Englisch bis zu vier verschiedene Schreibweisen haben. Besonders austauschbar waren gleich lautende Buchstaben wie K, C und Q sowie I, J und Y. Zum Unterschied „zusammen oder getrennt“ kamen Binnenmajuskeln (haNikra, HaHagana), die wiederum aber manchmal auch durch Apostrophe ersetzt wurden. Ich dachte mir: „Egal welche Schreibweise, aber bitte einigt euch für die englische Version doch auf eine.“ Wir schreiben Wolfsburg schließlich auch nicht einfach manchmal Wolfs Burg, oder WolvsPurk oder Wolvs’burq (vielleicht in Privatorthographie, aber nicht auf Schildern). Ich wollte mich gerne leichter zurechtfinden können, aber dieses Denken kam mir dann doch auch ganz schön deutsch vor. Hier musste man sich eben etwas locker machen und nach der Lautsprache gehen. Die Wörter waren von der Lautsprache ins Englische übertragen worden und am einfachsten war es, sich selbst vorzusprechen, was auf dem Schild stand. Dann bemerkte man die Ähnlichkeiten viel schneller, als wenn man sich auf das Schriftbild solcher zudem grundsätzlich ungewohnten Namen konzentrierte.

israel & palästina [erster teil: tel aviv und rehovot].

Wir waren unterwegs und einiges ist untergegangen. Was mich im März zum Beispiel gefreut hat, war Ekkehard Knörers nostalgischer Text im Merkur über die Weblogs: Feuerzeug, du (Link führt zum Gratis-Download). So schön.

Ein Jahr nach Johns Beerdigung haben Scott und ich uns das erste Mal auf eine Reise gewagt. Etwas hin- und hergerissen zwischen der Idee, dass eine Abwechslung uns gut täte und der Befürchtung, es könnte uns vielleicht auch zu viel werden. Die Angst war unbegründet. John spielte immer wieder eine Rolle und deshalb war er uns auch auf der Reise weiter sehr nah. Ein beruhigendes Gefühl, dass er auf eine Art immer mitkommt – dass das gehen kann.

Easyjet fliegt von Berlin aus günstig und direkt nach Tel Aviv, in nur viereinhalb Stunden und mit nur einer Stunde Zeitumstellung. Ich hatte vor unserer Reise – es war für uns beide das erste Mal in Israel – immer das Gefühl gehabt, es sei weiter weg. Dabei steht man, wenn man morgens um halb acht mit Rückenwind losfliegt, schon um kurz nach eins mittags draußen vor der Ankunftshalle des Flughafens Ben Gurion außerhalb von Tel Aviv.

Wir fuhren mit dem Zug vom Flughafen in die Innenstadt und wechselten am zentralen Busbahnhof HaHagana in einen Bus, der uns direkt vor dem Studioapartment absetzte, das wir in Tel Aviv gemietet hatten. Keine Ahnung, warum ich vorher im Internet ständig las, man solle am besten ein Taxi vom Flughafen nehmen, das sei viel bequemer. Gut, über Berlin könnte man das wahrscheinlich auch sagen, und in Berlin nehme ich auch ein Taxi, wenn ich beruflich fliegen muss. Aber im Urlaub ist das doch etwas anderes. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln bekommt man gleich viel mehr von Land und Leuten mit. Wir fanden es jedenfalls sehr leicht, mit dem Zug und dem Bus zu fahren.

Vor unserer Reise haben mich viele gefragt, ob man denn in Israel einfach so herumfahren kann, ob das denn sicher sei usw. Ich hatte zwar gelesen, dass das alles kein Problem ist, aber davon mussten wir uns erst einmal selbst überzeugen. Auch dafür war die Zug-Bus-Kombination perfekt, denn wir merkten gleich, dass in Tel Aviv eigentlich alles genauso funktioniert wie bei uns. Überhaupt dachte ich die ersten Tage ständig: „Eigentlich ja alles wie in Berlin!“ Abends lief auf dem Platz vor unserer Wohnung eine Drag Queen an uns vorbei, Rentner suchten in Papierkörben nach Flaschen, man hörte viele verschiedene Sprachen und überall gab es Falafel. Wenn man wie wir in Berlin in unmittelbarer Nähe zur Sonnenallee wohnt, scheint der Unterschied zwischen Berlin und Tel Aviv durchaus geringer als der, sagen wir, zwischen Berlin und Gifhorn oder Bruchsal.

