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schweres herz [3].

  1. Im Notfall

Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selber sagen.

(Dietrich Bonhoeffer)

Wenn ich vor Johns Tod das Wort Notfallseelsorge gehört habe, verband ich damit Katastrophensituationen wie die Amokläufe in Erfurt und Winnenden, das Loveparade-Unglück in Duisburg oder den Flugzeugabsturz der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen. »Notfallseelsorger sind vor Ort im Einsatz, um den Überlebenden und Angehörigen beizustehen,« hieß es in diesen Situationen in den Medien. Dass die Notfallseelsorge auch in Familien kommt, in denen jemand gestorben ist, zudem mitten in der Nacht, das war mir bis zu Johns Tod nicht bewusst gewesen.

Tatsächlich gibt es in Deutschland seit 1995 eine koordinierte Notfallseelsorge: ein flächendeckendes System, das Menschen in seelischen Notlagen Begleitung und Betreuung anbietet. In Berlin arbeiten rund 140 evangelische und katholische Seelsorger sowie ausgebildete Kriseninterventionshelfer von fünf Hilfsorganisationen unabhängig von religiöser Bindung oder Weltanschauung ehrenamtlich zusammen unter dem Dach der Notfallseelsorge und Krisenintervention Berlin. Der Verbund wird in belastenden, traumatischen Situationen von der Feuerwehr, der Polizei und den Verkehrsbetrieben alarmiert. Seit ihrer Gründung leistete die Notfallseelsorge in Berlin bisher schon bei über 6.000 Einsätzen Erste Hilfe für die Seele.

Ein Leitungsteam mit einem diensthabenden Notfallseelsorger hat jeweils für eine Woche Bereitschaftsdienst. Das Team ist zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichbar, koordiniert die Alarmierungen und schickt Notfallseelsorger oder Kriseninterventen an den Ort des Geschehens. Die ausgebildeten Helfer werden durch einen Funkstreifenwagen oder einen Wagen der Feuerwehr abgeholt und zum Einsatzort gebracht. Sie stehen Opfern, Angehörigen, Beteiligten und Helfern beratend und stützend zur Seite. Auch die Begleitung der Polizei beim Überbringen von Todesnachrichten gehört zu ihren Aufgaben. Anders als Telefonseelsorger sind die Notfallseelsorger immer direkt vor Ort tätig. Dort werden sie mit den verschiedensten Krisensituationen und unterschiedlichsten Menschen konfrontiert. Notfallseelsorger müssen spontan reagieren, und so kann es für ihre Arbeit keine allgemeingültigen Handlungsanweisungen oder Musterlösungen geben. Grundsätzlich geht es für sie in einer Krisensituation vor allem darum, sich Betroffenen zuzuwenden und ihr Leid solidarisch mitzutragen.

Sarah ist 38 Jahre alt, Sozialpädagogin und Musikerin, aber auch ehrenamtliche Notfallseelsorgerin. Sie ist die Frau, die ich in der Nacht von Johns Tod in unserem Wohnzimmer begrüßte. Zwei Jahre später habe ich sie gesucht und gefunden. Wir treffen uns in einem Café in Prenzlauer Berg. Scott und ich haben kaum noch eine Erinnerung daran, was wir in der Nacht von Johns Tod mit Sarah und ihrem Kollegen gesprochen haben. Gleichzeitig erinnere ich mich eindrücklich, dass ich die beiden als sehr hilfreich empfunden habe. Sie hatten eine vertrauensvolle und beruhigende Ausstrahlung. Sie waren in einer mitfühlenden Weise da, und das war wohl der zentrale Punkt, diese Art von Präsenz. Zugewandt aber unaufdringlich da zu sein, Zeit zu haben, Ruhe zu schaffen, Sicherheit zu geben und Orientierung zu ermöglichen. Solche grundlegenden Impulse konnten wir uns in diesem Moment nicht selbst geben, wir brauchten sie von außen.

Als wir uns zwei Jahre später wieder begegnen, denke ich als Erstes daran, was wir wohl gesprochen haben. Sarah kann sich daran auch nicht genau erinnern. Im Gespräch wird mir erst richtig bewusst, dass dieser Ansatz womöglich sowieso etwas in die Irre führt. In der Nacht von Johns Tod ging es vielleicht gar nicht so sehr um das Sprechen. Scott und ich befanden uns in dieser Nacht in einem anderen Bewusstseinszustand, in dem wir einerseits extrem aufnahmefähig und verletzlich waren, und andererseits aber auch alles an uns vorbeirauschte. Wir hatten eine Welt betreten, in der Worte nicht unbedingt weiterhelfen.

Allerdings weiß ich, dass wir miteinander gesprochen haben. Vielleicht ging es also eher darum, mit Worten das zu erreichen, was unter ihnen liegt? Sprache als Navigationshilfe für das eigentliche Terrain. Das ist sie immer, aber in einer existenziellen Krisensituation wird ihr Werkzeugcharakter vielleicht noch ein bisschen deutlicher als sonst. Die amerikanische Dichterin und Bürgerrechtlerin Maya Angelou hat es einmal so gesagt: »Die Menschen werden vergessen, was Du gesagt hast, und sie werden vergessen, was Du getan hast, aber sie werden nicht vergessen, welches Gefühl Du ihnen gegeben hast.«

In der Begegnung mit Menschen in Notfällen müssen die Notfallseelsorger sich selbst, ihr Gegenüber, den Kontext des Geschehens, die Verhaltensweisen, die verbalen wie auch nonverbalen Reaktionen verantwortlich erkennen und einordnen können, so steht es in ihren Leitlinien. Die Notfallseelsorger beherrschen das aktive und empathische Zuhören, die Kommunikation ohne Worte, aber sie kennen auch die Grundregeln der Gesprächsführung. Eine behutsame Aufklärung über körperliche und seelische Vorgänge kann Betroffenen helfen, wenn sie mit traumatischen Gefühlen von Schock und Trauer konfrontiert sind, sich ohnmächtig fühlen, über eigene und/oder fremde Schuld nachdenken und nach dem Sinn des Geschehens oder dem Sinn des Lebens überhaupt fragen.

Sarah erinnert sich daran, dass die Polizei Johns Leichnam mitnehmen wollte, ohne dass Scott ihn noch einmal gesehen hatte. Sie hatte Scott geholt, der sich neben John auf den Boden setzte. Sarah erinnert sich, dass Scott mit John gesprochen hat. »Danke, dass du mein Sohn warst«, habe er zum Beispiel gesagt, das ist ihr in Erinnerung geblieben. Scott hat keine Erinnerung daran, dies gesagt zu haben. Sehr wohl erinnert er sich aber daran, dass er sich von John verabschieden konnte. Das war wichtig.

In unserem Gespräch erzählt Sarah auch von dem Fleck auf dem Boden ins Johns Zimmer. Als sie hörte, dass man mit der Beschlagnahmung und dem Abtransport nicht auf mich warten wollte, hatte sie geahnt, dass es für mich furchtbar sein wird. So hatte sie die Rettungskräfte gebeten, den Fleck nicht zu säubern, damit ich wenigstens durch ihn eine Chance hätte, das Geschehen mit der Realität zu verknüpfen. Ich erfahre das erst jetzt, knapp zwei Jahre nach Johns Tod. Wie Recht Sarah gehabt hat: Tatsächlich hatten wir den Fleck einige Tage nach Johns Tod noch nicht weggewischt, während er genau diesen Prozess des Bewusstwerdens begleitete.

Für mich wird es immer ein Trauma bleiben, dass John nicht mehr Zuhause war, als ich ankam. Aber daran lässt sich nichts mehr ändern. Es ist aus Sicht der Polizisten vielleicht verständlich, es war mitten in der Nacht, sie haben viele solcher Einsätze, und für sie ist es vielleicht leichter, alles möglichst schnell über die Bühne zu bringen. Ohne Abschied des Vaters, ohne Abschied der Mutter. Das sind existenziell-emotionale Momente, die man als Außenstehender vielleicht auch lieber vermeidet.

Für die Angehörigen können diese Momente allerdings sehr wichtig für das Weiterleben sein, das in den ersten Tagen, Wochen und Monaten sowieso gänzlich unmöglich erscheint. Während Scott und Sarah sich unterhalten, denn die beiden haben in der Nacht mehr zusammen erlebt, als ich noch auf dem Weg nach Berlin war, denke ich, wie gut es ist, dass es die Notfallseelsorge gibt, die um diese Dinge weiß, und die zum Beispiel dafür sorgen kann, dass der Vater sich verabschieden darf und der Mutter wenigstens noch ein Fleck auf dem Boden belassen wird.

Die Notfallseelsorger sind Profis, aber auch Laien können aus verschiedensten Gründen in Krisensituationen eingebunden sein. Das Gespräch mit Sarah lässt mich auch an meine eigenen Erfahrungen als Ersthelferin denken, die ich zumeist als Reiseleiterin mit amerikanischen Senioren gemacht habe. Mir wird bewusst, dass ich schon eine recht beträchtliche Anzahl solcher Erfahrungen gesammelt habe. Unter anderem hatte ein Mann in Amsterdam einen Herzinfarkt, eine Frau in Berlin einen Schlaganfall, eine Frau in Bulgarien einen komplizierten Hüftbruch, ein Mann in der Schweiz heftige Krampfanfälle und eine Frau mitten im Busch in Kenia eine schwere Kopfverletzung. Bei diesen und anderen Gelegenheiten trug ich erste Verantwortung für die Menschen, rief einen Krankenwagen und stand ihnen bei, während wir auf die Ambulanz warteten, oder im Fall von Kenia, wo es keinen Notruf gab, besorgte ich ein Fahrzeug und einen Fahrer, um zum nächsten Medical Center zu gelangen. Ich begleitete die Menschen ins Krankenhaus und blieb teils mehrere Tage an ihrer Seite.

