zukunftskinder.

In der Titelgeschichte der dieswöchigen ZEIT beschreiben Ulrich Bahnsen und Martin Spiewak das immer tiefere Eingreifen des Menschen in die Schöpfung als Überwindung der Schicksalhaftigkeit unserer genetischen Ausstattung.

Dem Thema sind drei volle Seiten der Zeitung, insgesamt vier Artikel gewidmet. Nach der Lektüre bleibe ich als etwas ratlose Leserin zurück: die Artikel beschreiben die jüngsten Abstimmungen im englischen Abgeordnetenhaus, sie veranschaulichen Methoden des Eingreifens, interviewen Forscher, betonen die unterschiedliche Sichtweise der Problematik in Großbritannien und Deutschland, die historisch erklärt werden kann. Zwischen den Zeilen liest man, die Aufregung in Deutschland sei unnötig, da jedwede Anwendung von Stammzellforschung Zukunftsmusik sei, und schon anwendbare Methoden wie die Präimplantationsdiagnostik (PID) würden doch in der Praxis vergleichsweise selten angewendet. Alles halb so schlimm also? Ob man mit dieser Darstellung des Titelthemas versucht, die deutsche Wahrnehmung möglichst sachte in die englische Richtung zu stupsen, oder ob hier eine doch recht unreflektierte Naivität am Werk ist, kann man aus der Lektüre nicht beurteilen. Festzustellen ist auf jeden Fall, dass den drei Seiten Abhandlung über die „Zukunftskinder“ das Bewusstsein für eine ganze Dimension der neuen Eugenik fehlt.

In England beschloss das Abgeordnetenhaus, Kinder mit Hilfe genetischer Testverfahren so auswählen zu dürfen, dass sie nach der Geburt als lebensrettende Zellspender für todkranke Geschwister dienen können. Es sei für das selektiv zur Welt gebrachte Kind keine Last, einem Geschwisterkind zu helfen. Diese Aussage ist gerade deshalb interessant, als dieselben Menschen, die so argumentieren, gleichzeitig für Selektionsmechanismen mittels Präimplantationsdiagnostik sind, um zu verhindern, dass Kinder mit bestimmten Krankheiten oder Behinderungen überhaupt geboren werden. Nicht selten wird hierfür als Grund angeführt, es sei den gesunden Geschwisterkindern nicht zuzumuten, dass sie ein Leben lang für eine behinderte oder chronisch kranke Schwester oder einen solchen Bruder verantwortlich sind.

Im ersten Fall ist es für das gesunde Kind keine Last, dem kranken Kind zu helfen, im zweiten Fall schon. Diese Logik muss man erstmal verstehen. Im ersten Fall wird davon ausgegangen, dass die Krankheit durch Zellspende geheilt werden kann. Es handelt sich um keine Last, weil die Hilfeleistung ein rein körperlicher, medizinischer, augenblicklicher Eingriff ist, der einem Mangelzustand vergleichsweise schnell Abhilfe schafft. Im zweiten Fall wäre die zu erbringende Hilfeleistung vor allem eine seelische, und zudem eine dauerhafte. Das wäre als eine Last anzusehen: die dafür nötige Geduld, Zeit und Liebe kann man heute von niemandem mehr erwarten.

Verfolgt man die Argumentationslinien der Befürworter von PID und sonstigen Formen neuer Eugenik, so stößt man immer wieder auf derart widersprüchliche Argumentationen, die jeweils nur in der Frage der Zumutbarkeit ihre Widersprüche aufheben, beziehungsweise in ihr münden.

Dass die Rechtfertigung von Eingriffen wie der PID nicht nur das Leben von Kranken und Behinderten verhindert, sondern in Weiterführung ihrer Logik auch Konsequenzen für diejenigen hat, die schon auf der Welt sind, zeigte sich nicht zuletzt am Fall Ashley. Ashley durfte nicht wachsen, die Brüste und Gebärmutter wurden ihr entfernt, sie soll für immer ein Kind bleiben, damit ihre Eltern sie leichter pflegen können. Die Frage der Zumutbarkeit wird heute an die Angehörigen adressiert, nach der Zumutbarkeit für Ashley fragt man besser nicht, ebenso wenig danach, was aus dem Recht auf körperliche Unversehrtheit geworden ist. Der gesellschaftliche Druck, der durch die neue Eugenik entsteht, ist enorm groß – umso erstaunlicher, dass er bei der ZEIT auf drei ganzen Seiten nur ein Mal vorkommt, und da dann stark heruntergespielt wird: eine Frau Nippert vom Institut für Humangenetik der Universität Münster wird mit dem Satz zitiert „Die Technik verändert, glaube ich, die Medizin oder die Gesellschaft sehr viel weniger, als die emotional geführte Debatte vermuten lässt.“ Mit Frau Nippert würde ich gerne einmal sprechen und sie aus ihrem Elfenbeinturm herausholen. Betroffene, Angehörige oder ähnlich störende Bedenkenträger wurden von den Journalisten lieber gar nicht erst befragt.

Die Journalisten beschreiben das immer tiefere Eingreifen des Menschen in die Schöpfung völlig zu recht als Überwindung der Schicksalhaftigkeit unserer genetischen Ausstattung, denken aber leider nicht darüber nach, welche Motivation sich dahinter verbergen könnte. Ich denke, es ist die um sich greifende und sich stetig erweiternde Dimension des Sicherheitswahns. Warum will man denn das Schicksal überwinden? Doch wohl deshalb, weil man sich nicht mehr zutraut, das Schicksal nicht nur aushalten, sondern sogar gut damit leben zu können. Man sucht stattdessen Sicherheit und Norm, wobei eines jeweils das andere garantiert. Wie glücklich ist man aber dann in einem derart gesicherten und uniformierten Leben? Wie kann man an einem solchen Leben wachsen, innere Stärke und Zuversicht entwickeln? Verständnis entwickeln für den Menschen, und die Menschen an sich, also für das, was man so oft als „das Schicksal des Menschlichen“ bezeichnet? Wie sollen diese Reifeprozesse noch stattfinden, wenn man eben jenes Schicksal immer weiter ausmerzt? Wir werden unseren Kindern nicht viel davon mit auf den Weg zu geben haben – und deren Sicherheitsbedürfnis, Schicksalsvermeidung und Normierung könnte dadurch zu einem noch tieferen Bedürfnis werden, durch das in der nächsten Generation ganz neue Ausmaße des Eingreifens in die Schöpfung erforscht und angewendet werden. Zukunftskinder eben.

2 thoughts on “zukunftskinder.

  1. Antworten
    Karin - 29. Mai 2008

    Vielen Dank für Ihre Meinung. Das Leben ist bunt, das sollten wir wirklich nicht vergessen. Als stille Mitleserin des Blogs bin ich immer wieder erfreut, dass für mich so „normale“, nicht-oberflächliche Gedankengänge wie die Ihren immerhin hier ein Forum haben.

  2. Antworten
    Der ____weiler - 30. Mai 2008

    Man kann den gesellschaftlichen Druck auf Behinderte nicht verstehen, wenn man ihn nicht gesehen hat.

    Wenn ich es nicht gesehen hätte, würde ich mich strikt weigern, zu glauben, dass Leute einem auf der Strasse sagen, es wäre besser, man würde nicht leben. Noch nicht mal in bösem Ton, eher als Bekundung des Mitleids.

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