Unser Eindruck: Tel Aviv ist wie Berlin, nur warm und am Meer. Klingt ganz gut, oder? Wir fanden es jedenfalls super, besonders den Strand und den Carmel Market.

Am Strand von Tel Aviv

Am Strand von Tel Aviv

Carmel Market in Tel Aviv

Gewürze auf dem Markt

Ein bisschen anders ist, dass in Tel Aviv alles irgendwie halb fertig oder schon wieder halb kaputt ist, wie man es auch aus anderen Mittelmeerländern kennt. Wie sagte eine Frau, die dort schon lange wohnt: „Der Stil ist: gute Idee gehabt, gemacht und irgendwann dann doch lieber einen Kaffee trinken gegangen.“ In unserem Apartmentgebäude hatte man den Flur gestrichen, offensichtlich ohne sich die Mühe zu machen, die Türen vorher abzukleben. Daher gab es viele Farbkleckser, zu deren Entfernung sich dann wohl keiner hatte aufraffen können. Unser Studio war offensichtlich kürzlich renoviert, hatte eine sehr moderne Dusche, aber bei den Fußleisten hatte jemand dann auch die Lust verloren. Wenn wir so durch die Stadt liefen, fiel uns sowas überall auf.

Von Tel Aviv aus fuhren wir an einem Tag mit dem Zug nach Rehovot, wo eine Reiseleiterkollegin von mir wohnt. Wir haben einmal bei einer legendär schwierigen Flusskreuzfahrtgruppe zusammengearbeitet. Da haben wir so viel gemeinsam erlebt und durchgestanden, dass wir auch danach immer in Kontakt blieben sind. In Rehovot zeigten ihr Mann und sie uns eine Orangenplantage, den Weizmann-Campus und dann luden sie uns zu sich nach Hause zum Essen ein. Dort wartete eine Überraschung: Wir bekamen ein Zertifikat für einen Baum, den meine Kollegin und ihr Mann in Johns Namen in einem Erinnerungswald in Galiläa hatten pflanzen lassen. Wie schön!

Ein Baum für John

Blick vom Dach über Rehovot (zu Besuch bei einer Kollegin und ihrem Mann)

Rehovot (Weizmann-Campus)

Nach dem Essen fuhren wir mit ihnen und ihrem Enkelsohn nach Kirjat Gat. Er musste zu seiner Truppe zurück, weil er gerade den Militärdienst absolviert. Ich erinnerte mich daran, wie ich einmal meinen Bruder während seines Wehrdienstes zur Kaserne gefahren hatte. Das war ein ganz anderes Gefühl als hier. Bei uns war das damals viel abstrakter, es gab ja keine unmittelbare Bedrohung. In Israel aber ist die Gefahr, jemanden während des Militärdienstes zu verlieren, ganz real. Einen Enkelsohn hier zum Dienst zurückzubringen, schien mir etwas ganz anderes als damals, als ich meinen Bruder zur Kaserne fuhr. Mit vielen Eindrücken eines israelischen Familienlebens kehrten wir am Ende des Tages mit dem Zug zurück nach Tel Aviv.

Tel Aviv bei Nacht

das amerika der seele.

Luther und Das Amerika der Seele

Vorweg etwas, das mich gefreut hat zu hören: Der letzte Band im Romanzyklus von Karl Ove Knausgård wird Kämpfen heißen. Den Titel habe ich mir so gewünscht. Ich bin schon sehr gespannt. In der Zwischenzeit habe ich endlich Knausgårds Essaysammlung Das Amerika der Seele gelesen. Das Buch hat mir gut gefallen, auch wenn es mich nicht ganz so gepackt hat wie die Romane. Vielleicht liegt es daran, dass in den Essays die starke persönliche Perspektive weniger präsent ist. In einigen Texten kommt sie hervor (Am Grund des Universums) und dann ist da sofort wieder dieses typische Knausgård-Feeling. Es ist wohl das Private, das diesen Sog erzeugt. Der Romanzyklus funktioniert durch die Kombination von intimen und essayistischen Passagen. Nur das eine oder nur das andere hat nicht denselben Effekt. Muss es aber ja auch nicht.

