Man lebt nur einmal – probiers aus!

Letzten Montag holte ich die für mich letzte Reisegruppe vor der Sommerpause vom Flughafen ab. Zwei Frauen hatten in Frankfurt einfach beschlossen, einen späteren Flug nach Berlin zu nehmen. Ich überlegte, ob ich überhaupt noch für ihren Transfer zum Hotel verantwortlich war, entschloss mich dann aber, nett zu sein und extra noch einmal nach Tegel rauszufahren. Für die beiden Frauen schien es eine absolute Selbstverständlichkeit zu sein, dass sie trotzdem noch abgeholt werden, jedenfalls sagten sie nichts, das anderes hätte vermuten lassen, und zeigten sich auch keineswegs übermäßig dankbar. Schon hatte ich ein schlechtes Gefühl, was diese letzte Gruppe betrifft: letzte Gruppen sind immer gefährlich.

Dienstag gingen wir im „Zwölf Apostel“ in der Georgenstraße essen und ich lernte den Rest der Gruppe kennen. Die älteren Frauen neben mir redeten leidenschaftlich und ausführlich darüber, dass die Berliner ja so schlecht angezogen seien, und dass in New York die Mütter ihre Kinder erstens viel zu lange in Buggys herumschieben, und ihnen zweitens viel zu lange erlauben, Schnuller zu haben. Das schlechte Gefühl wuchs.

Donnerstagmorgen ging ich mit der Gruppe zunächst in den Weddinger Sprengelkiez, es ging um soziale Stadtplanung, wir sprachen mit der Leiterin des SprengelHauses, die Leute waren sehr interessiert, so weit lief dann ja doch alles gut. Anschließend fuhren wir mit Taxen nach Charlottenburg, zum Savoy Hotel in die Fasanenstraße. Erst Wedding, dann Lunch im Savoy. Nunja. Bei der nachmittäglichen Führung „Hinter den Kulissen“ der Deutschen Oper sahen wir schonmal das Bühnenbild der gestrigen Premiere des Fliegenden Holländer. Die Dramaturgin erklärte der Gruppe die Opernlandschaft von Berlin, natürlich nicht ohne zu betonen, dass Berlin unbedingt drei Opernhäuser braucht. Später aßen wir im Diekmann’s am Potsdamer Platz zu Abend, und spazierten dann hinüber ins Kulturforum, wo sich bis 22 Uhr eine Führung durch die Gemäldegalerie anschloss. Caravaggio, Canaletto, Rubens, Vermeer, Cranach. Ich habe dort schon mehrfach Führungen mitgemacht und wanderte darum ein bisschen abseits, zu Bildern, die ich noch nicht genau angesehen habe. So entdeckte ich ein Gemälde von Hendrick ter Brugghen aus dem frühen 17. Jahrhundert, das einen musizierenden Jungen zeigt, dessen Mimik und Gestik sehr autistisch aussehen. Ich fragte mich, ob Hendrick ter Brugghen wohl tatsächlich einen autistischen Jungen gemalt hat, oder ob ich einfach unter Verfolgungswahn leide.

Freitagmorgen: Führung durch das Holocaust-Mahnmal und den darunterliegenden „Ort der Information.“ Die Führungen werden über die Stiftung organisiert und sind eigentlich immer sehr gut. Der Ausnahme zu dieser Regel begegneten wir leider an diesem Morgen: der junge Mann sprach nur schlecht Englisch, holperte darum in weitschweifenden, nach Worten suchenden Sätzen durch die Entstehungsgeschichte, sagte fast nichts zu Eisenman „weil er selbst Historiker sei und kein Architekt“, und ließ Degussa und die Diskussionen darüber, ob man den ermordeten Juden alleine, oder aber auch getöteten Homosexuellen, Behinderten und Sinti/Roma gedenken wolle, gleich ganz aus. Viele Fragen der Gruppe konnte er nicht beantworten, alles in allem war die Führung wirklich schlecht, und ich hatte mit dem Nachtragen anschließend meine liebe Mühe.