Ich erinnere mich, wie Chuck in der Schweiz auf dem Weg nach Zermatt auf dem Bahnsteig in Täsch lag. Er hatte einen Krampfanfall gehabt und wir hatten ihn in die stabile Seitenlage gelegt, er wachte wieder auf, ich fasste ihn an der Schulter, sah ihm in die Augen und sagte: »Chuck, hier ist Monika. Wir sind in der Schweiz. Du liegst auf einem Bahnsteig und Du hattest einen Anfall. Wir haben den Krankenwagen gerufen. Er ist in zehn Minuten da. Bleib solange am besten ruhig liegen und versuche, gleichmäßig zu atmen.«

Chuck nickte, er hatte verstanden. Ich wusste, dass man in diesen Situationen mit Autorität sprechen muss, wichtige Informationen mit Instruktionen verbinden, klare Botschaften formulieren, bestimmt, positiv und leicht zu verstehen. Man musste sich zentrieren und ganz auf den Moment konzentrieren.

»Würde es Dir helfen, wenn wir eine zusammengerollte Jacke unter Deinen Kopf legen?«, hatte ich Chuck gefragt, weil ich auch wusste, dass man die verletzte Person möglichst einbinden soll, um Selbsterfahrung und Selbstwirksamkeit zu aktivieren. Er nickte, doch noch bevor ich die Jacke unter seinen Kopf legen konnte, hatte Chuck den nächsten Krampfanfall bekommen. Ich hielt seine Hand und drückte sie, als er aufwachte. Er sah mich an und im festen Blickkontakt begann ich von vorne: »Chuck, hier ist Monika. Du liegst auf einem Bahnsteig in der Schweiz und hattest gerade einen Anfall. Es war schon der zweite. Der Krankenwagen muss jeden Moment ankommen. Sieh mich an und bleib bei mir. Ich kann den Krankenwagen hören, Du hast es gleich geschafft.«

Ich wusste, dass es wichtig ist, fortwährend den Kontakt zu halten, im Hier und Jetzt der Situation zusammenzubleiben und deutlich zu zeigen, dass man den anderen gehört hat, zum Beispiel durch Wiederholen dessen, was er gesagt und was man verstanden hat. Dieser Kontakt gelang Chuck und mir. Der Krankenwagen kam und brachte uns zu einem Helikopter, der uns quer über die Alpen nach Bern flog, wo Chuck zweimal operiert wurde und überlebte. Die Krampfanfälle waren von einem Herzproblem ausgelöst worden.

Ganz anders war die Lage in Bulgarien gewesen. Sally hatte sich auf dem Marmorboden einer Hotel-Lobby einen sehr komplizierten Hüftbruch zugezogen. Sie musste im Krankenhaus in Sofia operiert werden, obwohl sie eine Auslandskrankenversicherung abgeschlossen hatte, welche sie im Notfall sogar ausfliegen sollte. Sally war noch nicht einmal im Helikopter flugfähig, diese Einschätzung der bulgarischen Orthopäden hatten die Ärzte aus den USA nach Sicht der Röntgenaufnahmen bestätigt.

In dem Krankenhaus in Sofia sah es nicht besonders vertrauenserweckend aus. Es gab praktisch keine alltägliche Versorgung, von Trinkbechern über das Toilettenpapier bis hin zum Essen und Trinken musste man alles selbst mitbringen. Das Gebäude war vollkommen heruntergekommen, die Geräte alt. Sally hatte, verständlicherweise, große Angst, in die sie sich allerdings so hineinsteigerte, dass sie dachte, jetzt in diesem Krankenhaus zu sterben. Sie war alleine gereist und der Unfall hatte sich ausgerechnet am Abend vor der Rückreise ereignet, so dass am Folgetag die gesamte Gruppe abgereist war. Meine Firma hatte mich gebeten, meinen Flug zu stornieren, um bei ihr zu bleiben. So fanden wir zwei uns alleine in Sofia wieder, bis ihr Sohn aus den USA eingeflogen kam. Zwei Tage lang saß ich an Sallys Bett und neben dem Organisieren der Grundversorgung und den Gesprächen mit den Ärzten wusste ich, was für sie besonders wichtig war: ihr Selbstvertrauen zurückzubringen.

»Natürlich wärest Du jetzt lieber Zuhause. Stattdessen bist Du in einem fremden Land, in dem du die Sprache nicht sprichst, und fast niemand hier spricht Englisch. Das Krankenhaus sieht schlimm aus, ich bin auch schockiert. Es ist eine wirklich schwierige Lage. Es ist ganz normal, dass Du so verzweifelt bist und Dich so schlecht fühlst. Aber Du stirbst hier nicht. Ich habe mit den Ärzten hier und in den USA gesprochen. Sie sind sich vollkommen einig, wie die Operation verlaufen soll. Der Chefarzt wird Dich operieren und er macht einen sehr kompetenten Eindruck. Guck nicht darauf, wie es hier aussieht. Guck auf den Menschen, der das gut machen wird. Davon bin ich überzeugt«, sagte ich.

Ich kannte die Regeln der verbalen Ersten Hilfe. Das Ereignis nicht zu verkleinern versuchen. Die Gefühle des anderen nicht beurteilen. Keine Bewertungen oder Berichtigungen einbringen, denn wie man es sieht und was man selbst anders sieht, spielt in diesem Moment keine Rolle. Keine eigenen Erfahrungen mitteilen, denn auch sie spielen im Moment keine Rolle. Keine Vergleiche mit anderen Situationen oder Erfahrungen ziehen. Keine einfachen Lösungen oder Ermunterungen anbieten, keine Floskeln. Die Situation anerkennen und den anderen stärken.

Die Operation verlief gut. In den beiden Tagen, die wir zusammen saßen, erzählte mir Sally fast ihr ganzes Leben. Aus ihren Erzählungen wurde mir schnell klar, dass sie starke innere Ressourcen hatte. Ihr Selbstvertrauen kam zurück und auch ihre körperliche Situation verbesserte sich. Ihr Sohn traf ein und ich flog nach Hause. Ein paar Wochen später schrieb sie aus den USA, dass ihre Reha schneller verlaufe als gedacht, und dass die Ärzte beeindruckt wären, wie hervorragend in Bulgarien operiert worden sei: »Mein Arzt sagt, den Mangel an Technologie gleichen sie wohl durch praktische Expertise aus. Sie haben nicht unsere Ausstattung, aber sie verstehen ihr Handwerk. Vielleicht sogar mehr als viele Ärzte in den USA heutzutage.«

Am Ende war Sally sogar ein bisschen stolz auf ihre OP in Bulgarien.

Einige Reisende haben mir nach solchen Situationen bewegende Dankesbriefe geschrieben. Mir war daher bewusst, dass und wie sehr sie die Hilfe und den Beistand zu schätzen wussten. Noch besser verstehe ich es allerdings durch meine eigene Dankbarkeit nach der Erfahrung mit der Notfallseelsorge in der Nacht von Johns Tod. In dem Moment, in dem ich selbst in eine solch existenzielle Krisensituation kam, konnte ich meine Erfahrung und Intuition nicht abrufen. Sie waren wie komplett verschwunden. Dieses Mal war ich selbst in einer Ausnahmesituation, in der ich keine strukturierende Kraft besaß und spürte erstmals, wie völlig abhängig man von den Menschen um sich herum ist. Auch deshalb fühlt man später eine solche Dankbarkeit, wenn sie sich gekümmert haben und man bei ihnen gut aufgehoben war. Und im Idealfall haben sie mit ihrem Beistand nicht nur in der Krisensituation selbst geholfen, sondern auch bereits dazu beigetragen, dass das Trauma später leichter zu verarbeiten ist. Seit ich diese Hilfe selbst erfahren habe, weiß ich noch mehr als vorher, was Erste Hilfe und Notfallseelsorge bedeuten, situativ und perspektivisch. Dass es Menschen gibt, die das ehrenamtlich leisten und dass es in Deutschland ein organisiertes Netzwerk der Notfallseelsorge gibt, beeindruckt mich bis heute nachdrücklich.

Die Frage: »Was kann ich in einer akuten Krisensituation tun?«, lässt sich am Ende vielleicht sogar relativ schlicht beantworten: Ich kann dem anderen beistehen, das Leid mittragen, die unmögliche Situation mit aushalten und durch klares Handeln für Struktur und Halt sorgen. In der jeweiligen, individuellen und immer verschiedenen Krisensituation kann genau das allerdings auch alles andere als leicht sein. Das weiß ich aus eigener Erfahrung als Laie. Sarah weiß es auf professioneller Erfahrung. Sie noch einmal zu treffen und über die Nacht von Johns Tod zu sprechen, hat uns gut getan.

schweres herz [2].