In der Essaysammlung taucht vieles wieder auf, das wir schon aus den Romanen kennen – und sei es etwas zunächst so banal Scheinendes, aber offenbar extrem Prägendes wie in der Kindheit das Lauern auf die Schritte und Bewegungen des Vaters im Elternhaus. Knausgårds zentrale Themen wiederholen sich auch innerhalb der Essaysammlung selbst: der Tod, die Liebe, das Wesen der Kunst und die Wahrnehmung des Selbst. In den verschiedenen Perspektiven auf gleiche Themen wird immer deutlicher, welche Texte und Autoren Knausgård wesentlich geprägt haben (zum Beispiel immer wieder die Bibel und Knut Hamsun), und man erkennt auch die Entwicklung von Themen. Der Text Das für alle Gleiche etwa ist die Eröffnungsrede zu einer Ausstellung in Louisiana 2012. Knausgård betrachtet darin das Thema Tod in Bezug auf Selbstporträts. So kommen zwei seiner zentralen Themen plötzlich zusammen und werden dann auch noch mit einem dritten Thema zusammengeführt, dem Wesen der Kunst.

~

„Der Tod ist nichts, wie lässt sich darüber schreiben, ohne dass das Nichts zu etwas wird?“
„Das Selbstporträt kann auch dem Teil des Menschen nahe kommen, der nicht irgendetwas repräsentiert, nicht einmal die Identität, sondern der das ganz Eigene ist, das Selbst, das, was die Alten Seele nannten.“
„Der Blick des Selbstporträts sagt, ich bin wie du. Ja, sieht man lange genug hin, ist es, als ob dieser Blick sagt, ich bin du. Es kommt in der Religion und in der Kunst vor, dass das Bewusstsein des eigenen Selbst verschwindet.“

~

In Das Leben in der unendlichen Sphäre der Resignation hatte ich das Gefühl, dass Knausgård etwas ganz deutlich ausspricht, was bisher immer mitschwang, aber so deutlich habe ich es bisher von ihm noch nicht gelesen: „Die Oberfläche ist mein Leben, die Tiefe meine Sehnsucht. Das Gefühl, dass das Eigentliche möglich ist und das Authentische eine Realität, ist stark, aber auf welche Weise es möglich und real ist, weiß ich nicht.“ Der Gedanke führt ihn zu Kierkegaard: „Wagt er sich deshalb so weit vor, ganz bis zum Rand des Menschlichen, wo alles akut, prekär und bebend vor Leben und Sinn ist?“

Knausgård ist da noch nicht angekommen. Ich sehe das vor allem auch an den Bemerkungen zu seiner Arbeit in einer Einrichtung für behinderte Menschen, die in diesem Buch genauso klingen wie im Romanzyklus. Er schreibt, dass er darum kämpft, Empathie zu empfinden. Ich möchte entgegnen: Weil er nur die Oberfläche sieht. Hier könnte man ihn an seine eigene Erkenntnis in dem anderen Essay verweisen. Er sieht diese Menschen, aber in seiner Beschreibung wird klar, dass er sie nicht erkennt.

Dennoch, ich habe Das Amerika der Seele gerne gelesen. Manchmal war es mir etwas zu viel Namedropping, da hatte ich ein bisschen den Eindruck, dass Knausgård meint, seine Intellektualität beweisen zu müssen. Aber geschenkt. Es ist auf jeden Fall gut, in der Wartezeit auf Kämpfen diese 476 Seiten zu haben.

morgen kann warten.

Vor fast vier Jahren wollte ich mit meinem Buch (damals auf Englisch) vor allem auch die Botschaft transportieren, dass ich unser Leben mit John trotz aller Einschränkungen nicht als Tragödie empfinde. Ich wollte versuchen, unser Leben so zu beschreiben, dass Außenstehende das verstehen können. An diesem Bedürfnis hat sich durch Johns Tod nichts geändert. Die Erinnerung ist jetzt wichtiger denn je. Deshalb nun also endlich auch auf Deutsch:

Monika Scheele Knight | Morgen kann warten
Taschenbuch: 322 Seiten
Verlag: CreateSpace Independent Publishing Platform
Erschienen am: 2. März 2017
ISBN-13: 978-1-544-17687-1
ISBN-10: 1544176872

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der todestag naht.

Eine Freundin aus den USA hat mir geschrieben, dass die Tochter einer Freundin in Chicago gestorben ist. Die Tochter war wie John autistisch und hatte auch eine Epilepsie – und sie starb letzte Woche im Alter von 16 Jahren an SUDEP. Ich wüsste gerne, was da los ist in deren Körpern. Warum das passiert. Es würde nichts mehr ändern, aber ich würde es wenigstens gerne verstehen.