Abends gingen wir dann ins Konzerthaus am Gendarmenmarkt, gespielt wurden Mussorgsky, Chatschaturjan und Rimski-Korsakow. Zuvor hatte die Gruppe über Hillary Clinton und Barack Obama diskutiert, war irgendwie auf das Gesundheitssystem zu sprechen gekommen, und ein Mann hatte gesagt, dass Eltern von behinderten Kindern viel zu viel für ihre Kinder wollen, es sei doch wirklich nicht wichtig, ob man deren IQ von 60 auf 65 bringt, wenn man dafür 30.000 Dollar im Jahr in ihre Erziehung stecken muss. Eine Frau hatte ihm entrüstet beigepflichtet: „And then normal children’s music lessons have to reduced, because there’s not enough money for that anymore!“ Sie hatten natürlich keine Ahnung von meiner Situation, innerlich kochte ich, Mussorgskys „Nacht auf dem Kahlen Berge“ brachte mich dann aber ganz gut wieder runter. Auf der Rückseite der Eintrittskarte für das Konzerthaus übrigens: Werbung für Gazprom.

Samstagmorgen traf ich wieder pünktlich im Hotel ein, drei der Reisenden saßen schon zeitungslesend in der Lobby. Ich schritt auf sie zu und begrüßte sie mit einem fröhlichen: „Good morning!“, worauf ich keine Reaktion erhielt. Alle drei lasen einfach weiter, und fingen dann nach eigenem Gusto irgendwann plötzlich an, mit mir zu sprechen. Die Service-Mentalität, dass sie für ihre Reise bezahlt haben, und man ihnen zur Verfügung stehen soll, und andererseits aber keine gegenseitige Höflichkeit erwarten darf, ist so typisch für reiche Leute, vor allem auch für reiche Amerikaner: da kann man am frühen Morgen schon mal einen kleinen Klassenhass kultivieren.

Samstagmorgen also. Führung durch die Sammlung Hoffman in den Sophie-Gips-Höfen, eine kleine Rache, denn mir ist schon vorher klar, dass ihnen diese zeitgenössische Kunst niemals gefallen wird. Zum Beispiel ist dort Zuzanna Janin aus Polen ausgestellt, die 2003 ihre eigene Beerdigung besuchte; die Leute dachten wirklich, sie sei tot, „I’ve seen my own death“, ich meine, ich wusste doch, dass diese Gruppe entsetzt sein wird. Zum Glück für das Reiseprogramm war der Maler, der die Führung durch die Sammlung machte, allerdings sehr gut, sie verziehen ihm manche Installation.

Sonntagmorgen, Pergamon-Museum. Am Ishtar-Tor prügeln sich die Besucher fast darum, an die Absperrung treten und das Tor ansehen zu können. Als wir den Platz freimachen, drängt sich eine deutsche Touristin vor eine andere, die laut zurückkeift: „Haa-llo! Ich habe auch bezahlt!“ Am Anfang der Saison findet man sowas noch lustig.

Es ist gar nicht unanstrengend, die amerikanischen Gruppen zu betreuen, die viel Geld für diese Reisen zahlen. Für das viele Geld wollen sie viel sehen, erfahren und wissen. Läuft man über die Weidendammbrücke, erzählt man ihnen, dass sich hier Theodor Fontane verlobt hat. Man zeigt, erklärt, erzählt ständig irgendetwas, und sei es nur, dass man auf eine Frage antwortet, dass der Baum da eine Kastanie ist. Wie kleine Kinder fragen und fragen sie den ganzen Tag, und da diese Leute meist recht gebildet sind, fragen sie häufiger nach Fontane als nach einer Kastanie. Sie saugen sämtliches Wissen aus einem heraus, und brauchen andererseits bei allem Hilfe. Am Ende des Tages ist man ganz ausgelaugt, leer.

Mal ganz zu schweigen von den ihnen eigenen Spleens, wie zum Beispiel, dass sie nie ihre Taschen an der Garderobe abgeben wollen. Jeden Tag geht man in irgendwelche Museen oder Konzerte, und da darf man nunmal keine Rucksäcke und großen Taschen mit hineinnehmen, das ist doch verständlich. Aber jeden Tag – und täglich grüßt das Murmeltier – diskutieren sie wieder mit dem jeweiligen Führer darüber, ob ihre Tasche nicht vielleicht doch klein genug ist, dass sie sie noch mit hinein nehmen dürfen. Dabei ist die Garderobe sogar kostenlos, ich werde nie verstehen, warum es so schwer ist, seine Tasche dort abzugeben, man kann doch sein Portemonnaie herausnehmen, und gut ist es. Eine Frau bettelte den Mann im Pergamon-Museum an: „You know, when you’re traveling, you get so attached to your bag.“ Hä? Gut, dass Sommerpause ist. Sehr gut.

