kämpfen, scheitern, leiden.

Träumen

Karl Ove Knausgårds sechsteiliger autobiographischer Romanzyklus wird vor allem als schonungslose Offenbarung wahrgenommen, für seine radikale Ehrlichkeit ist der norwegische Autor mittlerweile international bekannt. Tatsächlich machte genau dies die ersten drei Bände „Sterben“, „Lieben“ und „Spielen“ wirklich aus. Sie waren fesselnd, ein bisschen grausam und unangenehm, aber man erkannte sich selbst in diesen Bänden ebenso wieder wie die Welt, in der wir leben.

Die ersten drei Bände wurden in Norwegen alle im Jahr 2009 veröffentlicht und sorgten für viel Aufsehen, unter anderem auch deshalb, weil Knausgård nicht nur mit sich selbst schonungslos umging, sondern auch mit seinem Vater, seiner Großmutter, seiner Frau, also seinem Umfeld und seinen engsten Bezugspersonen. Verwandte wollten Knausgård wegen der Darstellung der Großmutter sogar verklagen.

Im nun erschienenen fünften Band „Träumen“ vollzieht sich ein deutlicher Bruch in der Kontinuität. Dieser lässt sich durch die heftigen Reaktionen auf die ersten drei Teile erklären. Mit sich selbst ist Knausgård zwar weiterhin gewohnt radikal, aber schon im vierten Band „Leben“ ging es im Blick auf die Menschen in seinem Umfeld deutlich zahmer zu. Im fünften Band nun kann von einer schonungslosen Offenbarung keine Rede mehr sein.

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Wir treffen auf Karl Ove Knausgård mit Anfang Zwanzig, der in Bergen lebt und studiert, der zunächst unglücklich in Ingvild verliebt ist, die ihm von seinem Bruder Yngve wegschnappt wird, und dann endlich hat er seine erste feste Freundin, Gunvor, später heiratet er seine erste Frau Tonje.

Die Beziehungen zu den Frauen – wie auch die Frauen selbst – bleiben seltsam schemenhaft. Man lernt sie gar nicht kennen, sie scheinen alle fast gleich. Das Scheitern der Beziehungen schreibt sich Knausgård immer selbst zu, die Frauen sind alle wunderbar, fast engelsgleich, er verliert kein kritisches Wort über sie. Es ist ein auffälliger, um nicht zu sagen krasser Gegensatz zu den ersten drei Bänden und beispielsweise der ganz anderen Darstellung seiner zweiten Ehe mit Linda in „Lieben.“

Das zögerliche Darstellen der anderen scheint wiederum die Schonungslosigkeit gegenüber sich selbst nur anzukurbeln. Wir begleiten einen arroganten, selbstherrlichen, aber auch tief verzweifelten jungen Mann zwischen Selbstzerstörung und Größenwahn. An einer Stelle heißt es: „Es kam mir vor, als hätte ich recht und als hätten alle anderen unrecht, als sei ich frei und als seien alle anderen an ihre Tage gefesselt.“ Dann aber: „Das Wenige, was ich sagte, kam wie aus der Tiefe eines Brunnens, dumpf und irgendwie quakend.“

Knausgård nennt sich selbst einen Sekundärmenschen, der nicht schreiben kann und dennoch um jeden Preis versucht, in der literarischen Welt Fuß zu fassen. Er will schreiben und dabei erfolgreich sein, das ist das zentrale Thema dieses Bandes. Dabei ist er enorm ehrgeizig („Ich wollte mindestens der Beste meines Jahrgangs sein“) und sieht sich selbst zu seinen besten Freunden immer in einem Konkurrenzverhältnis. Doch er braucht ewig für sein erstes Buch, und kaum ist es erschienen, beginnt eine jahrelange neue Agonie, weil er mit dem zweiten Buch nicht weiter kommt. Knausgård verletzt sich selbst, er rastet immer öfter betrunken aus, er leidet, er kämpft, er scheitert.