  1. Die Nachricht vom Tod

Zurück zum Anfang. Am 4. März 2016 arbeite ich für die Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Bundestages bei der Thüringen-Ausstellung in Erfurt. Scott und John sind Zuhause in Berlin. Abends telefoniere ich mit den beiden, beziehungsweise eher mit Scott, da John ja nicht sprechen kann. Aber Scott hat das Telefon auf Raumklang gestellt und ich höre John im Hintergrund fröhlich lautieren. John ist wie immer am Freitag gegen halb drei von der Schule gekommen, die beiden haben mittlerweile zu Abend gegessen, sitzen im Wohnzimmer und sehen sich auf Youtube die Tiny desk concerts von NPR an. Ich höre an ihren Stimmen, dass es den beiden Männern gut geht. Scott hält John den Hörer hin und ich sage: »Die Arbeit ist fast fertig. Noch zwei Tage, mein Schatz, dann komm ich nach Hause.«

Um sicher zu gehen, dass John es verstanden hat, denn wir wissen nicht genau, wie viel er versteht, formuliere ich es noch einmal anders: »In zwei Tagen kommt Mama nach Hause.« John gluckst fröhlich. Ich bin müde, Scott und ich legen bald danach auf. Alltag. Alles wie immer.

Mitten in der Nacht klingelt in meinem Traum ein Handy. Der Traum will weiter, aber das Handy hört nicht auf zu klingeln. Ich wache langsam auf und merke, dass es mein Handy ist, das da in der Wirklichkeit klingelt. Verschlafen erkenne ich, dass es nach Mitternacht ist. Warum ruft Scott mich so spät noch an? Ich bin verärgert, er weiß doch, dass ich früh aufstehen muss. Ich nehme ab, und höre eine heisere, verzweifelte Stimme: »Es tut mir leid, Monika. Es tut mir so leid!«

»Was ist los?«, frage ich ungeduldig. Was soll das, so ein Anruf mitten in der Nacht, denke ich immer noch verärgert.

»John ist tot«, kommt es tonlos vom anderen Ende zurück.

Ich bin sofort wach und denke gleichzeitig dennoch, dass ich träume. Was? Wie? Es muss ein Albtraum sein, jetzt aber besser schnell in der Wirklichkeit aufwachen, in der sowas unmöglich ist. Aber Scott sagt: »Ich bin in sein Zimmer gegangen, um ihn noch einmal auf die Toilette zu setzen. Und da lag er tot im Bett. Der Notarzt ist hier, wir haben versucht, John wieder zu beleben, aber es geht nicht. Er ist tot.«

Wie Scott es mir so ruhig beschreibt, sickert in mir die Erkenntnis ein, dass es wahr sein muss. Trotzdem denke ich gleichzeitig immer noch, es sei ein Traum. »Der Arzt ist hier. Soll ich ihn dir geben? Ich gebe ihn dir mal«, sagt Scott.

Der Arzt erklärt es mir noch einmal. John ist tot. Er sagt, es müsse noch ein weiterer Arzt kommen, um den Totenschein auszustellen. Man wisse nicht genau, was passiert sei. Vielleicht ein epileptischer Anfall. Er hat von Scott schon Johns Krankheitsgeschichte erfahren. Ich verstehe nicht, warum jetzt noch ein anderer Arzt kommen muss. Es ist alles verwirrend, aber mir fällt noch nicht einmal ein, nachzufragen. Allein die Tatsache, dass offensichtlich mitten in der Nacht ein fremder Mann in unserer Wohnung ist, macht aber die Vorstellung zugänglicher, dass John wirklich gestorben ist.

Scott kommt zurück ans Telefon. Ich erkläre ihm, wo er für den Arzt die neuesten Arztbriefe aus dem Epilepsiezentrum findet. »Ich komme sofort«, sage ich. »Ich packe meine Sachen und melde mich von unterwegs.«

Mir ist bewusst, dass ich eigentlich überhaupt nichts mehr tun kann und es deshalb auch nicht auf die Minute ankommt, aber ich möchte so schnell wie möglich zu John. Ich war mit dem Zug nach Erfurt gefahren, damit Scott und John Zuhause mit dem Auto beweglich sind. Wie soll ich nun nach Berlin kommen? Ich bin gute 300 km weit weg. Erst einmal raus, denke ich und werfe meine Kleidung in den Koffer. Meine Sachen sind überall in der Wohnung verstreut, ich bin kopflos und weiß nicht, ob ich sie alle einsammle. Es ist eine Airbnb-Wohnung, in der ich mich für zehn Tage eingemietet habe. Sie gehört einer Studentin, die gerade Zuhause bei ihren Eltern in Hamburg ist. Ihre Kleidung liegt im Schrank, ihre Schuhe stehen an der Eingangstür, überall hängen Fotos von ihrer Familie und ihren Freunden. Mit meinen Kollegen hatte ich mich noch darüber unterhalten, wie merkwürdig es ist, sozusagen in das Leben eines anderen Menschen einzuziehen. Ich denke noch, dass ich den Müll mitnehmen sollte. Ist das Geschirr abgewaschen? Was denke ich da? Das spielt doch überhaupt keine Rolle. Mein Kind ist tot. Das erste Mal denke ich diesen Gedanken: Mein Kind ist tot. Der Gedanke macht schwindelig.

Draußen werfe ich den Wohnungsschlüssel in den Briefkasten, laufe zum Geldautomaten und hebe 500 Euro ab. Geld werde ich bestimmt brauchen. Ich verhalte mich merkwürdig strukturiert, wie auf Autopilot. Ich ziehe meinen Koffer bis zur nächsten großen Straßenecke. Nachts fährt hier kein öffentlicher Nahverkehr, aber an einer Straßenbahnhaltestelle finde ich die Telefonnummer eines Taxi-Unternehmens und lasse mich zum Bahnhof bringen. Dort finde ich heraus, dass der erste Zug nach Berlin allerdings erst am Morgen fährt. Ich stehe vor der Anzeigentafel und weiß nicht weiter. Kein Zug, das liegt so gar nicht in meinem inneren Plan. Bei der ersten Hürde beginnt sich meine schöne Strukturiertheit aufzulösen. Ich fühle mich hilflos wie ein Kleinkind und in etwa auf diese Stufe hat sich auch mein Denken zurückgezogen: Wenn Du nicht weiter weißt, bitte jemanden um Hilfe. Ich laufe zu einem Hotel, das sich neben dem Bahnhof befindet, und frage den Nachtportier, was ich nun machen soll. »Ich habe gerade die Nachricht bekommen, dass mein Sohn gestorben ist. Ich muss so schnell wie möglich nach Berlin. Ich weiß nicht, wie ich das machen soll. Es fährt kein Zug. Können Sie mir helfen? Kann man hier vielleicht irgendwo ein Carsharing-Auto mieten?«

Der Portier guckt mich erschrocken an, ist aber sofort hilfsbereit. Er spricht mir seine Anteilnahme aus und sagt: »Ein Auto mieten, das geht hier in Erfurt nachts nicht. Aber wissen Sie was, Sie können in diesem Zustand sowieso nicht selbst fahren. Zu dieser Zeit bleibt Ihnen nur ein Taxi. Ich guck mal im Internet nach, was das kosten darf. Nicht, dass man Sie da übers Ohr haut.«

Seine Worte hallen in mir nach: »Sie können in diesem Zustand sowieso nicht selbst fahren.« In was für einem Zustand ich wohl bin, frage ich mich, als ob es bei der Frage um jemand anderes geht. Ich stehe merkwürdig neben mir. Das ist bestimmt der Schock, denkt der Teil von mir, der noch Zugang zur Vernunft hat, und der wie von Außen auf den anderen Teil blickt, der immer tiefer in ein mir bisher unbekanntes Nichts fällt. Eine Taxifahrt von Erfurt nach Berlin kostet laut Internetauskunft 700 Euro, also mehr als ich abgehoben habe. Der erste Fahrer, den ich draußen vor dem Bahnhof anspreche, möchte sowieso nicht nach Berlin. Der zweite willigt etwas unzufrieden ein, nennt mir den korrekten Preis von 700 Euro und hat auch ein Lesegerät für Kreditkarten. Während der dreistündigen Fahrt telefoniere ich nahezu die ganze Zeit mit Scott, mit dem Arzt, dann mit einem anderen Arzt, der für die Ausstellung des Totenscheins gekommen ist, dann mit einem Kriminalpolizisten. In unserer Wohnung sammeln sich immer mehr Menschen.

»Wann kommen Sie denn in Berlin an?«, fragt der Polizist.

»Das Navi sagt, noch eine Stunde und 15 Minuten«, erwidere ich.

»Also, so eine Wartezeit kann ich leider nicht rechtfertigen«, sagt der Polizist. »Wir dürfen den Leichnam nicht alleine lassen. Wenn Sie ihn jetzt noch sehen wollten, dann müssten wir die ganze Zeit hier in Ihrer Wohnung bleiben. Das dauert zu lange. Es ist mitten in der Nacht. Das kann ich auch gegenüber meinen Kollegen nicht rechtfertigen. Tut mir leid, aber wir müssen gehen und wir müssen den Leichnam mitnehmen. Das ist die normale Routine, wenn jemand Zuhause verstirbt.«

Ich sage dem Polizisten, wie wichtig es mir ist, John zu sehen. Meine Versuche, ihn umzustimmen, bleiben aber erfolglos. Johns Leichnam wird beschlagnahmt und abtransportiert. In mir löst sich nun alles auf. Die ganze Zeit habe ich darauf hin gehandelt, möglichst schnell bei John zu sein. Nun wird er noch nicht einmal mehr da sein, wenn ich ankomme.