Ach ja, weswegen ich dieses Posting „Man lebt nur einmal – probiers aus!“ genannt habe: ich bekomme ständig E-Mail-Spam mit dieser Betreffzeile und denke jedes Mal: „Tue ich doch, ich lebe doch, quasi automatisch, das brauche ich doch nicht extra auszuprobieren, das mache ich jeden Tag, oder was denkst Du, was ich hier gerade tue?“ Das ist doch wirklich der blödeste Spam aller Zeiten. (Oder vielleicht denke ich das nur, weil ich gerade eine Woche lang die blödeste Reisegruppe aller Zeiten begleitet habe.)

vitaminlobby.

Bei meiner Hausärztin komme ich mir vor wie bei einem Versicherungsvertreter. Was sie alles anbietet, steht auf einer langen Liste am Eingang, von Sauerstofftherapie über Homöopathie bis zu Vitaminspritzen. „Heutzutage muss man als Hausarzt viele Zusatzausbildungen haben, sonst kommt man nicht mehr zurecht“, sagt eine junge Ärztin und hangelt sich von einer Weiterbildung zur nächsten. Meine Hausärztin hat das, wie die ganzen Zertifikate beweisen, die überall herumhängen, anscheinend schon hinter sich. Und so werde ich denn gefragt, ob ich nicht eine Vitaminspritzenkur machen, günstig ein Nahrungsergänzungspaket aus den USA bestellen, oder einmal wöchentlich draußen auf dem Platz am Qi-Gong teilnehmen möchte. Nein, nein und nein. Das unangenehme Abwehren der vielen Vorschläge hinterlässt den schalen Geschmack von Versicherungsvertretertum, fast traue ich mich schon nicht einmal mehr, mein Rezept für das Schilddrüsenmedikament abzuholen. Eine Vitaminspritze kostet zehn Euro, empfohlen wird eine Serie von mindestens sechs Spritzen. Wieviel Prozent des ärztlichen Einkommens wohl schon aus solchen Leistungen stammen, die der Patient selbst zahlt?

„Der Ruf von Vitaminzusätzen ist unverwüstlich. Keine andere Substanzgruppe verfügt über ein ähnlich positives Image – irgendwo zwischen Allheilmittel und Jungbrunnen“, zitiert das Securvita-Magazin den Wissenschaftsautor Dr. Werner Bartens. Dabei zeigen Studien, dass zu viel Vitamin C und Betakarotin das Risiko von Lungenkrebs nicht etwa senken, sondern steigern.

Mich erinnert diese Frage an zwei Erlebnisse, die sich binnen kürzester Zeit ereigneten: zuerst reisten Verwandte meines Exmannes nach Chicago und sollten für die Familie in Deutschland unbedingt Vitamine mitbringen, weil man die doch in den USA viel besser kaufen könne. Wenig später reiste eine der amerikanischen Reisegruppen in Berlin an, und noch auf dem Weg vom Flughafen zum Hotel kündigte mir eine der Reisenden an, dass sie als Erstes eine Apotheke finden wolle, weil man doch in Deutschland viel bessere Vitamine kaufen könne als in den USA.

Das positive Image zwischen Allheilmittel und Jungbrunnen funktioniert offensichtlich sogar noch besser, wenn man ein bisschen geographische Distanz beimischt, was ja eigentlich auch nur logisch ist: könnte man die Wunderwaffe einfach nebenan in der Drogerie kaufen, müssten ja alle Menschen optimal versorgt sein und damit würde der Versprechungs- und Hoffnungscharakter ausgehebelt, während es natürlich wesentlich vielversprechender ist, sich von weit her zu versorgen. So verzehren die Deutschen amerikanische Vitamine und die Amerikaner die Vitamine aus Deutschland, das ist die globale Vernebelung.