In bereits gewohnter, aber fast noch deutlicherer Selbstdemontage als zuvor, stellt er seine Gefühllosigkeit dar: „Ich hatte immer gewusst, dass ich mich von allem abwenden und einfach fortgehen könnte, ohne es jemals zu bereuen. Selbst Tonje konnte ich zurücklassen. Wenn sie nicht da war, vermisste ich sie nicht. Ich vermisste niemanden und hatte es nie getan. Ich vermisste Mutter genauso wenig wie Yngve. Ich vermisste Espen nie und niemals Tore [beides enge Freunde]. Ich hatte Gunvor nicht vermisst, als ich mit ihr zusammen gewesen war, und heute vermisste ich Tonje nicht. Ich würde von Zeit zu Zeit mit Wärme an sie denken, aber nicht mit Sehnsucht. Es war eine meiner Schwächen, eine Unzulänglichkeit, eine Kälte des Herzens. […] Diese Kälte des Herzens war schrecklich, und manchmal dachte ich, dass ich nicht menschlich, sondern eine Art Dracula war, der sich von den Gefühlen anderer Menschen ernährte, selbst jedoch keine hatte.“

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Durch die neue Vorsicht im Umgang mit seiner Umwelt und seinen Bezugspersonen bemerken wir die Kälte des Herzens kaum noch in den Erzählungen selbst. Aber bei einer Adressatengruppe bricht diese Kälte dann doch wieder hervor.

Knausgård braucht Geld und nimmt – nicht aus Eigeninitiative, sondern vermittelt durch seine Freundin Gunvor – einen Ferienjob in einer Anstalt für geistig Behinderte an. Zu ihnen findet er keinen Zugang, und er lebt mit ihnen sogar auch ein komisches, fast schon kindisches Konkurrenzverhältnis aus. So möchte er beispielsweise dem einen Bewohner keinen Kaffee geben, einfach aus Sturheit, und auf einem Spaziergang möchte er einem anderen Bewohner unbedingt die Richtung aufzwingen, nur um sich gegen ihn durchzusetzen. Knausgård kommt nicht mit den Bewohnern zurecht, so schreibt er zum Beispiel verärgert über Ørnulf: „Er war der Unterste der Unteren, der Schwächste unter den Schwachen, und hier saß ich und war voller Verachtung für ihn. Ich war hier der Unmensch. Aber ich kam nicht dagegen an. Seine Dummheit machte mich rasend.“

Die langen Passagen über das Leben in der Anstalt sind dabei teils durchaus gut beobachtet, so schmerzhaft sich das auch lesen mag. Hier ein Beispiel:

„Der Gedanke an die Anstalt, also an all die Tage, die mir dort bevorstanden, war schlimmer und unerträglicher als die Tage selbst, die ja zuverlässig irgendwann vorbei waren. Wenn ich dort unterwegs war, zwischen Küche und Pausenraum, Waschraum und den Zimmern, kam es mir vor, als verschwände alles andere, die Abteilung mit ihrem grellen Licht und dem Linoleumfußboden, ihren strengen Gerüchen und der geballten Frustration und einer Vielzahl zwanghafter Verhaltensweisen, war ein eigenes Dasein, in dem ich versank, es umschloss mich gewissermaßen, die Schwelle zu ihrem Dasein zu überschreiten, war wie das Betreten einer Zone. Das war nicht unproblematisch, aber die Probleme waren mit dem Leben dort und den Menschen dort, den Pflegern und Bewohnern verbunden. Es hing irgendwie damit zusammen, dass wir eingeschlossen waren, dass wir uns in einem begrenzten Raum bewegten, in dem jede noch so kleine Verschiebung in die eine oder andere Richtung ein schier unglaubliches Gewicht bekam, während das langsame Fortschreiten der Zeit und das Fehlen von etwas, was einen Weg hinaus wies, das Leben dort in eine bestimmte Art von Ruhe einlullten, einen fast vollkommenen Stillstand.“

Das war die Zeit vor der Deinstitutionalisierung, wohl lange vor jedem Gedanken an Inklusion. Allerdings offenbaren Knausgårds Schlussfolgerungen aus dem Beobachteten dann immer wieder sein mangelndes Verstehen:

„Dass die Zeit dort langsamer verstrich, war nicht weiter verwunderlich, es war ein Ort, an dem nichts passierte, an dem keine Entwicklung möglich war, das merkte man sofort, wenn man durch die Tür trat, es war eine Aufbewahrungsstelle, ein Lager für unerwünschte Menschen, und diese Vorstellung war so grauenvoll, dass man alles tat, um den Eindruck zu erwecken, es wäre nicht so. Die Bewohner hatten ihre eigenen Zimmer mit ihren eigenen Sachen, die den Zimmern und Sachen der Menschen draußen zum Verwechseln ähnlich sahen, sie nahmen ihre Mahlzeiten mit ihren Mitbewohnern und den Pflegern zu sich, die ihre Familie darstellen sollten, und gingen täglich zur ‚Arbeit.‘ Was sie dort herstellten, war wertlos, der Wert bestand allein darin, dass die Arbeit ihrem Leben die Vorspiegelung von Sinn verlieh, den die Lebensläufe draußen hatten. Und so verhielt es sich mit allem in ihrem Leben. Was sie umgab, glich etwas, und in dieser Ähnlichkeit bestand der Wert.“

Was er nicht versteht: dass die ‚Arbeit‘ nicht der Vorspiegelung von Sinn dient, sondern neben der Beschäftigung (als Wert an sich) auch der Abwechslung, die jeder Mensch braucht.

Am Ende wird es schlimm: „Eins hatte ich begriffen, als ich in der ersten Anstalt gearbeitet hatte. Das Leben war nicht modern. Alle Abweichungen, alle Deformationen, alle Entstellungen, jegliche Geistesschwäche, jeglicher Wahnsinn, alle Verletzungen, alle Krankheiten existierten nach wie vor, sie waren genauso gegenwärtig wie im Mittelalter, wir hielten sie nur verborgen, wir hatten sie in riesigen Häusern im Wald deponiert, eigene Lager für sie organisiert, sie konsequent aus unserem Blickfeld entfernt, wodurch man den Eindruck gewann, dass die Welt frisch und gesund war, aber das stimmte nicht, das Leben war auch grotesk und verzerrt, krank und schief, menschenunwürdig und demütigend. Das menschliche Geschlecht war voller Schwachköpfe, Idioten, Missgeburten, ob sie nun so zur Welt gekommen waren oder dazu geworden waren…“

Menschenunwürdiges Leben, Schwachköpfe, Idioten und Missgeburten: Nur noch ein kleiner Schritt bis zur nächsten Konsequenz aus solchem Denken, und diese Rhetorik wird leider nirgendwo relativiert oder eingeordnet, wir bekommen nur die 1:1-Perspektive des Autors mit Anfang Zwanzig. Da hätte man sich wenigstens noch eine der essayistischen Passagen dazu gewünscht, die besonders in den ersten beiden Bänden vieles dann doch wieder aufgefangen haben.

Der fünfte Band ist insofern unglücklich, als er einerseits mit der Kontinuität der Schonungslosigkeit bricht, andererseits in Bezug auf eine einzige Adressatengruppe diese dann aber doch wieder praktiziert. Besonders traurig daran ist, dass sich Knausgård ausgerechnet die Schwächsten für seine Härte ausgesucht hat, während er alle anderen in seinem Umfeld schützt. Das ist nicht nur moralisch fragwürdig, sondern auch schlicht und einfach feige: sich ausgerechnet die herauszupicken, die sich nicht wehren können.

tl;dr: Ich habe den fünften Band wieder verschlungen, er ist toll wie immer, aber er bereitet erstmals in der Serie auch einigen Kummer.

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(Warum dieser Band den Titel „Träumen“ trägt, verstehe ich nicht. Es kommen ein paar zentrale Träume vor, allerdings handelt es sich dabei um Alpträume, die nichts mit dem sanft anmutenden Titel und dem unbeschwert wirkenden Titelbild der Schaukel zu tun haben. Ich verstehe schon, dass sich Titel wie „Leiden“, „Kämpfen“ oder „Scheitern“, zum Beispiel mit dem Titelbild eines mit einer Scherbe zerkratzten Gesichts, vielleicht nicht so gut verkaufen würden, aber ich frage mich, ob man nicht doch einen Titel und ein Bild hätte finden können, die dem Text nicht so entgegenlaufen.)

[Und mindestens einer der Titel in der Reihe sollte bitte „Kämpfen“ heißen, denn das ist schließlich der Originaltitel der ganzen Serie, ein Band bleibt ja noch dafür.]

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