Gegen drei Uhr nachts fahren wir auf der Autobahn am Messegelände vorbei und der Taxifahrer sagt, dass er das hier wiedererkennt, da hinten sei doch dieser Funkturm, er war ja schon mal in Berlin, und überhaupt, er kennt ja sogar jemanden, der in Berlin wohnt. Vielleicht könnte er den sogar besuchen, wenn er noch ein paar Stunden wartet und nicht direkt wieder zurückfährt nach Erfurt.

Ich denke daran, wie es John einmal sehr schlecht gegangen war, etwa im Alter von drei Jahren. Wir hatten Wochen im Krankenhaus verbracht und John hatte Tag und Nacht epileptische Anfälle gehabt, die nicht auf Medikamente reagierten. Um sein Gehirn näher zu untersuchen, mussten wir in ein anderes Krankenhaus gefahren werden und weil gerade kein Krankentransport zur Verfügung stand, hatte man uns ein Taxi gerufen. John trug einen Schutzhelm, um sich den Kopf nicht während eines Krampfanfalls zu verletzen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass man uns beiden die tiefe Erschöpfung und die Not nicht ansehen konnte. Im Radio lief »Another day in paradise« von Phil Collins, während der Taxifahrer die ganze Fahrt über von Dieter Bohlen sprach, der gerade ein Buch mit delikatem Tratsch herausgebracht hatte.

Ein vorbeihuschender Gedanke: Taxifahren mit John und verrückten Taxifahrern, das wird es jetzt auch nie mehr geben. Realität, die immer nur für ganz kleine Augenblicke einsickert. Schon in der nächsten Sekunde fühlt sich wieder alles unwirklich an.

So auch unsere Wohnung, als ich endlich Zuhause ankomme. Hier scheint alles anders als vorher. Ich kann nicht sagen, was genau. Auf dem Weg ins Wohnzimmer sehe ich aus dem  Augenwinkel das Chaos in Johns Zimmer und einen Fleck auf dem Boden, aber das ist es nicht. Die ganze Wohnung macht einen kalten, leeren und vor allem fremden Eindruck. Das ist nicht unsere Wohnung. Ha, jetzt hat sich der Albtraum verkalkuliert, jetzt wache ich gleich auf, denke ich für einen kleinen Moment. Doch mit Scott im Wohnzimmer sitzen ein unbekannter Mann und eine unbekannte Frau. Ich hatte schon am Telefon gehört, dass zwei Notfallseelsorger gekommen waren. Ich begrüße sie und setze mich neben Scott aufs Sofa. Es kommt mir komisch vor, wie wir so steif nebeneinander sitzen, wie auf einer Hühnerstange. Ich schaffe es wieder und wieder nicht, meine Wahrnehmung damit in Einklang zu bringen, dass dies hier alles gerade tatsächlich passiert.

schweres herz [1].

  1. Die erste Begegnung

Und ich weiß schon:
Solange meine Seele in mir wohnt,
werd ich das Dunkel dieses Augenblicks
schöpfen und trinken und bluten

(David Grossman: Aus der Zeit fallen)

Im Leichnam ist der Mensch gleichzeitig da und nicht mehr da. Im ersten Augenblick nehme ich nur diese verstörende Gleichzeitigkeit wahr, als ich meinen Sohn zum ersten Mal tot sehe. Da liegt John, 15 Jahre alt, ganz er. Ich sehe sein Haar, seinen Mund, seine Hände. Ich denke ein bisschen erstaunt zunächst nur das: Er ist so ganz und gar er. Ebenso eindeutig ist aber alles Leben aus seinem Körper entwichen. Ich sehe die Totenflecken, die Hautverfärbungen, sehe, dass dies eindeutig ein toter Körper ist. John ist da und nicht mehr da.

Ich bin vergleichsweise ruhig, denn ich hatte vier Tage lang Zeit, mich auf diesen Augenblick vorzubereiten. Ich habe das Zusammentreffen in diesen Tagen sogar mit Wehmut herbeigesehnt. John ist nachts Zuhause in seinem Bett gestorben, plötzlich und unerwartet, als ich beruflich unterwegs war. Sein Leichnam wurde von der Polizei mitgenommen und in eine Gerichtsmedizin gebracht, um ein Fremdverschulden auszuschließen, wie es hieß. Weil der Tod sich am Wochenende ereignete, mussten mein Mann Scott und ich vier Tage auf die Freigabe durch die Staatsanwaltschaft warten. Wir wussten nur, dass der Körper unseres Kindes irgendwo in Berlin in einem Kühlfach liegt. Wir sehnten uns so sehr danach, bei ihm zu sein.

Wir begegnen Johns Leichnam in einem Abschiedsraum am Richardplatz in Berlin-Neukölln. Unsere Bestatter arbeiten mit dem hier ansässigen Fuhrunternehmen Gustav Schöne zusammen. Sie haben Johns Leichnam aus der Gerichtsmedizin abgeholt und hierher gebracht. Ich kenne den Richardplatz seit Mitte der 1990er Jahre. Ich erinnere mich, wie wir es zu Studienzeiten verwunderlich fanden, dass es mitten in Berlin so einen klassischen Dorfanger gibt, wie er selbst aus vielen kleineren Gemeinden im Laufe der Zeit bereits verschwunden ist. Und ausgerechnet mitten in Berlin dann diese alt-dörfliche Atmosphäre, Böhmisch-Rixdorf, das klang außerdem angenehm exotisch nach Osteuropa. Rund um den Richardplatz konnte man abends ausgehen, daher kannten wir den Platz. In den letzten Jahren hingegen hatten wir vor Weihnachten oft mit John den Weihnachtsmarkt auf dem Richardplatz besucht und die Umgebung so ganz anders erlebt als früher.

Nun erfahre ich die für mich dritte Bedeutungsebene des Richardplatzes. Das Fuhrunternehmen Gustav Schöne, das seit 120 Jahren ein Hochzeits- und Bestattungsfuhrwesen betreibt, und damit Leben wie Tod der Menschen organisiert, liegt mitten am Platz: ein rustikaler Hof, sauber und großzügig, mehrere Gebäudeflügel, eine Remise mit historischen Kutschen, Tore mit schweren Scharnieren, roter Klinker. Wir könnten auf dem Land in meiner norddeutschen Heimat sein. Johns Leichnam wird bis zur Beerdigung hier aufbewahrt.

Und so sehe ich John zum ersten Mal tot. Sehe, wie er im Leichnam gleichzeitig anwesend und abwesend ist. Genau so, wie er für den Rest meines Lebens nun nie wieder da ist, und doch für immer bei mir, in mir. Im Anblick seines Leichnams wird der Verlust real, doch die erste Begegnung bringt auch eine befreiende Erkenntnis mit sich. Sobald ich ihn sehe, wird mir klar: Die Liebe hört mit dem Tod nicht auf. Seit Johns Geburt gibt es kein Ich ohne ihn, und daran ändert sein Tod nichts.

Nichts an ihm stößt mich ab, alles zieht mich zu ihm hin. Ich trete näher an John heran. Ihm läuft Flüssigkeit aus dem Mund, die wir vorsichtig abtupfen. Entweder ist es noch Schaum von der Wiederbelebungstablette, die der Notarzt verabreicht hatte, oder es ist schon die Autolyse. In den letzten Tagen habe ich viel über den Tod gelernt. Unsere Bestatterin Lea hat uns von der Autolyse erzählt, der Selbstverdauung des Körpers, seiner Auflösung von innen, die sofort nach dem Tod beginnt. Bakterien fangen an, den Magen-Darm-Trakt zu zersetzen, sie spülen dabei auch Flüssigkeit nach oben. Ich denke: Noch bewohne ich meinen zukünftigen Leichnam. Eines Tages wird auch aus meinem Mund Flüssigkeit laufen. Es kommt mir nicht schlimm vor, sondern ganz normal. Das neue Normal.

Auf Johns Brustkorb kleben noch die Pflaster von den erfolglosen Wiederbelebungsversuchen, sonst sieht er ganz friedlich aus. Vorsichtig entfernen wir die Pflaster, waschen John ein bisschen, irgendwie hat man das so im Kopf, dass ein Leichnam gewaschen werden muss, aber nicht zum ersten Mal in den letzten Tagen fällt mir wieder auf, wie wenig ich über den Tod weiß. Muss überhaupt etwas unbedingt mit dem Leichnam gemacht werden? Wenn ja, was? Lea erklärt uns, dass nichts muss. Es ist uns überlassen. Wir ziehen John die Kleidung an, die wir Zuhause sorgfältig für ihn ausgesucht haben. Am Ende hatten noch drei Pullover auf seinem Bett gelegen, die in die engere Auswahl kamen, drei Lieblingspullis. Das letzte Mal haben wir gewissenhaft das getan, was zuvor fünfzehneinhalb Jahre lang morgens nebenbei und auf die Schnelle passierte: einen Pullover ausgesucht.