Aber mit dem Gesundheitssystem hat man ja sowieso geradezu täglich seinen Spaß. Letzte Woche ging ich mit John zur Kinderärztin, um eine Heilmittelverordnung für ein neues Kommunikationssystem abzuholen. Als wir eintraten, legten gerade zwei Mütter Bescheinigungen vor, dass ihre Kinder auf eine Kinderfreizeit fahren, daraufhin studierten zwei Sprechstundenhilfen eingehend eine Deutschlandkarte: es wurde darum gefeilscht, ob die Kasse die FSME-Impfung (Zecken) zahlt. Die Kinder fahren nach Bayern, sagten die Mütter, die Sprechstundenhilfen konnten aber den kleinen Ort auf der Karte nicht finden. Anscheinend wird die Impfung nur für bestimmte Bundesländer gezahlt, die besonders gefährdet sind. Schließlich glaubten die Sprechstundenhilfen dann doch einfach den Müttern, dass sich der Ort in Bayern befindet. Resigniert seufzte die eine: „Okay, wenn sie wirklich nach Bayern fahren, dann bekommen sie die Impfung kostenlos.“

Die Ärzte als Versicherungsvertreter, die Sprechstundenhilfen als Feilscher auf dem Fischmarkt.

Wunderbarer Text zu „Lost“, den aber wohl wirklich nur Lost-Fans genießen können: „The opening act from the original unused teleplay of Lost’s pilot episode.“ Herrlich.
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Nach dem Treffen unserer Elterngruppe gestern Abend musste ich natürlich zwangsläufig wieder „Germany’s next top model“ einschalten. Ich kam erst nach zehn Uhr nach Hause, und schaltete gerade ein, als Christina vor der Jury stand und bewertet wurde. „Am Anfang warst Du ein Reh, ein Hase, ein Kätzchen“, sagt Heidi Klum gerade. „Aber Du hast Dich toll entwickelt, und jetzt sehen wir Dich an und sehen Christina. Du bist Christina! Das ist eine große Leistung, und darauf kannst Du stolz sein.“ Ich fasse es nicht, ich habe nur ein paar Sekunden eingeschaltet und bin schon wieder völlig überrollt. Diese Reihe von Tiervergleichen, absurd, und im Laufe der Show hat sie sich dann zu einem Menschen entwickelt, der sogar einen Namen verdient und jetzt erst, quasi plötzlich, eine Identität hat? Erst als sich die Jury die junge Frau nach eigenen Vorstellungen zurechtgebogen hat, erkennt sie Christina als Christina, und darauf soll Christina dann stolz sein. Irgendwie gehen hier so viele Ebenen durcheinander. Natürlich ist die Angesprochene über dieses Lob, nun endlich eine Identität zu haben, dann tatsächlich so gerührt, dass sie weinen muss. Die ewige Suche nach Anerkennung, deren Durst hier so aufs Äußerste gestillt wird. Sei’s drum, dass es nur durch verquere, fast scientologisch anmutende Praktiken geschieht.
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Soll es einen bei diesen ganzen Bewertungs- und Beurteilungsshows noch wundern, wenn die Jury nun bald alle Lebensbereiche durchdringt? In den USA hat eine Lehrerin die Klasse über einen autistischen Schüler entscheiden lassen. Sie hat die anderen Kinder gefragt, ob er nach einem „Fehlverhalten“ die Klasse verlassen soll. Die Kinderjury stimmte mit 14:2 gegen den autistischen Jungen und warf ihn hinaus. Ausgeschieden. Schalten Sie nächste Woche wieder ein um zu sehen, wer dann nicht mehr mithalten kann. („Alex Barton, 5, was instructed by his teacher to stand in front of the class and listen as other students described what they disliked about him, according to a police report.“ Klingt das etwa nicht nach GNT?)
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Interview mit der Mutter von Alex.
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Die New York Times hat eine Karte, die Krankheiten den Genen zuordnet, die sie gemeinsam haben: Mapping the Human „Diseasome“
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A set of Japanese interchange photos
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Wie man auf die Idee kommt, mit Flipflops Fahrrad zu fahren. Heute ist mir zum dritten Mal beinahe ein Radfahrer vors Auto gefallen, weil er mit seinen Flipflops fast das Gleichgewicht auf dem Fahrrad verloren hat. Fahrradfahren ist Bewegung, sogar recht schnelle Bewegung, Koordination, Balance, und damit von Natur aus unverträglich mit Flipflops, deren Träger vielleicht unfreiwillig, aber dennoch zwangsläufig, mit ihrem Schuhwerk eine lässige Gemütlichkeit signalisieren. Man muss schon beim Gehen ständig aufpassen, dass einem die Flipflops nicht wegrutschen, da kann man nicht schnell vorwärts kommen, Flipflops sagen: „Hey, ich hab’s nicht eilig.“ Fahrradfahren erfordert neben schmalen Pedalen, die sich schon nicht mit Flipflops vertragen, zusätzliche Balance und das harmoniert nun einmal nicht, jedenfalls habe ich noch niemanden erlebt, der diese Mischung gemeistert hätte, stattdessen strampeln sich flipfloptragende Fahrradfahrer umständlich, die Schuhe an den Pedalen verhakend, sie dabei fast verlierend, und darum schlingernd durch Berlin.
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Heute später, wenn das Kind schläft, Paul Grahams Text „Cities and ambition“ evtl. mal gegenlesen mit Simmels „Die Großstädte und das Geistesleben.“