Am Sonntag jährt sich zum ersten Mal Johns Todestag. Ich habe keine Ahnung, wo dieses Jahr geblieben ist. Gefühlt habe ich nur im Bett gelegen und erschrocken die Decke angestarrt. Was natürlich nicht stimmt, denn ich habe sehr viel gearbeitet. Verabreden möchte ich mich aber immer noch am liebsten nur für den Friedhof, wenn überhaupt.

Immerhin bin ich letzte Woche das erste Mal abends ausgegangen, und zwar zur Lesung Die trinkende Frau von Elisabeth Raether in der Buchhandlung Uslar & Rai. Die Lesung war sehr lustig. Die trinkende Frau ist ein sehr feines Buch.

Auf dem Weg nach Hause fuhr ich so durch das nächtliche Berlin und dachte: „Wow, so ist das hier ja in der Nacht. Und diese ganzen Leute, die da unterwegs sind!“ Ein komisches Gefühl, wenn man daran so lange nicht teilgenommen hat. Wenn ich nicht schlafen konnte, bin ich letzten Sommer zwar manchmal mit dem Fahrrad durch die Stadt gefahren, aber da habe ich um mich herum nicht so viel wahrgenommen.

Letzten Sonntag hat sich schon der Tag gejährt, an dem ich John ein Jahr lang nicht mehr gesehen habe. Am 25. Februar war ich letztes Jahr nach Erfurt gefahren. John ist mir aber immer noch ganz nah. Ich glaube, ich habe im letzten Jahr jede Nacht von ihm geträumt.

16. januar [tagebuchbloggen like it’s 2005].

Es steht ja alles zur Disposition bei so einem Lebenseinbruch. Manchmal habe ich in letzter Zeit gedacht, dass unsere Wohnung mit 75 qm für Zwei nun eigentlich zu groß ist. Wir brauchen doch nicht so viel Platz. Allerdings sind kleinere Wohnungen in unserem Kiez mittlerweile deutlich teurer als unsere. In Alt-Treptow sind die Mieten in den letzten sieben Jahren ja auch rasant gestiegen. Wir hatten zwar kurz vor der Mietpreisbremse noch die maximale Mieterhöhung bekommen, liegen damit aber immer noch klar unter dem, was Neumieter nun zahlen müssen.

Je mehr ich dann darüber nachdachte, umso weniger gefiel mir die Idee eines Umzugs. Diese Wohnung ist doch unser Ort mit John, in dem wir seine letzten sechs Lebensjahre mit ihm verbracht haben. Ich sehe ihn in der Küche, wie er permanent den Kühlschrank öffnet und alle Verstecke von Süßigkeiten kennt. Ich sehe ihn im Wohnzimmer in seiner Sofaecke Musik hören und Tierfilme gucken, ich sehe ihn im Schlafzimmer in unserem Bett rumlungern, ich sehe ihn in seinem Zimmer im grünen Lieblingsstuhl so heftig seinen rudernden Sitztanz performen, dass am Fuß des Wave-Sessels wieder eine Schraube bricht.

John wartet auf den Schulbus 29.10.2013

Das Wohnungsthema mischt sich natürlich sofort mit der Trauer. Umziehen lohnt sich also nicht nur nicht, sondern ich möchte es auch gar nicht. In der Nacht prompt davon geträumt, dass wir wegen steigender Mieten zum Umzug gezwungen werden. Der Traum war wahrscheinlich inspiriert von den Baustellen rund um uns herum, denn in Alt-Treptow werden gerade lauter luxuriöse Prestigeprojekte gebaut: die Treptower Zwillinge zum Beispiel, und die Bouchégärten. Sobald wir das Haus verlassen, sind wir umgeben von Anzeichen für weiter steigende Mieten.

Gequält aufgewacht, entsprechend langsamer Start in den Tag, endlich am Schreibtisch dann als Erstes die Nachricht, dass Andrej Holm zurücktritt.

45 wochen [sudep].

Heute sind es 45 Wochen seit Johns Tod. Es treibt mich nach wie vor oft um, dass wir nicht wissen, wie John gestorben ist. Ich bekomme in meinem Kopf irgendwie nicht die Brücke hin zwischen dem „gerade noch mit ihm telefoniert“ und Scotts Anruf zwei Stunden später, dass John gestorben ist. Vielleicht ist es auch deshalb so schwer, weil ich nicht da war. Andererseits sagt Scott, ich könne froh sein, nicht da gewesen zu sein, weil es so schrecklich war. Beides führt am Ende wahrscheinlich eh zum gleichen Problem: der Fassungslosigkeit darüber, dass so etwas einfach – plötzlich und unerwartet – passiert.