Wir haben John bis zu seinem Tod jeden Tag an- und meistens mehrfach umgezogen. John war schwerstbehindert, Autist und chronisch an einer therapieresistenten Epilepsie erkrankt. Er konnte nicht sprechen und sich nicht alleine anziehen. Wir sind es gewohnt, das zu tun. Nun aber lassen sich die Arme und Beine nur schwer bewegen. Lea und ihr Vater geben uns Tipps, wie man einen toten Körper anzieht. Um den Pullover anzuziehen, müssen wir die Ärmel erst durch unsere eigenen Arme ziehen. Mehrfach müssen wir Johns Körper auf die Seite bewegen. Lea und ihr Vater helfen uns. Beim Anziehen spüre ich körperlich, was ich beim ersten Anblick gesehen habe: Jegliche Energie ist aus Johns Körper gewichen. Ich sehe es, ich spüre es in meinen Handlungen, mein Kind ist tot, da gibt es kein Vertun. Und keine Hoffnung, dass das alles nicht wahr ist. Die Bewusstwerdung steigt mit jedem Handgriff. Die Totenfürsorge ist ein schwerer Schritt, und dennoch sehr wichtig für mich. Ich weiß nicht, wie ich diese Realität sonst verstehen können sollte, gegen die sich alles in mir wehrt. Dies sind die letzten Handlungen, die wir für John tun können, ich möchte mir so wenige der kostbaren letzten Momente aus der Hand nehmen lassen wie möglich. Es tut bei allem Schmerz so gut, John zu sehen und ihn berühren zu können. Mir ist sehr bewusst, dass es ganz bald nie wieder möglich sein wird.

Wir haben Schuhe mitgebracht. Lea weist uns taktvoll darauf hin, dass es durchaus möglich sei, John mit Schuhen zu beerdigen, aber dass es ohne Schuhe umweltfreundlicher sei. Wenn John sehr an seinen Schuhen gehangen habe, wenn sie eine besondere Bedeutung haben, könnte man es selbstverständlich trotzdem machen. Nein, nein, sagen wir schnell. Wir hatten nur gar nicht daran gedacht. Wir hatten einfach alles mitgebracht, was wir ihm normalerweise anziehen. Wir sind solche Anfänger, es ist unglaublich, wie wenig wir wissen. Warum ist das so? Geht das nur uns so? Haben alle anderen das Memo über den Tod bekommen, mit allem, was man über die Beisetzung wissen muss, nur wir nicht? Natürlich ohne Schuhe.

Zu viert heben wir John in einen schlichten und unbehandelten Kiefernsarg. Es ist ein Sarg mit Überlänge. Wie groß John genau war, wissen wir nicht, weil er beim Messen nie still stand. Manchmal sah es nach 1,93 m aus, manchmal nach 1,94 m. Jedenfalls sehr groß. Leas Satz ist einer der Momente, die immer wieder klar vor mir stehen: »Da brauchen wir einen Sarg mit Überlänge.« Gefolgt von meinem Gedanken: Wie bin ich hierher gekommen, zu einem Sarg mit Überlänge, für mein Kind? Alles erscheint unwirklich.

Scott und ich haben Johns Kissen, seine Decke, eins seiner geliebten Wimmelbücher und ein Holzpuzzle dabei, mit dem er in der letzten Zeit viel gespielt hat. Wir betten Johns Kopf auf das Kissen, legen ihm die Decke über die Beine und verteilen die Spielsachen um seinen Körper. In der folgenden Nacht schlafe ich das erste Mal seit seinem Tod sechs Stunden durch. Und wache erschrocken auf: Wie kann ich nur sechs Stunden schlafen, wenn mein Kind tot ist? Aber dass ich überhaupt endlich schlafen konnte, zeigt, wie gut es mir getan hat, John zu sehen.

schweres herz [0].

»Schweren Herzens haben wir von John Abschied genommen«, stand auf unserer Danksagungskarte an Angehörige und Freunde. Die Karte mit dem Bild von John steht auf meinem Schreibtisch, jeden Tag sehe und lese ich sie, und deshalb habe ich mein Buchprojekt »Schweres Herz« genannt. Ich werde hier nun einfach mal die ersten drei Kapitel einfügen, die mehr oder weniger fertig sind. In den nächsten Monaten habe ich leider wieder viel Arbeit, so dass ich nicht weiß, wie sehr ich dazu komme, die weiteren Kapitel zu überarbeiten. Aber es hat ja auch keine Eile.

97 wochen.

Irgendwie muss dieses Weblog auch im Jahr 2018 ankommen, also nun. Wir haben ein Bild gekauft, das ist die große Nachricht zu Beginn des Jahres. Ein Bild der Künstlerin Katia Kelm, von der ich auf Anhieb 3-10 weitere Bilder kaufen könnte, weil mir so viele ihrer Bilder so sehr gefallen. Unser Bild heißt „Der Aufstieg.“ Schon als Katia es das erste Mal auf Instagram gepostet hatte, noch unfertig, habe ich mich sofort in dieses Bild verliebt. Nun also haben wir es gekauft und es hängt in unserem Wohnzimmer, wo es sich so schnell und geschmeidig eingelebt hat, dass es schon nach einer Stunde so war, als wäre das Bild schon immer da gewesen.

In gewisser Weise vervollständigt es uns, nachdem wir letztes Jahr den Grabstein für Johns Grab gekauft haben. Seitdem freuen wir uns praktisch jeden Tag darüber, dass wir den Stein gekauft haben. Auf dem Friedhof haben wir also den Stein und Zuhause jetzt das Bild. Nun haben wir an beiden Orten, die für uns Zuhause sind, einen John-Anker. Ich kann gar nicht so genau sagen, warum mich das Bild so anspricht, vielleicht, weil es dem Tod etwas Leichtes zufügt, definitiv etwas Überraschendes, oder weil es der offensichtlichen Schwere auch eine gewisse Normalität zugesteht, jedenfalls finde ich darin ganz vieles wieder, was mich bewegt und auch, was mir unerwartet begegnet ist in der Trauer. Das ist alles noch nicht zuende gedacht, ich denke ständig andere Sachen, wenn ich das Bild ansehe.

Vielleicht gerade weil Johns plötzlicher und unerwarteter Tod so brutal und in jedem Sinne schwer war, haben wir das Bedürfnis, ihm mit Ruhe und einer Form von Leichtigkeit zu begegnen. An Johns Grab zu sitzen hat etwas Sanftes, das Gegenteil dessen, was passiert ist. Nur dort auf dem Friedhof, am Grab, ist alles ganz klar. Wir haben nichts in der Hand als das. Wir können die Radikalität des Todes nur durch das Gegenteil aufzufangen versuchen. Ruhe und Geduld.

Wissenschaftler sagen, Trauernde brauchen Resilienz. Ich mag das Wort nicht. Hinter dem Fremdwort versteckt man das eigentliche Wort, Widerstandsfähigkeit, und im Widerstand schwingt ein kämpferischer, antagonistischer Unterton mit, der mir unpassend scheint. Ich sage lieber: Ruhe und Geduld. Nicht etwa zu verwechseln mit Gelassenheit oder Zufriedenheit. Ich weiß nicht, wohin mit mir ohne John. Selbstverständlich bin ich weder gelassen noch zufrieden. Aber ich bin ruhig und geduldig. Ich weiß, im Moment muss ich nur ertragen. Ich habe keine andere Aufgabe, denn diese ist schon riesig genug. Die ultimative Ambivalenz auszuhalten zwischen Liebe und Tod.

Vor kurzem bin ich über ein Zitat von Thomas Mann gestolpert: „Beherrscht dich ein Gedanke, so findest du ihn überall ausgedrückt, du riechst ihn sogar im Wind.“ In der Trauer entsteht da eine Leerstelle, weil eine sichtbare Referenz fehlt. Ist man schwanger, sieht man plötzlich überall Schwangere, Kinderwagen und Kleinkinder. Wir beziehen die Welt auf uns, deuten sie auf uns zu, das weiß man alles. Aber den Tod sieht man nicht. Als verwaiste Mutter kann ich keine anderen verwaisten Mütter sehen, es sei denn natürlich ich begebe mich explizit in eine Trauergruppe, die aber schon wieder eine abgeschiedene Welt darstellt. Im Alltag fehlen die sichtbaren Anhaltspunkte und so schwebt man weitgehend referenzlos durch die Gegend, kann seine Gefühle nicht ständig hier und da im Umfeld andocken.

Trauer wird in der Gesellschaft eine Außenseiterstellung zugesprochen. Jemand ist in Trauer: Wenn das gesagt wird, schwingt mit, der- oder diejenige sei im Grunde momentan nicht ganz zurechnungsfähig. Das mag für die ersten Monate tatsächlich durchaus gelten, aber irgendwann ist man wieder zurechnungsfähig, geht arbeiten und beim Griechen um die Ecke essen, lebt ein von außen vielleicht nahezu normal scheinendes Leben. Dann wird angenommen, die Trauer sei vorbei. Mitnichten, sie ist immer noch da, groß und unüberwindbar. Sie hat sich ins Leben integriert, aber das heißt eben nicht, dass sie vorüber ist oder jemals vorüber sein wird. Dieser Sarg wird, wie im Bild, immer wieder aufspringen.

Der einzige andere Gefühlszustand, dem man noch am ehesten zuschreibt, er mache temporär unzurechnungsfähig, ist das Verliebtsein. Trauer ist dem Verliebtsein überhaupt sehr ähnlich, denn Trauer ist pure Liebe zu dem Menschen, der gestorben ist. Und wie die Liebe im Glücksfall bleibt, so auch die Trauer. Wie die Liebe sich nach der ersten Aufregung in das Leben integriert, so die Trauer. Ich weiß nicht, warum mich diese Erkenntnis überrascht hat. Aus der heutigen Warte kommt mir das wie eine Selbstverständlichkeit vor. Ich hatte das vorher einfach nicht begriffen, weil man immer von den Trauerphasen hört und liest und allgemein angenommen wird, es gebe so etwas wie ein Trauerjahr usw. Ich habe einfach in meinem Umfeld und in meinen Lektüren nicht mitbekommen, dass die Trauer so ist: dass sie ein Teil des Lebens werden kann, dass sie bleibt und dass das nicht schlimm ist, weil sie nämlich der letzte Teil der Liebe ist, wenn man diese ganz zu Ende zu gehen gezwungen ist. Dieser letzte Teil bleibt, wie all die anderen davor, er gehört dazu. Trauer ist kein Außenseiter, sondern wie die Liebe (und als Teil der Liebe) mitten unter uns. So wie der Tod mitten unter uns ist, was wir ja aber heutzutage auch eher verdrängen.