zukunftskinder.

In der Titelgeschichte der dieswöchigen ZEIT beschreiben Ulrich Bahnsen und Martin Spiewak das immer tiefere Eingreifen des Menschen in die Schöpfung als Überwindung der Schicksalhaftigkeit unserer genetischen Ausstattung.

Dem Thema sind drei volle Seiten der Zeitung, insgesamt vier Artikel gewidmet. Nach der Lektüre bleibe ich als etwas ratlose Leserin zurück: die Artikel beschreiben die jüngsten Abstimmungen im englischen Abgeordnetenhaus, sie veranschaulichen Methoden des Eingreifens, interviewen Forscher, betonen die unterschiedliche Sichtweise der Problematik in Großbritannien und Deutschland, die historisch erklärt werden kann. Zwischen den Zeilen liest man, die Aufregung in Deutschland sei unnötig, da jedwede Anwendung von Stammzellforschung Zukunftsmusik sei, und schon anwendbare Methoden wie die Präimplantationsdiagnostik (PID) würden doch in der Praxis vergleichsweise selten angewendet. Alles halb so schlimm also? Ob man mit dieser Darstellung des Titelthemas versucht, die deutsche Wahrnehmung möglichst sachte in die englische Richtung zu stupsen, oder ob hier eine doch recht unreflektierte Naivität am Werk ist, kann man aus der Lektüre nicht beurteilen. Festzustellen ist auf jeden Fall, dass den drei Seiten Abhandlung über die „Zukunftskinder“ das Bewusstsein für eine ganze Dimension der neuen Eugenik fehlt.

In England beschloss das Abgeordnetenhaus, Kinder mit Hilfe genetischer Testverfahren so auswählen zu dürfen, dass sie nach der Geburt als lebensrettende Zellspender für todkranke Geschwister dienen können. Es sei für das selektiv zur Welt gebrachte Kind keine Last, einem Geschwisterkind zu helfen. Diese Aussage ist gerade deshalb interessant, als dieselben Menschen, die so argumentieren, gleichzeitig für Selektionsmechanismen mittels Präimplantationsdiagnostik sind, um zu verhindern, dass Kinder mit bestimmten Krankheiten oder Behinderungen überhaupt geboren werden. Nicht selten wird hierfür als Grund angeführt, es sei den gesunden Geschwisterkindern nicht zuzumuten, dass sie ein Leben lang für eine behinderte oder chronisch kranke Schwester oder einen solchen Bruder verantwortlich sind.