Wortschnittchen verlinkte diesen guten Artikel von Roland Scholz zum Thema Sterben: Ganz am Ende. Ich erinnerte mich kürzlich auch daran, dass ich im Bücherregal noch „Wie wir sterben“ von Sherwin Nuland stehen habe (hier habe ich eine Rezension in der ZEIT gefunden).

Leider helfen mir der Artikel und das Buch bei SUDEP (sudden unexpected death in epilepsy) nicht viel weiter. Die Medizin weiß annähernd nichts über die Gründe und auch wenig über den genauen Verlauf des Sterbens. Eine recht groß angelegte Studie kam zu dem Schluss, dass der Tod meistens innerhalb von drei Minuten nach einem Krampfanfall eintritt. Der Anfall ist also schon vorbei und dann kommt es aus bisher ungeklärten Gründen plötzlich zu einem totalen Shutdown des EEG, gefolgt von einem Herz- und Atemstillstand.

In den allermeisten Fällen sind die Personen alleine, wenn dies passiert. In den Fällen, in denen jemand bei ihnen war, scheiterten die Wiederbelebungsversuche. Ich las einen Bericht, in dem zufällig sogar Sanitäter und ein Defibrillator in der Nähe waren, doch auch sie konnten nichts ausrichten. Der Shutdown ist anscheinend sehr schnell und vollumfänglich.

In Deutschland werden die Todesfälle von SUDEP noch nicht einmal statistisch erfasst, so dass man gar nicht weiß, wie viele Menschen daran sterben. Online habe ich zwar viel über das Thema gelesen, aber letztlich bleibt alles recht vage, weil das medizinische Wissen darüber, warum und wie genau SUDEP passiert, eben so gering ist.

Unter Neurologen gibt es eine Debatte darüber, ob genügend über SUDEP aufgeklärt wird. Wir waren ja knapp zwei Monate vor Johns Tod noch mit ihm im Epilepsiezentrum, sein EEG fiel schlecht aus und uns wurde gesagt, dass wir uns auf Krampfanfälle einstellen sollten. Über die Möglichkeit eines plötzlichen Todes wurden wir nicht aufgeklärt, das Wort SUDEP fiel nicht. Ein paar Wochen später hatten wir den nächsten Termin zur Abklärung, doch den hat John nicht mehr erlebt.

Hätte es uns geholfen, wenn der Arzt (oder irgendeiner der vorher behandelnden Neurologen) uns über SUDEP aufgeklärt hätte? Mein erster Impuls war zu denken: Natürlich, unbedingt. Man will doch alles wissen. Aber je länger ich darüber nachdenke, umso unsicherer bin ich mir. Es sind ja keine Anzeichen bekannt, auf die man achten könnte. Es gibt keine Vorbeugung, man kann nichts anders machen aufgrund des Wissens über diese Möglichkeit. Die Aufklärung würde also keine konkreten Handlungsoptionen eröffnen, sie würde aber, da bin ich mir sicher, enorm sorgen und ängstigen.

Wenn man dann bedenkt, dass es im Großen und Ganzen gesehen ein eher seltenes Phänomen ist und es am Ende auch keinen Unterschied macht, ob man davon vorher gewusst hat oder nicht, dann könnte eine solche Aufklärung auch mehr schaden als helfen. Wie gesagt, unter Neurologen und betroffenen Familien ist das Thema umstritten. Ich habe (noch) keine Meinung dazu und verstehe die Argumente beider Seiten. Ich wünschte mir aber, dass mehr geforscht würde, um dieses Phänomen zu verstehen. Wir haben John in den USA in das SUDEP-Register eintragen lassen.

Innerlich komme ich am Ende aber doch nur immer wieder zu dem Moment zurück, in dem John gestorben ist, allein in seinem Bett. Wie das gewesen ist, werden wir nie wissen. Aber das schreibt Roland Scholz ja auch sehr treffend zum Sterben: „Ab jetzt bist du mit dir allein. Das bedeutet nicht: einsam. Du kannst deine Freunde um dich haben, deine Familie, die ganze weite Welt, es ist gleich. Du stirbst allein. So, wie du allein atmest. So, wie du allein träumst.“

Es ist nicht einfach, dieses für einen geliebten Menschen zu akzeptieren, und schon gar nicht, wenn man diesen geliebten Menschen selbst in das Leben geboren hat.

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