Als wir letzten Oktober meine Eltern und meinen Bruder besucht haben, waren wir in der landesgeschichtlichen Ausstellung im Schloss Oldenburg. In einem Raum kann man die Kleider ansehen, die Graf Anton Günther im Sarg getragen hat. Gestorben im Juni 1667, fand die Beerdigung erst vier Monate später statt. Dazu wurde sein Leichnam in einen Sarg gebettet, der nach oben hin am Kopfende ein Sichtfenster hatte, zunächst damit sich das Volk von ihm verabschieden konnte, aber danach wurde er im Keller der Lambertikirche auf einem Hochaltar ausgestellt und die Besucher konnten durch das Fenster den Prozess der Verwesung verfolgen. Laut Informationstafel besuchte 1753 der Cousin von Gotthold Ephraim Lessing, Christlob Mylius, Oldenburg und schrieb: „Ich stieg auch hinunter in das gräfliche Begräbniß unter dem Altare, wo ich diesen Grafen, wiewohl sehr verweset, noch im Sarge liegen sah.“

Mehr als 80 Jahre nach dem Tod konnte man also immer noch den Prozess der Verwesung mitverfolgen. Auf der Informationstafel steht, dass der Sarg schließlich 1937 geöffnet wurde. Nur die Kleidung war noch erhalten. Heute sehen wir uns nicht nur gar keine Verwesung mehr an, heute wollen wir von Tod und Trauer allgemein möglichst wenig reden und wissen. Nicht, dass ich durch das Sichtfenster eines 80 Jahre alten Sarges sehen möchte, aber ein bisschen zu weit getrieben haben wir es mit der Verdrängung meiner Meinung nach schon.

Da stimme ich Caitlin Doughty zu, deren Buch Fragen Sie Ihren Bestatter ich kürzlich gelesen habe. In dem Buch geht es um viele Dinge, die spezifisch amerikanisch sind (zum Beispiel um das sinnlose Einbalsamieren), und insofern lässt sich der Bestseller nur bedingt nach Deutschland übertragen. Aber der Grundbotschaft, dem Tod offener und neugieriger zu begegnen, stimme ich vollends zu. In den letzten Tagen haben wir uns auch einige ihrer Videos auf Youtube angesehen: Ask a mortician.

Ich schreibe das hier alles auch auf, weil ich gerne ein Buch über den Tod schreiben würde, das mehr auf die Gegebenheiten in Deutschland zugeschnitten ist und die Perspektive der Trauer stärker berücksichtigt, die bei Doughty wegen ihrer professionellen Perspektive nahezu ganz fehlt. Die Frage ist allerdings, ob das überhaupt jemanden interessieren würde.

was ist interessant?

Hunsrück, Taunus und Eifel. Alles, was diese Regionen für mich in den frühen Neunzigern während meines Grundstudiums in Mainz bedeuteten, war: langweilig. Das ging nicht nur mir so, sondern vielen anderen um mich herum auch. Wenn man jemanden kennen lernte, der oder die dort herkam – was an der Universität in Mainz häufig vorkam – war daran ausschließlich interessant, wie jemand es geschafft hatte, da herauszukommen. Ich hatte eine Mitbewohnerin, die so oft wie möglich nach Hause aufs Land fuhr. Unter uns anderen galt sie dadurch schon als Exotin.

Uns interessierten Studentenpartys, Theater und Lesungen. Und wenn Mainz zu klein wurde, fuhren wir nach Frankfurt, zum Beispiel in die Schirn. Es ist nicht so, dass wir die Natur um uns herum gar nicht wahrnahmen. Ich erinnere mich zum Beispiel noch daran, wie wir in die Obsthänge fuhren und das Auto eines Freundes mit Kirschen bewarfen, was uns aus einem mir heute nicht mehr ersichtlichen Grund viel Spaß machte. Danach fuhren wir wieder zurück in die Stadt und lernten, wie hartnäckig Kirschfarbe auf Autolack ist. Ich kann mich nicht erinnern, derweil wirklich bemerkt zu haben, wie schön es in der Umgebung ist.

Schlemmerwanderung Oppenheim

Schlemmerwanderung Oppenheim

Schlemmerwanderung Oppenheim

Schlemmerwanderung Oppenheim

25 Jahre später habe ich letzte Woche beim zentralen Fest zum Tag der Deutschen Einheit in Mainz gearbeitet. Am Tag davor trafen wir Freunde in Oppenheim und gingen zusammen auf die sogenannte Schlemmerwanderung, durch die Weinberge mit verschiedenen Stationen an Essensangeboten und Weinen. „Wie schön es hier ist!“, dachte ich die ganze Zeit. Und: „Warum habe ich das früher eigentlich nicht bemerkt? Warum hat mich das nicht interessiert?“

In den letzten Jahren habe ich das immer wieder gedacht. An der Saarschleife zum Beispiel, in Unterfranken, am Niederrhein, in Nordfriesland und im Bayerischen Wald, aber auch in Bulgarien und natürlich in der Schweiz.

Bulgarien

Belogradtschik

Abstieg zurück nach Zermatt

Riffelsee mit Blick aufs Matterhorn

Genfersee

Schilthorn

Rothornbahn

Halbinsel Eiderstedt

Wenn ich eine Weltreise machen würde, wäre sie früher vermutlich in alle möglichen großen Städte gegangen. Heute würde ich zum Great Barrier Reef fahren, nach Alaska, zum Goldenen Felsen in Myanmar, mit dem Zug durch die Rockies, nach Machu Picchu, ins Okavango-Delta und noch einmal in die Serengeti. Ich bin aber auch zufrieden, die Bäume und die Eichhörnchen auf dem Friedhof anzusehen. Das Gute an der Natur ist ihr einfaches Sosein. Es liegt etwas sehr Tröstliches darin.

(Mehr Bilder auf Flickr.)

 

75 wochen.

Fünf Ampeln sind es zwischen unserer Wohnung und dem Alten Luisenstädtischen Friedhof. Wenn wir in Berlin sind, fahren wir noch immer jeden Tag dorthin, am liebsten mit dem Fahrrad.

Johns Grabstein

Lange konnten wir uns nicht entscheiden, was für einen Stein wir auf Johns Grab haben möchten. Ich tendierte eher zu einer Naturstele, aber dann kam alles anders. Als Scott nämlich diesen Stein entdeckte, ein Unikat aus Muschelkalkstein, sagte er spontan: „Der sieht aus, als habe John mit Fingerfarbe drauf gemalt.“ Nachdem wir diese Vorstellung erstmal im Kopf hatten, brauchten wir nicht mehr weiter zu gucken.

Das Aufstellen des Steins war ganz schön aufregend. Dieser Moment, als wir das erste Mal davor standen, den eingemeißelten Namen sahen, das hatte noch einmal so etwas Endgültiges, besonders natürlich auch die Daten. Und die Fotofliese, die extra in Bayern gebrannt worden ist, sie hat 100 Jahre Garantie (wir werden es nicht überprüfen können). Es ist schlimm, den Namen des eigenen Kindes mitsamt Geburts- und Sterbedatum in einen Stein eingemeißelt zu sehen. Ein weiterer Schritt des Abschließens und gleichzeitig des Übergebens an die Ewigkeit. Da braucht man schon wieder ein paar Wochen, um sich davon zu erholen, zumal auch noch dazukam, dass die Krankenkasse Johns geliebtes Dreirad abgeholt hat. Der Moment, als es auf der Ladefläche festgezurrt wurde, wird mir auch in Erinnerung bleiben. Manchmal kommt mir die Zeit vor wie ein Puzzle aus Endmomenten. Wir sind aber sehr froh über unseren Stein.

Im März brach unser zweites Jahr auf dem Friedhof an. Wir kennen nun schon die Blüte des Magnolienbaums im Frühling, die Rhythmen der Pflanzen. Der kleine Rosenbusch, den wir letztes Jahr im Frühling gepflanzt haben, ist in seinem zweiten Jahr deutlich kräftiger und größer geworden. Er hat den Winter gut überstanden. Scott mausert sich zum Gärtner, er liest ständig über Pflanzen, hat dem neuen Rosenbusch eine Clematis an die Seite gepflanzt. Den Friedhof könnten wir eigentlich schon als unseren Zweitwohnsitz eintragen lassen.

Magnolie

Unsere Rosen im zweiten Jahr

Neben uns ist plötzlich der Sohn von Ilse, Johns Grabnachbarin, aufgetaucht. Wir hatten ihn noch nie getroffen, er war der einzige Nachbar, den wir noch nicht kannten. Er hat das Grab seiner Mutter neu gestaltet und wollte erst den Gingko herausnehmen. Er ist der Meinung, Bäume brauchen immer mindestens ein Exemplar der gleichen Sorte in Sichtweite, um sich wohl zu fühlen. Als wir ihm sagten, dass es in der Nähe aber doch noch einen Gingko gebe, war er ganz aufgeregt. Scott lief mit ihm hin und zeigte den kleinen Baum. Da kam er zurück und sagte: „Nun steht es fest, der Gingko bleibt. Er hat ja einen Kollegen, jetzt muss er bleiben.“ Wir freuen uns drüber.