Im ersten Fall ist es für das gesunde Kind keine Last, dem kranken Kind zu helfen, im zweiten Fall schon. Diese Logik muss man erstmal verstehen. Im ersten Fall wird davon ausgegangen, dass die Krankheit durch Zellspende geheilt werden kann. Es handelt sich um keine Last, weil die Hilfeleistung ein rein körperlicher, medizinischer, augenblicklicher Eingriff ist, der einem Mangelzustand vergleichsweise schnell Abhilfe schafft. Im zweiten Fall wäre die zu erbringende Hilfeleistung vor allem eine seelische, und zudem eine dauerhafte. Das wäre als eine Last anzusehen: die dafür nötige Geduld, Zeit und Liebe kann man heute von niemandem mehr erwarten.

Verfolgt man die Argumentationslinien der Befürworter von PID und sonstigen Formen neuer Eugenik, so stößt man immer wieder auf derart widersprüchliche Argumentationen, die jeweils nur in der Frage der Zumutbarkeit ihre Widersprüche aufheben, beziehungsweise in ihr münden.

Dass die Rechtfertigung von Eingriffen wie der PID nicht nur das Leben von Kranken und Behinderten verhindert, sondern in Weiterführung ihrer Logik auch Konsequenzen für diejenigen hat, die schon auf der Welt sind, zeigte sich nicht zuletzt am Fall Ashley. Ashley durfte nicht wachsen, die Brüste und Gebärmutter wurden ihr entfernt, sie soll für immer ein Kind bleiben, damit ihre Eltern sie leichter pflegen können. Die Frage der Zumutbarkeit wird heute an die Angehörigen adressiert, nach der Zumutbarkeit für Ashley fragt man besser nicht, ebenso wenig danach, was aus dem Recht auf körperliche Unversehrtheit geworden ist. Der gesellschaftliche Druck, der durch die neue Eugenik entsteht, ist enorm groß – umso erstaunlicher, dass er bei der ZEIT auf drei ganzen Seiten nur ein Mal vorkommt, und da dann stark heruntergespielt wird: eine Frau Nippert vom Institut für Humangenetik der Universität Münster wird mit dem Satz zitiert „Die Technik verändert, glaube ich, die Medizin oder die Gesellschaft sehr viel weniger, als die emotional geführte Debatte vermuten lässt.“ Mit Frau Nippert würde ich gerne einmal sprechen und sie aus ihrem Elfenbeinturm herausholen. Betroffene, Angehörige oder ähnlich störende Bedenkenträger wurden von den Journalisten lieber gar nicht erst befragt.

Die Journalisten beschreiben das immer tiefere Eingreifen des Menschen in die Schöpfung völlig zu recht als Überwindung der Schicksalhaftigkeit unserer genetischen Ausstattung, denken aber leider nicht darüber nach, welche Motivation sich dahinter verbergen könnte. Ich denke, es ist die um sich greifende und sich stetig erweiternde Dimension des Sicherheitswahns. Warum will man denn das Schicksal überwinden? Doch wohl deshalb, weil man sich nicht mehr zutraut, das Schicksal nicht nur aushalten, sondern sogar gut damit leben zu können. Man sucht stattdessen Sicherheit und Norm, wobei eines jeweils das andere garantiert. Wie glücklich ist man aber dann in einem derart gesicherten und uniformierten Leben? Wie kann man an einem solchen Leben wachsen, innere Stärke und Zuversicht entwickeln? Verständnis entwickeln für den Menschen, und die Menschen an sich, also für das, was man so oft als „das Schicksal des Menschlichen“ bezeichnet? Wie sollen diese Reifeprozesse noch stattfinden, wenn man eben jenes Schicksal immer weiter ausmerzt? Wir werden unseren Kindern nicht viel davon mit auf den Weg zu geben haben – und deren Sicherheitsbedürfnis, Schicksalsvermeidung und Normierung könnte dadurch zu einem noch tieferen Bedürfnis werden, durch das in der nächsten Generation ganz neue Ausmaße des Eingreifens in die Schöpfung erforscht und angewendet werden. Zukunftskinder eben.

Der Tischler nennt der Kollegin seinen Stundenpreis von 35 Euro, und sie sagt erfreut: „Oh, das geht ja noch, wenn wir Glück haben, verdienen wir das ja sogar manchmal auch.“ Darauf der Tischler sehr verstört: „Aber Sie sind doch alle studierte Leute, da in der Bürogemeinschaft, Sie müssten doch mehr verdienen als ich.“ Nunja.

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