75 wochen.

Fünf Ampeln sind es zwischen unserer Wohnung und dem Alten Luisenstädtischen Friedhof. Wenn wir in Berlin sind, fahren wir noch immer jeden Tag dorthin, am liebsten mit dem Fahrrad.

Johns Grabstein

Lange konnten wir uns nicht entscheiden, was für einen Stein wir auf Johns Grab haben möchten. Ich tendierte eher zu einer Naturstele, aber dann kam alles anders. Als Scott nämlich diesen Stein entdeckte, ein Unikat aus Muschelkalkstein, sagte er spontan: „Der sieht aus, als habe John mit Fingerfarbe drauf gemalt.“ Nachdem wir diese Vorstellung erstmal im Kopf hatten, brauchten wir nicht mehr weiter zu gucken.

Das Aufstellen des Steins war ganz schön aufregend. Dieser Moment, als wir das erste Mal davor standen, den eingemeißelten Namen sahen, das hatte noch einmal so etwas Endgültiges, besonders natürlich auch die Daten. Und die Fotofliese, die extra in Bayern gebrannt worden ist, sie hat 100 Jahre Garantie (wir werden es nicht überprüfen können). Es ist schlimm, den Namen des eigenen Kindes mitsamt Geburts- und Sterbedatum in einen Stein eingemeißelt zu sehen. Ein weiterer Schritt des Abschließens und gleichzeitig des Übergebens an die Ewigkeit. Da braucht man schon wieder ein paar Wochen, um sich davon zu erholen, zumal auch noch dazukam, dass die Krankenkasse Johns geliebtes Dreirad abgeholt hat. Der Moment, als es auf der Ladefläche festgezurrt wurde, wird mir auch in Erinnerung bleiben. Manchmal kommt mir die Zeit vor wie ein Puzzle aus Endmomenten. Wir sind aber sehr froh über unseren Stein.

Im März brach unser zweites Jahr auf dem Friedhof an. Wir kennen nun schon die Blüte des Magnolienbaums im Frühling, die Rhythmen der Pflanzen. Der kleine Rosenbusch, den wir letztes Jahr im Frühling gepflanzt haben, ist in seinem zweiten Jahr deutlich kräftiger und größer geworden. Er hat den Winter gut überstanden. Scott mausert sich zum Gärtner, er liest ständig über Pflanzen, hat dem neuen Rosenbusch eine Clematis an die Seite gepflanzt. Den Friedhof könnten wir eigentlich schon als unseren Zweitwohnsitz eintragen lassen.

Magnolie

Unsere Rosen im zweiten Jahr

Neben uns ist plötzlich der Sohn von Ilse, Johns Grabnachbarin, aufgetaucht. Wir hatten ihn noch nie getroffen, er war der einzige Nachbar, den wir noch nicht kannten. Er hat das Grab seiner Mutter neu gestaltet und wollte erst den Gingko herausnehmen. Er ist der Meinung, Bäume brauchen immer mindestens ein Exemplar der gleichen Sorte in Sichtweite, um sich wohl zu fühlen. Als wir ihm sagten, dass es in der Nähe aber doch noch einen Gingko gebe, war er ganz aufgeregt. Scott lief mit ihm hin und zeigte den kleinen Baum. Da kam er zurück und sagte: „Nun steht es fest, der Gingko bleibt. Er hat ja einen Kollegen, jetzt muss er bleiben.“ Wir freuen uns drüber.

Ich wollte einfach mal wieder was schreiben. Ich habe immer das Gefühl, es gibt nichts zu sagen. Fast anderthalb Jahre seit Johns Tod, das scheint irgendwie lang, aber für uns ist es ganz kurz. Wir haben uns innerlich nicht bewegt, wir stehen immer noch ratlos in der Ecke, wir kommen aus dem puren Aushalten-Modus nicht raus, denn der ist schon schwer genug zu bewältigen. Das Einzige, was mich effektiv und zugleich wohltuend ablenkt, ist die Arbeit. Je mehr ich arbeite, desto besser, und deshalb arbeite ich gerne und viel.

Johns Grab

Choose between numbness and pain
While looking at the beauty of roses and stones

Das muss ich oft denken, wenn wir da sitzen. Mal sehen, ob sich da irgendwann noch irgendwas bewegt. Wir haben es nicht eilig, wir haben alle Zeit der Welt.

2 thoughts on “75 wochen.

  1. Antworten
    Sammelmappe - 11. August 2017

    Alles Liebe für Euch!

  2. Antworten
    naimoe - 16. August 2017

    Danke für den Text!

    „Choose between numbness and pain“ passt auch für mich sehr gut und ich merke (354 Woche danach), dass es für mich immer der bessere Weg bleibt, den Schmerz zu wählen. Jedenfalls in einem Sinne: Wenn ich an meine toten Kinder denke, denke ich an sie und schaue mir die Gedanken bewusst an und genieße und bewahre meine Erinnerungen und denke weiter. Allzu oft machen mich die Notwendigkeiten des Alltags taub, dann bin ich froh über die Erinnerung und die Freude und akzeptiere den Schmerz, der (nicht immer) damit einhergeht.

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