Ich wollte einfach mal wieder was schreiben. Ich habe immer das Gefühl, es gibt nichts zu sagen. Fast anderthalb Jahre seit Johns Tod, das scheint irgendwie lang, aber für uns ist es ganz kurz. Wir haben uns innerlich nicht bewegt, wir stehen immer noch ratlos in der Ecke, wir kommen aus dem puren Aushalten-Modus nicht raus, denn der ist schon schwer genug zu bewältigen. Das Einzige, was mich effektiv und zugleich wohltuend ablenkt, ist die Arbeit. Je mehr ich arbeite, desto besser, und deshalb arbeite ich gerne und viel.

Johns Grab

Choose between numbness and pain
While looking at the beauty of roses and stones

Das muss ich oft denken, wenn wir da sitzen. Mal sehen, ob sich da irgendwann noch irgendwas bewegt. Wir haben es nicht eilig, wir haben alle Zeit der Welt.

israel & palästina [fünfter und letzter teil: jerusalem].

Vier Tage waren wir in Jerusalem und sind von morgens bis abends gelaufen, gelaufen, gelaufen. Haben so vieles gesehen, aber in vier Tagen natürlich dennoch nicht alles. Wir wohnten in einer Airbnb-Wohnung in der Nähe des schönen Mahane-Yehuda-Marktes. Da die Wohnungsbesitzerin den Mietern nicht zutraut, eine koschere Küche zu bewältigen, hat sie die Wohnung zu einer vegetarischen Unterkunft erklärt. Wenn kein Fleisch erlaubt ist, muss man sich um die Trennung zu Milchprodukten keine Sorgen machen. Das Ganze kam mir etwas übertrieben vor. Wenn man eine Wohnung vermietet, die ansonsten auch von niemandem dauerhaft zum Leben benutzt wird, eine ganz klassische Ferienwohnung also, dann könnte man es den Gästen doch auch selbst überlassen, was und wie sie darin kochen.

Nicht in Jerusalem. Nein, in dieser Stadt wird alles zum Kampfgebiet, das merkten wir schnell. Eine Stadt, die komplett aufgeladen ist, religiös hochgerüstet, und zwar von allen Beteiligten, christlich, jüdisch oder muslimisch, zudem manchmal noch geteilt zwischen Mann und Frau. Nervös, argwöhnisch, die eigene Religion offensiv zur Schau stellend, als Selbstbehauptung, aber auch als Demonstration und Protest gegen die anderen, und mitten in dieser absurden Stimmung wird man auch noch permanent bedrängt (Taxifahrer, Verkäufer).

Altstadt Jerusalem

Klagemauer

 

Orthodoxes Viertel Jerusalem

Via Dolorosa

Grabeskirche

Nirgendwo vermisst man Tel Aviv so sehr wie in Jerusalem. Meine Kollegin hatte uns vorgewarnt: „Tel Aviv plays, Jerusalem prays.“ Aber so heftig hatten wir es uns nicht vorgestellt. Als Abschluss unserer Reise kulminierte hier noch einmal alles: die ganzen Probleme, die Widersprüche, das Gefühl der tiefen Beklommenheit aufgrund der ausweglosen Lage. Nach zwei Wochen im Land hatte sich diese Ausweglosigkeit eher deutlicher gezeigt, als irgendwie abgemildert. Und nun Jerusalem, eine Zumutung für die Sinne und den Verstand (was ja nicht automatisch etwas Schlechtes sein muss).

Grabeskirche

Grabeskirche. Scott und ich standen lange im Eingang, in der Nähe des Salbungssteins. Immer neue Menschen knieten am Stein nieder und beteten. Je länger man dort stand, umso bedrückender wurde es. Man kann sich das nicht vorstellen: ein unablässiger Strom von Menschen aus aller Welt. Wirklich von überall her kommen sie zu diesem Stein, beten und weinen und reiben Devotionalien darauf. Glück sieht man dort keines, nur Kummer.

Salbungsstein in der Grabeskirche

Salbungsstein in der Grabeskirche

Salbungsstein in der Grabeskirche

Ich dachte mir: „So ist das, die Menschen aus der ganzen Welt tragen ihre Sorgen zu diesem Stein. Hier ist der Ort, an dem es nichts gibt als Schmerz.“ Und mit hier ist dann nicht mehr der Stein gemeint, sondern die Welt an sich. Es kommt einem dort wirklich so vor. Uns konnte es recht sein, denn für uns gibt es auch nichts mehr, was nicht von unserer Trauer dominiert würde. Aber das Persönliche, Individuelle spielt dort eigentlich keine Rolle, das ist eine universale Dimension, an der man da teilnimmt, alleine schon durch die Beobachtung.

Abends im Internet eine Dokumentation über Jerusalem gefunden und darin den besten Satz gehört: „Silence is the mutual language of all religions.“

israel & palästina [vierter teil: qumran und beit jala].

Von En Bokek fuhren wir in Richtung Norden am Toten Meer entlang über die Grüne Linie hinweg bis hoch nach Qumran. Mir war immer noch nicht so richtig klar, wohin man mit einem israelischen Mietwagen fahren durfte und wohin nicht, aber mein Cousin hatte uns erklärt, dass die Strecke über Qumran nach Jerusalem ausschließlich durch von Israel kontrollierte Gebiete führe und somit für den Mietwagen okay sei. So besichtigten wir die Ausgrabungsstätte mit den Felshöhlen, in denen einst die Qumran-Schriftrollen gefunden worden waren.

Qumran

Qumran

Von dort ging es weiter nach Jerusalem, wo wir den Mietwagen zurückgaben. Bevor es nun aber um Jerusalem geht: Palästina.

Eine ehemalige Babysitterin von John arbeitet seit sechs Jahren an der deutschen Schule in Beit Jala (auch geschrieben: Bayt Jala oder Bait Dschala, ich sage nur: Wolvs’burq-Syndrom). Jedenfalls hatte sie uns eingeladen zu kommen. Wir sollten in Jerusalem zum Damaskustor laufen und dort in den arabischen Bus nach Bethlehem steigen. Es gebe keine richtigen Bushaltestellen, wir sollten dem Fahrer einfach den Namen der Schule nennen, Talitha Kumi, denn der Bus fahre direkt daran vorbei und der Fahrer würde uns dann vor der Schule absetzen.

Am Damaskustor fanden wir problemlos den Bus nach Bethlehem. Der Fahrer sprach zwar kein Englisch, verstand aber den Namen der Schule. Der Bus verließ Jerusalem und zum ersten Mal durchfuhren wir einen richtigen Checkpoint. Auf der anderen Seite befanden wir uns allerdings immer noch in einem von Israel kontrollierten Gebiet, der sogenannten C-Zone. Hier sollte sich auch die Schule befinden. Wir fuhren weiter und plötzlich informierte uns ein großes, rotes Schild am Straßenrand darüber, dass wir nun das von der palästinensischen Autonomiebehörde kontrollierte Gebiet erreicht hatten. Israelischen Staatsbürgern sei der Zutritt verboten. Der Bus fuhr einfach daran vorbei und hinein in die sogenannte A-Zone. Die Schule sollte aber doch in der C-Zone sein? Wir mussten zu weit gefahren sein. Innerhalb der A-Zone hielt der Busfahrer endlich an und winkte uns zu, dass wir aussteigen sollten. Er deutete auf die Straße und zurück, und wir verstanden, dass wir wohl zurücklaufen sollten. Was war passiert? Hatte er uns vergessen?

Uns blieb nichts übrig als auszusteigen und in die Richtung zurückzugehen, aus der der Bus gekommen war. Dass wir nun ahnungslos und ohne jede Karte alleine durch die A-Zone liefen, hatten wir so natürlich nicht geplant. Wir hatten kein Gefühl dafür, wie sicher oder unsicher das sein mochte. Wir gingen einfach los, zurück in die C-Zone und kamen irgendwann an eine Kreuzung, die wir aus der Busperspektive wiedererkannten. Hier waren wir von links gekommen. Wir bogen ab und folgten weiter dem Busweg, aber es war noch immer keine Schule in Sicht.

Konnte es wirklich so weit zu gehen sein? Wir waren gerade an einem vage offiziell aussehenden Gebäude vorbei gekommen. Wie hinderlich immer wieder, dass wir die Schrift nicht lesen konnten. Vor dem Gebäude hatten aber ein paar Frauen in Berufskleidung gestanden und geraucht. Sie sahen nach Sprechstundenhilfen oder Krankenschwestern aus. Vielleicht war das eine Praxis oder Klinik? Wir gingen lieber dorthin zurück, um nach dem Weg zur Schule zu fragen. Das Gebäude stellte sich als Zahnklinik heraus, eine Frau sprach zum Glück Englisch und sie erklärte uns, dass die Schule gar nicht weit entfernt lag, tatsächlich direkt an dieser Straße.

So standen wir schließlich vor dem großen Tor der Schule und wurden hineingelassen, als wir den Namen von Johns ehemaliger Babysitterin nannten. Hinter dem Tor erstreckte sich ein großer, weitläufiger Campus. Wir erfuhren, dass dies mit über 1.000 Schülern die größte Schule Palästinas ist. Und dass den arabischen Bussen von der israelischen Behörde gerade verboten worden war, an der Schule zu halten. Deshalb also waren wir in die A-Zone gefahren. Das hatte Johns ehemalige Babysitterin noch gar nicht gewusst, weil sie mit dem Auto zur Schule kam.

Die Schule beeindruckte uns sehr, wobei der Trubel vielleicht auch nicht repräsentativ war. Wir kamen zufällig gerade am Tag des Bodens, der in Palästina groß gefeiert wird.

An der Schule wird bei unserem Besuch der "Tag des Bodens" gefeiert

Bleib ruhig und sprich Deutsch

Später fuhren wir gemeinsam mit dem Auto in die Berge von Beit Jala. Johns ehemalige Babysitterin wollte uns den Biobauernhof Hosh Jasmin zeigen, den ein palästinensischer Künstler und Filmemacher dort nach einem Vorbild aus Portland betreibt. Wir tranken palästinensischen Wein und aßen Hummus, Taboulé und Oliven. Das Olivenöl aus eigener Produktion schmeckte unglaublich gut. Zwischendurch kam auch mal ein Schaf vorbei. Der Ausblick auf die Berge war toll, aber auch wieder sofort mit einer Ernüchterung verknüpft, denn neben den Olivenhainen blickte man in der Ferne auch auf die riesige Mauer an der Grenze zu Israel.

Hosh Jasmin

Hosh Jasmin

Leckeres Essen und leckerer palästinensischer Wein

Grenzmauer

Schaf kommt uns besuchen

Ich weiß gar nicht, wie lange wir im Hosh Jasmin geblieben sind, es war so gemütlich und schön dort, wir bestellten immer mal was Neues und sprachen ausführlich über John. Gemeinsame Erinnerungen aus den frühen Jahren, als John drei, vier Jahre alt war – und das an diesem angenehm alternativen, fast ein bisschen magischen Ort.

Gegen Abend brachte uns Johns ehemalige Babysitterin zurück an den Übergang zwischen C-Zone und A-Zone. Unterwegs zeigte sie uns die unterschiedlichen Autokennzeichen: die israelischen sind gelb und die palästinensischen grün-weiß. Das war mir vorher überhaupt noch nicht aufgefallen. So viele Details.

Den Bus zurück nach Jerusalem mussten wir – wie wir nun ja wussten – in der A-Zone finden. Wir liefen also wieder an dem großen, roten Schild vorbei und trafen auf der anderen Seite einen freundlichen Mann, der uns den Weg zu einem Ort wies, an dem der Bus üblicherweise anhalte (wie gesagt: keine Bushaltestellen, keine Schilder, kein nichts). Wir warteten etwa 20 Minuten und dann kam ein Bus, der tatsächlich anhielt. Es saßen viele Schulkinder darin und ein paar Erwachsene, nur wenige Touristen. Am Checkpoint stiegen die Kinder aus. Ein Mädchen, das vor uns gesessen hatte, ließ ihr Mathebuch auf dem Sitz liegen. Ich nahm es und ging ihr hinterher: „You forgot your book!“ Ein Mann drehte sich um, lächelte und erklärte: „You can just leave it. They will all get back on.“

Ah! Wir Touristen durften sitzen bleiben und unsere Pässe wurden im Bus kontrolliert, aber die Schulkinder mussten durch den Checkpoint laufen. Der Bus fuhr 50 m vor und auf der anderen Seite stiegen alle wieder ein. Mann, Mann, Mann. Auch nach zwei Wochen im Land fühlte ich mich immer noch ständig wie „fresh off the boat.“ Aber was für ein schöner Tag in Beit Jala.

israel & palästina [dritter teil: aschdod, negev-wüste und totes meer].

Irgendwo habe ich gelesen, dass Israel nur so groß ist wie Hessen. Vom Norden ging es daher auch ganz gut, an einem Tag quer durchs Land in den Süden zu fahren. Unterwegs hatten wir uns mit meinem Cousin und seiner Familie in Aschdod verabredet. Mein Cousin ist ursprünglich Franzose, wie auch seine Frau. Vor zwölf Jahren haben sie die Alija gemacht. Sie haben sechs Monate in einem Immigrationszentrum gelebt und Hebräisch gelernt. Heute haben beide eine Arbeit, die doppelte Staatsbürgerschaft und fühlen sich längst in Israel Zuhause. Außerdem haben sie einen achteinhalbjährigen Sohn.

Wir reisten an einem Samstag. Also schrieb mein Cousin, wolle uns seine Frau gerne zum Sabbatessen einladen. Dieses Essen stellte sich zu unserer Überraschung als ein opulentes Fünf-Gänge-Menü heraus, welches sie schon am Vortag zubereitet hatte. Es wurde auf einer traditionellen Warmhalteplatte warm gehalten.

Sabbatessen bei meinem Cousin in Ashdod

Beklemmend fand ich, als mir der Sohn den Bunker in der Wohnung zeigte. Anscheinend ist das nichts Ungewöhnliches, alle Wohnungen haben dort einen Bunker. Aschdod liegt nicht weit vom Gazastreifen entfernt und wenn von dort Tel Aviv angegriffen wird, kommen die Raketen in der Umgebung von Aschdod herunter. Als der Konflikt 2014 erneut ausgebrochen war, wurde einmal zum Beispiel auch das Nachbargebäude getroffen und die Fensterscheiben in der Wohnung meines Cousins zerbarsten.

Wie Kinder so aufwachsen, das kann ich mir gar nicht vorstellen. Aber von einem Achtjährigen einen Bunker gezeigt und die verschiedenen Funktionen  erklärt zu bekommen (Atemanlage bei Giftgasangriffen), ist natürlich ein ganz schöner reality check. Ich sprach mit meinem Cousin darüber, wie schwer es mir falle, das zusammen zu bringen: dass man unter ständiger Bedrohung so normal leben kann. Er meinte nur: „In Europa ist es doch auch schon ein bisschen so. Und es wird immer mehr so sein wie hier, da werdet ihr euch dann auch dran gewöhnen.“

Eigentlich hatten wir auf dem Weg nur für ein bis zwei Stunden Halt machen wollen, blieben dann aber bis zum Abend. Ich habe mich sehr gefreut, meinen Cousin wiederzusehen und seine Frau und seinen Sohn kennen zu lernen. Um dann noch einigermaßen vor dem Dunkeln in unserer nächsten Airbnb-Wohnung in Mitzpe Ramon anzukommen, fuhren wir auf die schnelle Route 6, eine Mautstraße.

Interessanterweise konnten wir nirgendwo Kameras entdecken. Bei der Autovermietung hatte man uns gesagt, dass die Kennzeichen registriert werden, wenn man auf- und wieder abfährt. Die Benutzung werde dann zwei bis drei Monate nach Rückgabe des Autos in Rechnung gestellt, wenn der Vermieter die Abrechnung der Mautstelle erhalten habe. Zwischendurch mussten wir einmal zum Tanken abfahren und konnten wieder nicht erkennen, wo diese Registrierung ablaufen sollte. In Frankreich zum Beispiel kann man eine Mautstelle ja nun wirklich nicht verpassen. Ein bisschen spukig. Vielleicht etwas angesteckt von der latenten Paranoia, die man im Land immer mal wieder spürte, dachten wir nun auch schon darüber nach, was hier wohl alles wie und wo registriert wurde. Das Tanken konnte man zum Beispiel fast überall nicht in bar bezahlen, nur mit Kreditkarte. Außerdem musste man an der Zapfsäule das Autokennzeichen eingeben, bevor man überhaupt Sprit bekommen konnte. Mit solchen Daten ließen sich Bewegungen im Land sicher auch ganz gut überblicken.

Auf der Fahrt erlebten wir dann bei ganz klarem Himmel unseren ersten Sonnenuntergang in der Negev-Wüste. Fantastisch. Wir bezogen wieder problemlos unsere Wohnung, alles per Whatsapp unterwegs geregelt, zwischendurch sollte man auch immer mal wieder innehalten und sich wundern und dankbar sein, wie leicht so etwas heute alles geht.

Die beiden folgenden Tage in der Negev-Wüste gehörten zu den absoluten Highlights unserer Reise. Am ersten Tag wanderten wir am Ramon-Krater, es war heiß, der Himmel war blau und die Farben der Wüste ungemein beeindruckend. Nachts wurde es erstaunlich kalt und wir schalteten sogar die Heizung ein, was ich tagsüber niemals für möglich gehalten hätte. Am zweiten Tag besichtigten wir die Festung Avdat, eine ehemals wichtige Station der Handelskarawanen auf der Gewürzstraße (Weihrauchstraße).

Beware of camels

Mitzpe Ramon

Aufgang zu "The Carpentry"

Negev

Negev

Avdat

Avdat

Steinbock

Negev

"Colored sands"

Auf dem Weg zum Toten Meer stoppten wir noch in Sede Boker. Dort kann man das ehemalige Haus von Ben Gurion besichtigen. Sein Grab befindet sich in einer atemberaubenden Szenerie.

Sede Boker (Grab von Ben Gurion)

Ben Gurion's Desert Home

Am Toten Meer angekommen, hatten wir anderthalb Tage Zeit zum Entspannen. Das war zu diesem Zeitpunkt genau das Richtige, um endlich mal alle Eindrücke ein bisschen sacken lassen zu können. Und es ist schon toll, wie man da einfach auf dem Wasser liegen und sich treiben lassen kann.

Totes Meer

Totes Meer

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